Du bist ein Horst

Ich würde mir auch mal gerne eine solch fürstliche Diät wünschen für so einen Haufen Faxen und Kasperltheater, wie „Horst Heimat“ sie seit Jahren in seinem vorigen Job und vor allem jetzt im Moment fabriziert. Das Problem bei der Angelegenheit ist, dass er und seine Spezis gerade 1A Vorarbeit für die rechtsradikalen Populisten im Parlament betreiben. Ich schätze sie so rückgratlos ein, dass es mich nicht wundern würde, wenn sie irgendwann offen mit ihnen kooperieren.

Und dann heisst’s wieder: „Das hätte man doch nun wirklich nicht kommen sehen können!“. Alles nur Alibi, ich sag’s euch. Doch, das kann man vorahnen! Haben wir schon zu oft erlebt. Ich meine, ich will’s ja nicht heraufbeschwören, aber man muss eben auch mal realistisch bleiben: Wenn man nicht will, dass Geschichte sich wiederholt, dann muss man aus ihr seine Lehren ziehen, sich zumindest mit ihr beschäftigen.

Diese Hornochsen hingegen sehen für mich nicht danach aus, als hätten sie irgendwas dazugelernt und das macht die Situation eben so kritisch. Jetzt kann man natürlich sagen: „Ja schau dich doch mal um. Die Hornochsen gibt’s ja nicht nur bei uns“. Ja, klar, gibt’s die nicht nur bei uns, aber erstens mal hat man das schon öfter in der Vergangenheit gesagt und auch die Rechnung dafür kassiert und zweitens mal, denke ich, dass sich halt jeder um seine eigenen Hornochsen kümmern muss.

Is‘ ja so, oder? Die darf man halt nicht aufs bebaute Feld lassen, denn die haben kein Bewusstsein für gewachsene zivilisierte Kultur. Für die zählt nur ihr Wiederkäuermagen und der verträgt einiges. Aber was erzähl ich hier wem eigentlich? Oder gibt’s unter den Gästen dieses Blogs jemanden, der/die diese Nasen gewählt haben?

Blumentopf haben dem Thema vor Jahren übrigens einen herrlichen Track gewidmet:

Triptown aktuell: Fußball

Ich nenne grundsätzlich keine Namen, sondern finde immer Umschreibungen für Personen, die ich nicht unterstütze. Das ist mein Beitrag zum Medienzeitalter. Keine persönliche Nennungen, keine Portraits, keine Links zu Seiten mit Nachrichten über Idioten, Despoten, oder Dummköpfe (ich habe bewusst die männliche Endung gewählt, denn insbesondere in diesem Bereich tummeln sich vorwiegend Männer). Was das bringen soll? Ich denke schon, dass es etwas bringt, wenn der Name einmal weniger im digitalen Äther erscheint, denn Aufmerksamkeit und Erwähnung ist Promo, ob negativ oder positiv ist in der heutigen Zeit scheißegal.

Einen essentiell wichtigen Teil der neueren Geschichte Deutschlands stellt momentan ein türkisch-stämmiger Fußball-Nationalspieler dar, der nicht nur durch seine überdimensional erfolgreiche sportliche Performance der letzten Jahre enorm hohe Popularität erlangt hat, sondern vor allem weil er – im Gegensatz zu all den lauten, populistischen Arschlöchern dieser Welt – mit einer beharrlichen Sprachlosigkeit es vermag, die Medienaufmerksamkeit in einer fast magischen Weise auf sich zu lenken. Vor einigen Jahren schon erzeugte er einen Eklat alleine dadurch, dass er die deutsche Nationalhymne vor Länderspielen „NICHT“ mitgesungen hat. Er übt somit enormen Einfluss auf die Stimmung und den gehobenen Diskurs in Deutschlands Fußball-Elite, aber auch auf die breite Masse einer der mächtigsten Fußball-Nationen der Welt aus. Er ist ein Phänomen. Das muss man anerkennen. Je länger er schweigt, desto kaskadenartiger überschlagen sich die Meldungen in der Presse. Ihr wisst, um wen es geht. Zumindest dafür hat er einen Innovative Social Media Strategies Award verdient (gibt’s sowas eigentlich?)!

By the way: Man sollte in erster Linie dankbar sein, dass er seinen Mund nicht öffnet, um Statements von sich zu geben, denn wer weiß, was da aus so einem Kickerhirn herausquillen würde? Man ist ja so einiges gewöhnt! Er ist sich wohl auch dessen bewusst, dass er nicht unbedingt der hellste ist. Diese zielsichere Selbsteinschätzung und die daraus folgende konsequente Haltung finde ich brilliant! Auf dem Rasen und auf dem Spielfeld der Öffentlichkeit ist der Mann große Klasse, da gibt’s nichts zu sagen.

Gerade jetzt hat er einen weiteren Höhepunkt in Sachen öffentlicher Aufmerksamkeit erklommen. Und zwar, indem er sich – zusammen mit einem ebenfalls türkisch-stämmigen Kollegen – mit dem Staatsoberhaupt eines islamofaschistischen Landes dieser Erde hat fotografieren lassen. Beide sollen den in den letzten Jahren zu trauriger Popularität gekommenen Staatschef mit einem deutschen National-Trikot geehrt haben, auf dem wohl wörtlich geschrieben stand: „Mit Respekt für meinen Präsidenten“.
Also wenn jemand, der deutscher Staatsbürger ist und als National-Fußballer eigentlich seiner gesellschaftlichen Strahlkraft bewusst sein müsste, so etwas tut, dann ist er entweder richtig dumm, oder er hat eine offensive Agenda im Hinterkopf. Ich muss zugeben: auch mir fällt es sehr schwer, da die richtige Analyse zu treffen.

Ich kann mich jedoch an ein Detail der Vorgeschichte der ganzen Angelegenheit erinnern, das vielen wohl entgangen sein mag: Damals, als der besagte Sportler noch am Anfang seiner großen Karriere stand, bemühte sich vor allem der damalige türkische Nationaltrainer Fatih Terim um ihn. Ich denke, das war so um 2008 rum. Der damals noch in der deutschen U21-Nationalmannschaft spielende sagte den Türken jedoch mit der Begründung ab, er wolle sich auf seine Karriere in der deutschen Nationalmannschaft konzentrieren. Das erzeugte allgemeine Begeisterung hierzulande. jedoch gab es sicher schon damals einige, die den Erfolg des damals 19-jährigen aus irgendeinem Grund nicht verkraften konnten. Ich komm jetzt nicht mit der Leier: „Nun muß man sich doch mal fragen, was einen solchen Fall von Musterintegration nach jahrelangem Höchsterfolg in seinem Metier zu solch einer Handlung drängt?“. Nein, mach ich nicht. Das überlasse ich den Spiegel- und SZ-KommentatorInnen mit dem richtigen kulturellen Hintergrund. Ich integrier stattdessen jetzt ostdeutsche Bierbrauer in München-Giesing.

Eines steht jedenfalls fest! Ob er jetzt dumm, oder schlau ist: Jemand der so lange schon im Fußball-Zirkus mithüpft, ist nicht alleine. Der hat Imageberater, Manager, etc.. Aber auch ohne deren Hilfe müsste er eigentlich in der Lage sein, die Konsequenzen seines Handelns zu begreifen. Deswegen gehe ich von einer bewussten Entscheidung seinerseits aus. Ich denke, er wird bald zur türkischen Nationalmannschaft wechseln. Das wird im ersten Moment auch besser für ihn sein.

Die rassistischen und beleidigenden Aussagen, die auf ihn niederprasseln finde ich im übrigen unter aller Sau. Hier zum Beispiel ein sehr absurdes Zitat des Intendanten des Deutschen Theaters in München: „Hallo du Idiot, du hast in der deutschen Nationalmannschaft nichts zu suchen. Verpiss dich nach Anatolien“. Meine Antwort dazu: Kümmer du dich mal um ein gescheites Programm in deinem Boulevard-Puff, bevor du dein Maul aufreißt, du seniler kleiner Mittelklasseprolet!

Aber kommen wir zurück zu unserem Fußballer: Ich wünsche dem Mann trotz allem die harten Konsequenzen einer visionslosen Fehlentscheidung. Ich wünsche mir, das der neoliberale Islamofaschopräsident die bevorstehenden Wahlen in seinem Lande verliert und der besagte Fußballer dann sowohl in Deutschland, als auch in diesem islamofaschistischen Land (…welches dann hoffentlich nicht wieder in einen lupenreinen kemalofaschismus zurückfällt, aber anderes Thema) zur Persona non Grata wird.

Warum? Weil ich mir wünsche, dass sich Opportunismus nicht lohnt. Wer sich auf eine Karriere in einem „Nationaltrikot“ einlässt, muss sich auf gewisse Spielregeln einstellen. Das ist nicht nur in Deutschland so. Fakt ist Fakt. Außerdem sind mir sowohl solch unsinnige Phänomene wie Fußball, nationale Staatskonstrukte, als auch Nationalmannschaften und vor allen Dingen Karrieren von Fußballern einfach egal. Es gibt wirklich wichtigeres.

Zum Beispiel diese erstaunliche Rede des deutschen Parlamentspräsidenten, in der er im Namen des deutschen Parlaments eine hochrangige Vertreterin der Opposition vor einer Eruption des rechten Hasses in Schutz nimmt und sich dabei ungewohnt klar positioniert: https://www.youtube.com/embed/_cA-bKl4r7s.

Sehr skurril, aber umso weniger überraschend ist der Austritt des Landes, in welchem die Menschenrechtscharta verfasst wurde, aus dem UN-Rat der Menschenrechte. Die Regierungssprecherin bezeichnet das Gremium als „Jauchegrube der politischen Voreingenommenheit“. Zu diesem Unrat gibt’s keinen Link.

Eine schräge Nummer, die sich betrunkene Polizisten nach Feierabend in Augsburg geleistet haben (aus dem Münchner Merkur): „Jedenfalls drückte der 43-jährige Haupttäter, ein Polizeioberkommissar, dem Senegalesen einen angebissenen Hamburger an die Schläfe und rief „Black man, go home“. Es sei ein Aussetzer gewesen und er schäme sich dafür, versuchte sich der Polizist im Gerichtssaal zu rechtfertigen“.

Knödelköpfe außer Rand und Band! Unhaltbare Zustände in der Fraktion der Christlich (National-)Sozial(istisch)en Union in Berlin: Es sprechen Menschen ohne Abgeordnetenmandat vor dem Plenum, interne Beschlüsse der Fraktion werden im Innenministerium vorangetrieben, ohne die Koalitionspartner zu informieren. Rechtsradikale Statements von hochrangigen Mitgliedern einer Partei, die es bisher glaubhaft geschafft hat, sich als verfassungstreu zu gerieren. Jetzt lösen sich alle Hemmungen und ein Faschostatement nach dem anderen steigt in die Luft, wie Seifenblasen. Vor allem: ohne ersichtlichen strategischen Grund. Ich glaube den kleinkarierten Bauern aus Bayern steigt in Berlin vor lauter Machtgeilheit die Scheisse aus’m Darm in den Kopf. Deutschland verkommt allmählich zu einer weiß-braun-blauen Kartoffelrepublik.

Meine berechtigte Frage an alle, die bisher immer gesagt haben, so etwas wie das dritte Reich kann nie mehr wieder passieren: „Woher nehmt Ihr euch noch die Sicherheit? Oder ist es eher eine hartnäckige Bequemlichkeit?“

Also ich verstehe nicht, wie Ihr euch bei dem ganzen Müll noch grundnaiv für eine Fußball-WM begeistern könnt?

HomoSuperSapiens

Super ist lächerlich. Ja was ist denn schon noch super? Ne, nicht, dass mir nix mehr gefallen würde, ganz im Gegenteil, aber jetzt mal ganz ehrlich: juckt denn diese Form der Wertebezeichnung irgendwen noch? Es gibt doch kein super mehr? Super ist schon lang ausgestorben. Die Mega- und Ultraphasen sind auch schon ausgelutscht. Wir leben in der extremen Minimalisierungsphase. Und da ärgere ich mich echt zu Tode. Das hatte ich versucht in den 90ern schon zu propagieren, aber da hat’s noch niemanden interessiert. Jetzt ist es der heißeste Scheiß: Wer eine ultimative Potenzierung seiner Haltung oder seiner Aussage erzielen will, muss immer mehr reduziert denken, Inhalte, Aussagen, Ausrufe reduzieren, dafür aber den Impact maximal verstärken. Statt einem Satz lieber ein Wort, dafür aber gleich hochpolarisierend. Keine politische Aussage ohne Verunglimpfung. Kein Rap, ohne deine Mutter. Keine Werbung ohne offene Herabwürdigung des Komsumenten/der Konsumentin. Kein Kraftwagendesign ohne überdimensionierte Okkupation von Lebensraum und Atemluft. Kein Krieg ohne die ultimative Verstrickung aller Bereiche des politischen, wirtschaflichen und privaten Lebens. Kein Konsum, ohne zumindest den minimalen Profit der Waffenindustrie.

hss_ohne_subtextDie Superlative hat ausgesorgt. Das Maß aller Dinge ist nun die Sprachlosigkeit. Die Sprache lebt in Halbsilben und nur noch angedeuteten Kraftausdrücken. Wir leben nur noch Megapixelsequenzen aus dem Mobilfunktelefon. In Bruchteilen von Sekunden müssen Inhalte verstanden werden. Alles, was länger dauert als 2 Sekunden ist nicht mehr medientauglich, ist nicht mehr kommunizierbar. Filme sind nur noch aneinandergereihte Animationen. Sprache verkommt zu Grunzlauten und Raunen. Was ich hier schreibe ist schon viel zu komplex eigentlich. Deswegen mach ichs ja: Der Punk der Zukunft, das sind elegant formulierte Sätze, komplett ausformulierte Sachverhalte.

Punk ist Super! Denn Super hat seine Existenzberechtigung völlig verloren. Alles was einmal super war, liegt nun brach umher und ist nicht mehr attraktiv. Super ist Retro und somit nunmehr Rückzugsbereich der neuen subversiven Aktion. Hauptsache es besteht ein aufrichtiges Bedürfnis dazu oder eben einfach nur ein unnötiges Selbstbewusstsein. Aber im Grunde hat die Superlative nie ihre Durchschlagskraft verloren. Ihr Potential wird nur nicht mehr genutzt, aufgrund des neuen nihilistischen Trends der Sprachlosigkeit. Dieser geht immer mehr hin zu: „Äääähhhh Huhh, Aaahhhmmm“. Und meistens endet sie in Porno. Was natürlich auch geil ist, aber noch zu sehr verdeckt und verschüttet. Vielleicht braucht es einfach mehr Pornodarstellerinnen und -darsteller im Parlament? Cicciolina im italienischen damals war zum Beispiel super. Ich war seinerzeit viel zu klein, um es zu begreifen, aber im Nachhinein find‘ ich, sie war wirklich super.

Wir müssen wieder zurück zum Super, falls das überhaupt noch möglich ist. Es entgleitet uns sonst komplett und löst sich in nichts auf. Dazu wäre es zu schade. Es gibt z.B. keine wirklichen Supermächte mehr. Man redet zwar noch von ihnen, aber im Grunde zersetzen sie sich gerade völlig und transformieren in hyperkapitalistische Geistwesen innerhalb der universellen Evolution. Es gibt keine Staaten mehr, keine unabhängigen Budgets. Es gibt nur noch Konzerne, die von digitalen Algorithmen betrieben werden. Das ist wirklich schlimm, ich weiß. Das ist schlimmer als jedes Horrorszenario in dystopischen Science-Fiction Filmen. Schau dir den alten Mad Max an: ein Witz im Vergleich zu einer einzigen Folge von Braking Bad. Mad Max war super. Braking Bad ist der Auswuchs eines zum Chemielabor verkommenen Gehirns.

Ich sage auch nicht, dass es Schade um das Staatensystem oder um die Supermächte wäre. Ganz im Gegenteil: ich sage nur, dass ihr Vakuum gefüllt werden sollte durch eine 2-dimensionale Superidentität, eigentlich durch die Mehrzahl: „Identitäten“. Es braucht Superheldinnen und -helden.

Diese hatten den Sprung ins 3D-Format eh nie nötig. Der Segen liegt im 2-dimensionalen analogen Druck mit CMYK Farbskala. Der revolutionäre Rückschritt des Homo Super Sapiens ins 2-dimensionale ist die einzige Rettung des Punk. Unsere Identitäten müssen sich um eine Dimension reduzieren. Ein Idiom in Comiclautsprache ist mir lieber als jeder überdimensionierte Bass, der ohne Subwooferweiterte Anlage nur digitales Krächzen im Sound verursacht. Digitale Verzerrung ist der Fluch unserer audiellen Welt.

„Poom, Bamm, Pow, Swoosh, Craaash, Umpf, Huh?, Aaaarrgh…“ Das sind wenigstens ausformulierte Sprachverstärkungen, die natürliche Laute im Textformat simulieren. Die klassische Sprechblase als Kommunikationsmedium im Alltag. Da liegt unsere Zukunft! Nicht dort, wo sie uns in Promovideios von IT-Messen suggeriert wird.

Wir sind die Vertreterinnen und Vertreter der Spezies Homo Super Sapiens. Dessen müssen wir uns immer bewußt sein! Wir sind keine halbdigitalen Mutanten, die mit ner Programmierungsschnittstelle im Kopf auf die Welt gesetzt werden. Es gibt uns noch. Wir existieren im analogen Zwischenbereich zwischen Comic und Hyperraum. Das wird sich so schnell auch nicht ändern. Wir müssen es nur endlich begreifen!

Und noch eines: wahre Homo Super Sapiens brauchen keine große strategische Koalition mit dem politischen Gegner nur weil man sich nicht traut, zu seinem Sonderformat zu stehen (GroKo Haram!).

Der passende Soundtrack zu diesen Gedanken kommt übrigens von meiner Band HomoSuperSapiens, die am 14. Juni 2018 in der Glockenbachwerkstatt in München ihr 10-jähriges Nichtbestehen mit einem Liveauftritt zelebriert (https://soundcloud.com/homosupersapiens/tracks).

Triptonious Coltrane

Veröffentlicht im Gaudiblatt #28: http://gaudiblatt.de/28-suepergaudi/

Fakenews is a Fake!

Ich weiß, ich bin eigentlich schon zu spät mit meiner Analyse zu Fakenews. Der Begriff ist mittlerweile schon wieder medialer Standard und nichts besonderes mehr. Aber irgendwie wundert’s mich ja eben schon, wie der Mensch es immer wieder schafft, seine uralten Gepflogenheiten immer wieder neu aufzuwärmen und Seinesgleichen als den heißesten Scheiß zu verkaufen. Vor kurzem, tauchte dank dem blonden Toupet, das die Amerikaner sich neulich an die Spitze ihrer Weltmacht gewählt haben der Begriff „Fakenews“ ganz populär im gesellschaftlichen Leben unser aller auf und beglückt uns seit dem fast täglich.

Dabei ist das ja alles nichts neues. Die Lüge bestimmt unser tägliches Leben. Ohne Lüge könnten wir alle doch nicht existieren? Damit will ich nicht darauf hinaus, dass das Leben früher ehrlicher war! Das glaube ich nicht. Wir Menschen waren nie ehrlich. Braucht sich niemand irgendwas einbilden! Es geht im Leben nicht um Ehrlichkeit. Das sollte man einfach mal akzeptieren.

Außerdem: Wie stellt man sich denn das bitte vor? Ehrliche Politik, ehrliche Nachrichten, oder was? Wie soll denn das gehen? Es ist rein faktisch nicht möglich, ehrliche Politik zu betreiben. Wir sehen ja, was passiert, wenn man alleine das menschliche Selbstbild auf Fakten versucht aufzubauen. Nehmen wir doch einfach mal das Beispiel: Evolution! Je einleuchtender die Faktenlage, desto mächtiger werden die abstrusen Gegenargumentationen. Der vorletzte Präsident dieses unmenschlichen Staates hatte damals ja allen Ernstes das „Intelligent Design“ propagiert! Könnt ihr euch noch erinnern?

Die meisten Menschen lieben Lügen und wollen auch unbedingt belogen werden. Warum? Damit sie sich über die Lüge – nachdem sie als solche enttarnt wurde – unendlich aufregen können. Im Grunde geht es nämlich genau um dieses tiefe Bedürfnis nach Empörung. Oder etwa nicht? Wie könnten wir unsere Existenz als Bestandteil einer Gemeinschaft denn erfüllender in Szene setzen, als durch eine aufrichtige Empörung? Und ich sage euch: die legitimiert alles!

So wird übrigens auch Politik gemacht: durch die sukzessive Senkung der Empörungsschwelle zu einem dringlichen Tagesordnungspunkt, den man selber gesetzt hat. Vor allem der letzte Aspekt ist dabei der wichtigste: Man muss die Themen selber setzen! Man darf nicht abhängig sein von fremdgesetzten Themen! Als erfolgreicher Machtmensch darf man nicht öfter als 2 mal hintereinander auf politische Deutungen der Konkurrentinnen und Konkurrenten reagieren. Man muss sie selber setzen und genüsslich die Empörungen auswerten. Nur so erfüllt man als Mensch seine Daseinsberechtigung. Ja, ihr habt es richtig gelesen: als Mensch, nicht nur als Politikerin oder Politiker. Wir bescheidenen Supernormalos brauchen uns nämlich nicht einzubilden, dass wir für nichts was können! Von wegen! Wir sind genauso Teil der ganzen Maschinerie. Wir sind die größten Fakenews-Vertreterinnen und Verbreiter.

Was meint ihr denn wie diese Neoliberale Scheisse, die euch Monat für Monat den Arsch pudert möglich wäre, ohne Fakenews? Lest mal den Gallischen Krieg von Caesar. Da erfahrt ihr genau, wie das mit den Fakenews in Perfektion funktioniert, oder die Reden des alten Cato im römischen Senat. Was jetzt passiert, ist nichts anderes, als die Endlosschleife davon. Ach Beispiele gibt es genug: Die bewaffnete Hand vom Mörder Kurras, die aus sämtlichen Pressefotos zum Fall Ohnesorg 1967 herausgeschnitten wurde. Alle relevanten großen Medienhäuser hatten sich mit der Staatsmacht darauf wohl geeinigt, diese Hand nicht in der öffentlichen Wahrnehmung stattfinden zu lassen? Wie kann das passieren? Damals wäre man als hoffnungsloser Verschwörungstheoretiker in der öffentlichen Bedeutungslosigkeit verschwunden. Keiner hätte einem das geglaubt. Aber es ist leider Fakt.

Die besten Fakenews sind auch die, die erst nach 40-50 Jahren demaskiert werden. Denn dann interessiert es eh keinen mehr und man kann sie als coole Story nochmal aufwärmen und verkaufen. Genauso wie es jetzt auch keine Sau mehr interessiert, wenn CIA- und Mossadagenten in National Geographic-Dokus zu später Sendezeit aus dem Nähkästchen plaudern und freizügig erzählen, wie sie in den Siebzigern palästinensische Terroristen selber unterstützt und gefördert haben, wie sie selbst als Terroristen getarnt Anschläge verübt haben und solche Sachen. Oder, wie man in den achtzigern die Taliban gegen die liberalen Kräfte in Afghanistan aufgebaut hat. Oder, wie man in der Türkei sein Unwesen trieb und seit Jahrzehnten dort die Opposition mit gut gesponserten Gladiostrukturen durchgehend geschwächt hat. Solche Beispiele gibt es zuhauf, aber es interessiert keinen mehr.

Sich selber als ehrlich verkaufen, dabei die Konkurrenten mit Dreck und Lügen überziehen und diese gleichzeitig als Lügner beschimpfen. So funktionieren wir seit Ewigkeiten. Ohne das gäbe es keine guten Geschichten, kein Theater, kein Kino. Was jetzt passiert ist lediglich eine weiterentwicklung des ganzen, dass man nämlich diesen menschlichen Standard zu einem lukrativen News-Faktor verarbeitet und so nochmal viral werden lässt. Das ist tatsächlich ein Zeitphänomen.

Triptonious Coltrane

Veröffentlicht im Gaudiblatt 27, September 2017

Ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht

Ich liebe den amerikanischen Präsidenten nicht. Er würde mich auch nicht lieben. Warum auch? Besteht doch gar kein Grund dazu. Wozu all diese grundlose Liebe?
Es gibt Menschen, die ihren Präsidenten lieben. Allen Ernstes! Es gibt aber wenige Deutsche, die behaupten würden, dass sie ihre Kanzlerin lieben. Sowas ist den Deutschen zu albern.

Die Türken und Türkinnen kennen da jedoch keine Schmerzgrenze. Die lieben ihre Fahne, ihren Präsi, ihren Atatürk, ihre Fußballnationalmannschaft, ihre Osmanen, alles was ihnen nur ein Fünkchen an vermeintlicher Identität verspricht. Und lieben bedeutet dann gleich auch verteidigen! Denn so wenig ist der Glaube an die Liebe, dass die Verlustangst gleich mit ihr einhergeht.

Da können die Deutschen nur blöd schauen. Ehrlich. Sowas kriegen sie nicht hin. Das ist ihnen einfach zu emotional und unübersichtlich. Wenn deutsche Nationalisten ihre Vaterlandsliebe ausdrücken, dann wirkt das immer wie eine Art Simulation, denn sie wissen ganz genau, dass die gedankenlose Emotionalität, die dafür notwendig wäre der hierzulande als Konsens etablierten fachwissenbasierenden Grundhaltung diametral gegenübersteht, mit der sie sich jeden Tag als arbeitende Fachkräfte behaupten müssen. Und in Deutschland ist jeder kompetentes Fachpersonal, auch wenn er gerade mittel- und arbeitslos mit seinen Kumpels an der Ecke steht mit der 10. Halbe Bier in der Fresse. Ja sogar die Drogensüchtigen am Bahnhof unterhalten sich hier so besserwisserisch miteinander.

Deswegen fragen deutsche Nationalisten auch ständig höflich nach, bevor sie sich rassistisch äußern: „Das wird man doch noch sagen dürfen?“ Da kommt wieder die ursprünglich tiefe Höflichkeit der Deutschen zum Vorschein: Im Grunde sind sie nämlich ein äußerst höfliches Volk. Davon bin ich überzeugt. Ich bin ja schließlich auch ein Deutscher.

Ich schreibe in Verallgemeinerungen, wie man merkt. Die gönne ich mir jetzt einfach mal. Mitlerweile ist es ja eh schon wurst. So macht man das eben heutzutage. Man spricht in Verallgemeinerungen. Das erleichtert das trollige Leben und ist seit dem aufkommen der digitalen Kommunikation immer mehr hoffähig geworden.

Es ist eh erschütternd genug: Auf der einen Seite zerbrechen wir uns seit jahrzehnten die Köpfe und debattieren in philosophischen, politischen, sozialwissenschaftlichen etc. Runden wild herum, zermartern uns die Hirne, um immer präzisere, korrektere Bezeichnungen und Differenzierungen herauszuarbeiten, gleichzeitig haben wir es aber nun seit geraumer Zeit eben auch mit einem rasant wachsenden digitalen Medienkomplex zu tun, der wie ein riesiger Müllhaufen sämtliche menschliche Moral und jegliches Gewissen im handumdrehen vermodern lässt.

Lüge und Wahrheit werden zersetzt und aus dem modrigen Dreck, der übrigbleibt werden neue Begrifflichkeiten zusammengepresst und neu geformt, wie Holzstaubbricketts. Neue Wertigkeiten werden geschaffen, die eigentlich nur auf stinkeverlogenem opportunistischem Windfahnenverhalten basieren. Alles kann richtig und falsch sein. Es hängt davon ab, wer die Tweets richtig setzt.

Im Endeffekt hat man dann irgendwann echt die Schnauze voll davon, in Al-Jazeera-, oder Arte-Dokus dann zu erfahren, dass allem nur die wirtschaftspolitischen Intrigen der sieben Schwestern zu Grunde liegen, oder die Konkurrenz zwischen zwei Gaspipelines.

Es ist teilweise ja schon wieder spannend, die Spuren dieser unglaublichen Banalität zu verfolgen, aber auch so unglaublich demütigend, am nächsten Morgen seinen Job für genau diesen Moloch zu tätigen, in dem wir leben, sich dabei zu ertappen, wie man im Smalltalk mit den Kolleginnen alle Selbstlügen reproduziert, die man eigentlich von Anfang an als solche erkannt hatte. Oder? Ist es nicht so?

Aber man muß ja. Es muss ja, oder?

Einen Scheiss muss man.

Der Hass

Hey du!

Kennst du den Hass?
Oder kennst du ihn nicht?

Den blanken, ungehemmten Hass?

Mir ist er ein Paar mal begegnet.

Abgrundtief, kompromislos, von panischen Ängsten geplagt und genährt, oft nach einer moralischen Rechtfertigung suchend, aber letztendlich sich suhlend im eigenen Egozentrismus.

Sein Ursprung liegt wohl in Urzeiten und ist nicht mehr nachzuvollziehen.
Er ist nachtragend, taucht mit Vorliebe aus der persönlichen Kränkung heraus und tarnt sich gerne mit Identität.

Nein, ich meine nicht die Abneigung, oder die Antipathie.

Ich meine den Hass, von dem sie alle reden.

Kennst du den?
Fühlst du ihn sogar?

Hasst‘ du mich vielleicht auch?
Einfach so, weil ich bin, wer ich bin?

Bist du jemand, für den Hass Lust bedeutet?
Wonne, Erbauung, Futter für den Geist?
Dann bist du der Hass?
Somit zählen für dich nur die Hassenden?
Egal auf welcher Seite?
Die übrigen sind nur Opfer?

Oder bist du jemand, der ihn am eigenen Leibe spürt?
Täglich?
Seit Jahren?
Seit deiner Geburt?
Du kennst gar kein Leben ohne Hass?
Deine Haut ist impregniert vom Hass anderer?
Er greift ein in dein Denken und Handeln, begräbt dich in Lethargie?

Oder bist du jemand, der so etwas bisher weder empfunden, noch erfahren hat?
Rein, wie die Milch, glücklich, strahlend?
Verständnislos achselzuckend eingebettet in eine sorglose Normalität?

Oder bist du jemand, der gehasst hat, gehasst wurde und somit ein Leben ohne beidem nur gar zu schätzen weiß?

Oder bist du jemand, der zwar selber nichts von beidem erfahren hat,
aber die Auswirkungen auf andere Menschen durchaus?

Und? Wie hast du reagiert?
Überhaupt nicht?
Partei ergriffen?
Für wen?

Wie antwortest du auf Hass?
Mit Hass?
Mit Liebe?
Oder Ignoranz?

Oder bist du gar der Hass?

Und der Mensch erschuf Gott nach seinem eigenen Ebenbild.

Lasst euch nicht’s einreden! Menschen sind Menschen. „Kulturkreise“ gibt es nicht. Die Unterteilung von Menschen in solche ist eine Unverschämtheit. Menschen aus bestimmten Ländern, Regionen, Menschen mit dunkler Hautfarbe, gekräuselten Haaren haben keine angeborenen schlechten Charaktereigenschaften. Sie sind nicht viel besser, oder schlechter, als Menschen, die einem hier lokal gültigen Schönheitsideal entsprechen.

Im Generellen sind wir Menschen – leider sehr sehr oft – einfach unverschämt und undankbar. Das ist aber unser Problem und hat sonst niemanden zu belasten. Also wenn wir in unserer Überheblichkeit Bockmist bauen, dann neigen wir dazu, diejenigen zu beschuldigen, die wir damit eigentlich benachteiligen. So sind die meisten von uns, obwohl wir immer genau das Gegenteil behaupten. Wir sind skrupellos und grausam. Warum? Weil wir uns vor unserer menschlichen Weiterentwicklung fürchten! Sogar mehr, als vor dem Untergang unserer ach so schönen Welt. Über die letzten Jahrtausende konnten die monotheistischen Gottheiten Gott, Allah und Jehova uns bei vielen Themen und Angelegenheiten, die unsere Seelen beschäftigten helfen, aber bei der Lösung dieser Frage haben sie leider bisher nichts bewirken können.

Das liegt wahrscheinlich daran, dass wir sie geschaffen haben und nicht umgekehrt. Ja, Ich glaube, dass der Mensch Gott nach seinem eigenen Ebenbild geschaffen hat, um ihn zu benutzen. Wir halten uns selber für Gott. Und das ist auch der Sinn aller abrahamitischer Religionen. Sie sind meiner Meinung dazu da, die Selbstherrlichkeit des Menschen zu legitimieren.
Nein, ich bin kein Misanthrop. Ich glaube nur, dass – wenn wir uns schon große Reformen und Fortschritt auf unsere pompösen Fahnen schreiben – wir ersteinmal in der Lage sein sollten unser eigenes persönliches Leid, unsere Ängste, unser Elend und unsere Traumata anzuerkennen und sehr tief in uns selber zu blicken.

Das geht schon. Keine Angst! Es ist besser sich jetzt damit zu konfrontieren, als kurz vor dem Tod seinem überladenen hässlichen Gewissen gegenüberzustehen. Das ist viel viel härter. Wetten?

NAFRI’s? WTF?

Die Zeit vergeht! Ich bin 1968 in München geboren worden und lebe seitdem mit einigen kleinen Unterbrechungen hier. Ich habe es bisher noch nie erlebt, dass dieses Volk sich mal in einer ähnlichen Form und so massiv über rechtsradikale Straftäter aufgeregt hätte, wie es sich gerade über „NAFRI’s“ echauffiert.

Noch nie!
Nicht ansatzweise!
Nicht mal nach Mölln und Solingen!
Nach keinem Fackellauf der Nazis in Dresden, nicht nach den NSU Morden, nicht nach den hunderten von gewaltbereiten Übergriffen von rechts auf geflüchtete und Menschen mit anderer Hautfarbe oder Hintergrund,
ob mit toten oder verletzten Opfern
und auch nicht nach den letzten Ausschreitungen in Bautzen, Clausnitz und Heidenau.

Da wurde die Kanzlerin auf offener Strasse als „Fotze“ beschimpft und Polizisten lebensgefährlich bedroht.

Auch die Zusammenhänge zwischen dem Verfassungsschutz und dem letzten Berlin Attentat interessiert die Masse einen feuchten Dreck.

Keine nennenswerte Empörung kein Gezeter! Bestenfalls bemüht nüchterne Analysen und besserwisserisches Getue.

 
Aber bei dem Thma NAFRIs kann die deutsche Masse emotional werden. Aha!
 
Mit dem jetzigen Geheule und Gegeifere waren die Reaktionen damals jedenfalls kaum zu vergleichen.
 
Und wie hoch der Contenance-Verlust plötzlich dann doch sein kann, wenn eine Grünen-Politikerin mal klar ihre Meinung zu Racial Profiling äussert? Man merkt: Das passt  jetzt gar nicht in die allgemeine Lauflinie! Nicht mal ihren Parteigenossinnen und Genossen.
 
Als ob nicht fast jeder hier in diesem Land wüsste, dass nicht nur die Kölner, sondern auch die Polizei Bundesweit solche Sondereinsätze durchaus in den Griff kriegen könnte, auch ohne die leute nach rassistischen Merkmalen auszusortieren und willkürlich zu durchsuchen.

Erzählt mir doch nix!
Und dann noch die unverschämte Äusserung: „Racial Profiling rettet leben“!
Komme geht’s weida! Wo war euer so erfolgreiches Profiling bei all den toten Opfern von rechter Gewalt? Warum habt ihr es da nicht schon angewandt?

 
Wie verlogen meine lieben Deutschen und Deutschinnen doch sein können!

Feige und verlogen!

Theater: „Love it or leave it“ im Maxim Gorki zu Berlin

Ich war ja letztens wieder mal in Berlin. Diesmal habe ich mit Elektro Hafiz im Urban Spree ein wunderschönes Konzert gespielt und nebenbei wieder einmal eine Menge Inspiration getankt. Zu Schlingensiefzeiten pilgerte ich dazu oft genug in die Volksbühne. Momentan zieht es mich eher ins Maxim Gorki Theater.

Folgendes Stück habe ich mir bei der Gelegenheit angesehen:

„Love it or leave it“ von Nurkan Erpulat und Tunçay Kulaoğlu im Maxim Gorki Theater
love_it_or_leave_it

https://www.freitag.de/autoren/antonia-maerzhaeuser/ganz-schoen-am-arsch

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=13216:love-it-or-leave-it-am-maxim-gorki-theater-berlin-beschaeftigt-nurkan-erpulat-sich-mit-dem-zustand-der-tuerkei&catid=38:die-nachtkritik-k&Itemid=40

Regie führte Nurkan Erpulat, die Dramaturgie übernahm mein Freund Tunçay Kulaoğlu und den Text schrieb der junge Münchner Theatermacher und ebenfalls sehr gute Freund Emre Akal.

Die Kritiken, von denen ich oben zwei ausgesucht habe, sind durch die Bank schlecht. Das hätte ich mir eigentlich denken können, denn mir hat das Stück sehr gut gefallen. Ich habe auch die komplexen Aussagen, Referenzen, Randnotizen und Themenpunkte verstanden, die in diesem Stück tatsächlich wie in einem Unwetter auf einen herabprasseln. Mir hat es auch sehr gefallen, dass es keine klaren Rollenverteilungen auf die Darsteller gab, dass es Mehrfachbelegungen ein und des/r selben Darstellers/in gab. Besonders gut hat es mir gefallen, dass keine politische Abrechnung im rationalen Sinne stattfand, sondern man schon auch selber suchen mußte nach den Ansatzpunkten und den vielen Hinweisen.

Dieses Stück bedient keine Meinungsfraktionen! Es bedient weder die türkisch-kemalistischen Sozialdemokraten, die linke Aktivistenfront mit ihrer Forderung nach politischer Korrektheit, noch die hiesigen Elitisten, aber am allerwenigsten natürlich die deutsche Mehrheitsgesellschaft und die Erdogankonoformen schon gar nicht. Das Stück erklärt auch nichts. Für diejenigen, die immer eine Anleitung brauchen, gibt es dafür einen Glossar, den man sich vor dem Stück durchlesen kann.

Aber ich will hier gar keine Theaterkritik loswerden. Das haben andere schon gemacht und ich muß mich dagegen nicht aufbäumen. Kann sein, dass das Stück viele ZuschauerInnen nicht so zufriedengestellt hat, wie mich. Das passiert mir ständig und nicht nur in diesem Genre. Ich bin antizyklisch sozialisiert und befinde mich deswegen oft ausserhalb des allgemeinen Konsens‘. Daran bin ich gewöhnt.

Was ich aber als allgemeinen Mehrwert aus diesem Theaterabend mitgenommen habe, ist die erstaunenswerte Tatsache, dass zwar die meisten Zuschauer/Innen etwas zu kritisieren fanden, aber aus sehr, sehr unterschiedlichen Blickwinkeln. Das, was die einen zu verschlüsselt und unverständlich fanden, war für die anderen wiederum viel zu plakativ und fast wie mit dem Vorschlaghammer präsentiert.

Die Figuren, die für die einen völlig klar (fast schon zu klar) umrissen waren, waren den anderen nicht aufgefallen. Jede Fraktion suchte nach ihren spezifischen Anhaltspunkten und forderte nach sehr spezifischer Aufklärung. Die ZschauerInnen kamen nach der Vorstellung auf den Dramaturgen zu und wollten sich unbedingt mit ihm unterhalten, ja sie hatten das dringliche Bedürfnis, sich mit ihrer Kritik direkt an ihn zu wenden. So hüpfte dieser unermüdlich von Tisch zu Tisch und stellte sich beharrlich den Fragen. Dabei musste er zumindest einer Kritikerin antworten: „Eigentlich schreit deine Kritik nach einem eigenen Stück!“. Und diese Emfindung hatte ich auch. Love it or leave it ist meiner Meinung nach der erste Ansatz für eine ganze Reihe von Stücken, es ist ein Bruchteil, der nie den Anspruch der Vollständigkeit erfüllen kann und sollte, denn es ist ein Mosaikstein in einem ganzen künstlerischen Konvolut, dass sich hier auftut. Das erklärt auch die unverständlich wirkende Erzählsprache und die vermeintlich willkürliche Ansammlung von Einzelsträngen.

Dadurch entstanden eine Reihe von sehr angeregten Auseinandersetzungen, die mir sehr viel über die einzelnen Perspektiven und Ansprüche erzählten, die das vielfältige Publikum des Maxim Gorki Theaters bezüglich genau dieses Themas anscheinend besitzt. Und ich denke, dass genau diese sich wiederum in unserer vielfältigen Gesellschaft wiederspiegeln.

Insofern hat dieses Stück meiner Meinung nach zumindest einen Sinn und Zweck vollkommen erfüllt. Das tragische für die Macher ist natürlich die Tatsache, dass man sich mit einer solchen Produktion keine dicken Props holt, denn man erfüllt keinen Einzelanspruch einer Meinungsfraktion. Man bedient nicht, sondern man verweigert sich dem komplett. Man verlangt dem/r ZuschauerIn viel ab, indem man ihn/sie mit seineir/ihrer tagespolitisch motivierten Erklärungsnot alleine lässt. Und genau das ist der Punkt!

Denn dies bedeutet noch lange nicht, dass hier ein unverständliches Chaos vorherrscht – ganz im Gegenteil. Ich empfand dieses Stück als äusserst klar formuliert. Es ist nicht reichhaltig recherchiert, sondern nährt sich aus direkten Lebenserfahrungen und Empfindungen. Die zugrunde liegende Struktur ist einfach nur zu Groß und reicht aus dem Rahmen des Stückes an sich weit hinaus. Auch das wäre – meiner Meinung nach – legitim.

Aber anscheinend kann man es sich in dieser Gesellschaft als migrantisch-stämmiger Theatermacher noch nicht leisten, Bilder zu erzeugen und diese sprechen zu lassen, ohne ständige verbale Wutausbrüche und stringenter Holzhammerdialektik, ohne rücksichstvolle Schlichtheit und doppeltem-dreifachem Definitionsraumübersetzung? Anscheinend wird einem der hohe Anspruch, sich in die distanzierte Position des Künstlers zurückzuziehen und von dort seine komplexe Bildsprache zu entwickeln noch nicht gegönnt?

Nun komme ich jedoch schon wieder in eine Erklärungsposition, die ich dem Mehrheitspublikum einfach nicht mehr gönne. Vom kulturellen Touristenführerdasein habe ich mich ja eigentlich schon lang verabschiedet.

Jetzt wird nix mehr erklärt – stattdessen werdet Ihr zum Diskutieren angeregt. Was wollt ihr mehr? Das ist doch auch viel spannender? Ausserdem: so rege wie die Diskussionen nach diesem Stück waren, kann es ja nicht sooo unbewegend gewesen sein?

Und das bringt mich auch schon zum nächsten, eher lokal münchenspezifischen Thema: Wann werden wir so eine aufgeregte Athmosphäre endlich hier im Stadttheater erleben? Stattdessen müssen wir uns immer noch mit einem Sack Reis begnügen, der gerade in den Kammerspielen umgefallen ist und werden dazu angefeuert uns darüber unsinnlich das Maul zu zerreisen und das nur, um dem Intendanten eine Bühne für seine Shabby Shabby Selbstinszenierung zu bieten.

Langweilig!

Die türkischen Gaudiblätter

Satirezeitschriften haben in der Türkei eine lange Tradition. Man kann es sich unter Anbetracht der jetzigen Lage im Lande kaum vorstellen, aber: auch die politische Opposition hat eine lange und ruhmreiche Tradition. Wenn man hier in Europa nicht so sehr auf seinen eigenen Humanistenpimmel fixiert wäre, dann hätte man vielleicht auch mal die Offenheit, sich mit solchen Phänomenen zu beschäftigen, aber so begnügt man sich einfach mit Türken- und Moslembashing.

Ein GırGır-Titel aus den 70'ern

Ein GırGır-Titel aus den 70’ern
(zeigt den damaligen Premier Demirel).
Überschrift: Die gestützte Regierung
Demirel: „Ohne die Stütze, würde ich fallen, aber so wird das Ding auch irgendwann knallen“

Ich habe türkische Satirezeitschriften (aufgrund meines sehr jungen Alters) natürlich erst ab den Ende 70ern mitbekommen. Das progressivste Medium war seiner Zeit die GırGır (was tatsächlich soviel bedeutet wie „Gaudi“), die wir wöchentlich immer verschlangen. Obwohl ich mit meinen knapp 10 Jahren und noch relativ rudimentären Türkischkenntnissen nur einen Bruchteil der Witze und vor allem der subtilen Anspielungen wirklich begriff, sogen die virtuosen Zeichnungen und der für mich noch sehr neue und aufregende Strassenslang mich förmlich hinein in die schwarz auf gelb bedruckten Seiten. Sie katapultierten mich in eine ganz neue aufregende Welt, die ich nicht ganz verstand, die aber irgendwie lustig zu sein schien. Vor allem konnt ich Stück für Stück mehr erfahren über all diese Menschen und dieses Land, das so anders war, als die aus Beton gegossene graue Arbeitersiedlung in Milbertshofen, in der ich sozialisiert und aufgewachsen war. Ich gab mich im kurzen Urlaub dieser Welt hin, die viel lebendiger, viel bunter war, sie schmeckte anders, sie roch anders und verhies mir noch viele Geheimnisse, die ich noch erkunden würde.

Ein aktueller Uykusuztitel

Ein aktueller Uykusuztitel:
– Wie nennt man das, wenn man um die Toten im Osten trauert?
– Volksverrat!
– Ah, ja!
– Und wenn man um die im Westen trauert, dann nennt man das Laizismus. Aber wenns um Tote in der ägäischen Region geht, dann eher Kemalismus.
– Hmm
– Und wenn ein verwandter stirbt, dann bekundet man einfach Beileid.
– Und was bedeutet nochmal Liebe?
– Liebe bedeutet Arbeit
– Hmm
– Aber sag nichts mit Arbeit oder so, sonst meinen sie, du bist Linker.

In den Achtzigern verstand ich schon mehr. Auch hatte ich die Gelegenheit, einige Jahre am Stück in Istanbul zu verbringen und es war grossartig. Die Stadt war damals nicht so hip und voll. Man hatte Platz und Zeit und die Satirezeitschriften kommentierten im Grunde unseren damaligen Alltag dort. Sie begleiteten das Tagesgeschehen fast in Echtzeit. Sie kannten die Wortspiele und die tragikomischen Seiten des Lebens in dieser Stadt, die Absurditäten, die sich bis jetzt immer noch Tag um Tag übertreffen.

Der GırGır folgte die Limon. Dann kamen Magazine wie Dıgıl, Hıbır, Çarsaf, Leman und irgendwann dann die Penguen. Eine der neueren Namen auf dem Markt ist z.B. die Uykusuz. Und das sind nur wenige Namen. Es sind alles Medien, die in ihren Auflagen fast die Tageszeitungen überboten und -bieten. Die Türken waren nie große Zeitungsleser, aber sie frönten schon immer einem Humor, der dicht an der Volksseele dran ist, der flink und wendig ist, der die Sprache der „Amigos“ kennt, der Anfeuerer im Fussballstadion. Es ist natürlich auch schon immer eine machistische Welt gewesen, eine männerdominierte, eine wild fluchende. Der Humor – so absurd er auch sein mag und so dadaistisch er auch manchmal rüberkommt – ist geprägt vom melancholischen Blick der trauernden Männerseele. Es ist die Welt der einsamen Jungs und Patriarchen, die in ihrer sexuellen Unbefriedigung und dem männlichen Behauptungswahn, sich rastlos in der Stadt bewegen, streckenweise sehr kritisch im Untergrund agieren, aufgrund des gesellschaftlichen Drucks auch immer in Chiffren kommunizieren und vor allem: immer mit dem Schicksal hadern, in dieser unperfekten Gesellschaft leben zu müssen, sie sie aber auch leidenschaftliche lieben, zwischen den Stühlen, zwischen Ost und West, zwischen Asien und Europa. So entstehen natürlich gewollt, oder ungewollt viele komische und tragikomische Alltagssituation, die man als Humorist in diesem Land nur auflesen braucht, wie reifes Obst.

Uykusuz Karikatur

Uykusuz Karikatur:
Frische Luft…Vogelgezwitscher…eine sanfte Brise…das Rascheln der Blätter….
Hierher komme ich nie wieder!

Die Zeitschriften brachten und bringen große Humoristen und Comedians hervor und sind aus dem kulturellen Leben der Türkei kaum wegzudenken. Deswegen gibt es dort wohl auch wesentlich mehr von ihnen, als in Deutschland. Es werden mehr Karikaturen gezeichnet, nicht nur in Zeitungen. Manche Autoren und Zeichner musste man wochenlang verfolgen, bevor man ihren „humoristischen Codex“ entschlüsselt hatte. Es war schon immer raffiniert gemacht und sehr liebevoll gezeichnet, Woche für Woche.

Als Satiriker hatte man es in der Türkei nie einfach und mußte deswegen immer sehr einfallsreich sein. In der jetzigen Phase der Unterdrückung jeglicher Kritik an der despotischen Regierung Erdogans lastet ein enormer Druck auf diesem Genre. Die erste Zeitschrift wurde schon auf Grund eines kritischen Titelbildes aus dem Verkehr gezogen und verboten: die Leman. Die aktuellen Entwicklungen lassen nichts gutes hoffen….leider.

leman_cover

Der besagte aktuelle Lemantitel:
Putsch-Spezialausgabe!
Ich biete die Mehmetleins (Verniedlichung für den türkischen Soldaten).
Gesehen – ich biete meine 50%.

Triptonious Coltrane

Veröffentlicht im Gaudiblatt 25, Camicaze, September 2016