Das Gute setzt sich durch – die Debatte um die schwarzen Wurzeln des Techno

Das Gute setzt sich durch.
Das Gute ist Elvis Presley, Benny Goodman.
Das Gute ist nach all den Jahren schwer zu ertragen.
Elvis mit seinen peinlichen Karate Moves in Las Vegas.
Er kann ja nichts dafür. Er war ein netter Typ.
Das ist ja das Schlimme.

Das Schlechte aber waren all diejenigen, die die direkten Erben einer jahrhundertelangen Kultur des menschlichen Überlebenskampfes waren und sind – einer Kultur, die von Menschen geformt wurde, denen gar nichts anderes blieb, als sich auf expressiver Ebene Freiräume zu schaffen, denn sie hatten in dieser Welt lange Zeit sonst keinen Platz und keinen Raum. Er wurde und wird ihnen nicht gewährt, es sei denn, sie nehmen ihn sich.

Ungeachtet ihrer Unbeachtetheit und ihrer persönlichen Demütigung, bei manchen sogar des leiblichen Risikos, fuhren sie immer fort ihr Erbe zu hegen und zu pflegen. Und dann machten die Erben ihrer Peiniger*innen den Rock’n Roll daraus und feierten hedonistische Feste auf ihrem Rücken. Sie übernahmen den Ausdruck von Leid und Schmerz und übertünchten ihn mit ihren eigenen Teenager-Luxus-Weh-Wehchen und bemitleideten sich selbst.

Wahrscheinlich aus dem schlechten Gewissen, der aus dieser Vereinnahmung resultierte, entwickelten sie dann ein starkes Mantra, gegen das man sich lange Zeit nie traute aufzubegehren: Musik ist eine universelle Sprache! Musik gehört allen, kennt keine Grenzen, keine Kultur, keine Hautfarbe.

Das ist die Sinneshaltung des*r kolonialen, auch postkolonialen und neoliberalen Konsumenten*in: das Begehrte möglichst günstig erwerben, am besten stehlen und danach jeglichen Werteausgleich präventiv verhindern – keine Zugeständnisse, keine Reparation, keine Vergütung, keine Anerkennung. Stattdessen die Mär vom universellen Eigentum. Aber im Grunde gehört alles, was öffentliches Gewicht hat und vor allem materiellen Wert erzeugt, zumindest zu einem relevanten Anteil „uns!!“ – und wir sind in irgendeiner Form „weiss“, „gut“, „amerikanisch“, „europäisch“, „westlich“, „demokratisch“, „freiheitlich denkend“, früher nur „christlich“, jetzt auf einmal „der christlich-jüdischen Kultur zugehörig“….Irgendeine passende Verortung findet man dann schon.

Und wenn das irgendwann mal faktisch nicht mehr so sein sollte, dann werden wir zumindest alles Nötige tun, um uns an dem Anschein festzuklammern.

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Chuck Berry wollte man einmal sogar zu seinem eigenen Konzert keinen Zutritt gewähren, weil man nicht wahrhaben wollte, das Chuck Berry schwarz war.

Ella Fitzgerald
Miles Davis
Big Mama Thornton
Billy Holiday
Nina Simone
Little Richard
und…und…und…sie gehören jetzt uns allen!

Das alles kennt man ja schon. Aber aktuell ist eine Debatte um die schwarzen Wurzeln von House und Techno entbrannt. Der Journalist, Autor und Produzent Deforrest Brown Jr. wirbt für eine radikale Rückbesinnung der Technoszene auf ihre vergessenen schwarzen Wurzeln. Er kündigt an, in Kürze ein Buch über dieses Thema zu veröffentlichen.

https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/make-techno-black-again-100.html

Der Shitstorm ist groß.

In einem Social Media Chat musste ich lesen:“Techno erfunden zu haben, sei ihnen gegönnt. Vermutlich haben sie dazu allerdings einen von Weißen entwickelten Computer benutzt.“

oder:

„Musik und Kultur kennen keine Rassen. Sie gehören allen und dürfen von allen ausgeübt, verändert und interpretiert werden. Linke wie rechte Identitätspolitik sorgt nur für die Spaltung der Gesellschaft.“

oder:

„Puh…Das wirkt auf mich wie die Forderung nach einer Frauenquote. Ich denke immer dass sich „gut“ auf Dauer auch durchsetzen wird. Unabhängig von Hautfarbe oder Geschlecht oder was auch immer.
Hoffentlich schiebt mich das jetzt nicht gleich in die falsche Ecke, aber so gefällt mir das nicht.“

Auf die Forderung nach Sichtbarkeit der Leistung von schwarzen Techno-Pionieren in Detroit, wie Juan Atkins, Derrick May und Kevin Soundersen, wird mit Besitzanspruch und Verlustängsten reagiert. Um jegliche Diskussion im Keime zu ersticken werden dann die Geister des gewaltsamen politischen Lagerkampfes heraufbeschworen und vor der Spaltung der Gesellschaft gewarnt. Es wird die Frauenquote bemüht und eigentlich genauso reagiert, wie bei der Debatte um diese auch: es wird auf die Annahme vertraut, dass das Gute sich eben durchgesetzt hat. Das heisst im Klartext: „Frauen und schwarze Menschen sind eben nicht so gut, wie weisse Männer“.

Ja, da kann man eben nichts machen!

Ich selber konnte mit Techno nie wirklich was anfangen. Nicht, dass ich es nicht vesucht hätte. Ich habe mir Platten und CD’s gekauft und habe mir redlich Mühe gegeben, irgendwie rein zu kommen. Aber es ist mir bis zu diesem Tage nicht gelungen. Vielleicht sollte ich mal Juan Atkins hören. Aber zu dem hatte ich bisher keinen Zugang, denn die Sicht war vernebelt durch drogenbleiche hässliche Hedonist*innen auf Loveparades.

Deswegen warte ich nun sehnsüchtig auf die Veröffentlichung von Deforrest Brown.

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