Kulturstrand München: „Die Suche nach dem verlorenen Kuvert“

Es passieren wieder komische Dinge im Zuge der Kulturstrand-Ausschreibung!

Ein Schelm, der Böses vermutet:

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Von l. nach r.: Mehmet Birinci, Luisa Berauer, Janine Bogosyan, Tuncay Acar

Man stelle sich vor, man sitzt im Vorstand eines frisch gegründeten Vereins, der es sich auf die Fahne geschrieben hat, einen Beitrag für den Ausbau der kulturellen Vielfalt in München zu leisten. Hochmotivierte Menschen unterschiedlicher Generationen und Hintergründe, alles erfahrene Akteure der Münchner Kulturszene, kommen zusammen, um sich ehrenamtlich wöchentlich zu treffen, um einer gemeinsamen Vision zu folgen: Konzerte, Ausstellungen, Performances, Kunst- und Kulturprojekte mit einem reichen, bunten Angebot für München auszuarbeiten, zu organisieren und anzubieten (s. Selbstdarstellung im Anhang). Dann beschließt man, als Verein an der Ausschreibung über die Vergabe des Kulturstrandes am Vater-Rhein-Brunnen teilzunehmen! Warum auch nicht? Das wäre doch die geeignete  Bühne für unser Vorhaben?

Nun: Unser Verein heißt „Real München e.V.“ und die Bewerbung gibt es tatsächlich. Ein Gastropartner (Florian Schönhofer vom Café Kosmos) wurde gefunden, in wochenlanger Arbeit ein Programm zusammengestellt und ein Antrag formuliert. Am letzten Tag der Frist wurde hochmotiviert stundenlang der letzte Schliff angelegt, der Antrag ausgedruckt und von unseren Vorstandsmitgliedern Luisa Berauer und Tuncay Acar mit dem Taxi zur Pforte des Rathauses gebracht. Die Abgabefrist endete am 31.01.2017 um 23:59 Uhr. Punkt 23.30 Uhr – also noch eine halbe Stunde vor Ablauf der Frist – kamen sie dort erschöpft aber letztlich erleichtert an.

Der freundliche Pförtner, machte noch einen charmanten Witz, nahm das Kuvert entgegen, stempelte es mit dem aktuellen Tagesstempel “eingegangen am 31.01.2017” ab, zeigte ihn den beiden mit einem breiten Grinsen im Gesicht, wünschte viel Erfolg und teilte ihnen mit, dass somit alles vorschriftsgemäß abgegeben wurde. Kurz vor knapp – aber geklappt! Juche, was kann da noch schiefgehen? Die beiden Real Münchner gingen daraufhin nach einem bis zur letzten Minute aufregenden Bewerbungs-Marathon erschöpft nach Hause und schliefen den Schlaf der Gerechten.

In den nächsten Tagen beantworteten wir Anfragen der Presse, so wie es sich für einen engagierten Verein mit einer guten Pressearbeit gehört. Die Journalisten waren über die Ausschreibungs-Anwärter schon früh aufmerksam geworden, es wurden Artikel in SZ, TZ, Focus, Mucbook, usw. lanciert. Der Real München e.V. wurde in einem Artikel der SZ auch als einer der „akzeptierten“ Bewerber bezeichnet. Soweit eine erfreuliche Angelegenheit und auch eine klare Tatsachenlage, so schien es. Aber die Bewerberinnen und Bewerber vom Real München e.V. sollten in den folgenden Tagen noch mit den Mysterien Stadtverwaltung konfrontiert werden.

Tatsächlich flatterte Mitte Februar ein Bescheid des Kreisverwaltungsreferates vom 09.02.17 beim Vorsitzenden Tuncay Acar ein, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass der Antrag leider nach Ablauf der Frist, nämlich am 01.02.17 in der Poststelle des KVR eingegangen sei und demnach nicht mehr zum Auswahlverfahren angenommen wurde. Angefügt war der nackte Antrag (ohne das ursprüngliche Kuvert) mit einem Eingangsstempel der KVR-Poststelle auf der ersten Seite: 01.02.2017!

Aber man ließ sich nicht ins Bockshorn jagen. Schließlich war die Sachlage ja glasklar! Erstens waren sie bei der Abgabe zu zweit gewesen und zweitens gab es ja noch den Pförtner, der den Eingang sicher auch bezeugen könnte! Außerdem sind Münchens Verwaltungszentren videoüberwacht. Das wird sich schon aufklären, dachte man sich! Formgerecht wurde ein Einspruch verfasst, ans KVR geschickt und mit den Verantwortlichen des KVR telefoniert. Diese beriefen sich auf die Tatsache, dass der Antrag zumindest beim KVR ohne Kuvert eingegangen sei, und meinten, dass sie sich jedoch um eine Überprüfung des Falles bemühen werden. Man solle doch Geduld haben. Es wäre auch in ihrem Sinne, die Sache sobald wie möglich zu klären, um eine Verzögerung des Gesamtprozesses zu vermeiden.

Es entsprach nicht der optimistischen Grundphilosophie des Vereins, den Ausschluss aus dem Ausschreibungsverfahren an die Öffentlichkeit zu kommunizieren und da man schließlich sicher war, dass man im Zusammenschluß mit den städtischen Gremien dieses unerfreuliche Missgeschick sicherlich klären würde, hat man eben so weitergemacht, wie gehabt, bis am 12.03.17 schließlich das lang erwartete Resultat der Überprüfung ankam (s. Anhang). Darin wurde der Ausschluss aus dem Bewerbungsverfahren endgültig bestätigt und folgendermaßen begründet:

Wie bereits im Bescheid vom 09. Februar 2017 ausgeführt, haben wir Ihre Bewerbungsunterlagen ohne Kuvert und mit Eingangsstempel vom 01. Februar 2017, also nach Ablauf der Päklusionsfrist, erhalten.

Es wurde uns seitens der zuständigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Rathaus versichert, dass Postsendungen, die samt einem Kuvert im Rathaus abgegeben werden, stets auf dem Kuvert gestempelt und vollständig – also mit Kuvert – an die zuständigen Dienststellen zugeleitet werden.

Anhaltspunkte für eine fehlerhafte interne Zuleitung resp. Stempelung liegen nicht vor.

Insofern ist hier leider festzustellen, dass Sie Ihren Sachvortrag nicht hinreichend glaubhaft machen konnten. Letztendlich ist für uns die formelle Beweiskraft des Eingangsstempels entscheidend.

Wir bedauern, Ihnen keine anderslautende Mitteilung geben zu können. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass ein solches Vorgehen aus Gründen der Gleichbehandlung aller Bewerber und Bewerberinnen im Rahmen der Strandveranstaltung erforderlich ist.“
Potzblitz! Das ist mal eine Ansage! Und die Zeit spielt nun auch noch gegen uns. Wir müssen den Gegenbeweis bringen für deren Schlamperei?! Na gut, wir legten los:

Es folgten einige Telefonate mit den Zuständigen im Kreisverwaltungsreferat, die sich dieses Malheur auch nicht erklären, aber im Endeffekt auch nichts bewirken können (oder wollen). Man zeigte sich bedauernd, aber auch sehr uneinsichtig. Schließlich läuft es darauf hinaus, dass die Pflicht der Aufklärung im Grunde dem Antragsteller überlassen wird.

Der einzige Weg: Wir müssen mit dem Pförtner reden – der sei nur leider mittlerweile bis Anfang April krankgeschrieben und nicht befragbar, hieß es aus dem Rathaus. Überwachungskamera? – Da kommen wir leider nicht ran. Anwalt und einklagen? Nicht unser Stil. Zu viel Aufwand, Ärger, Zeit und Geld. Außerdem haben wir uns für diese Ausschreibung nicht beteiligt, um dann ewigen Justizstress durchstehen zu müssen. Wir brauchen unsere Energie für unsere Kulturarbeit und die ist eh schon fordernd genug!

Auf die Frage, wie man sich denn das vorstelle, man ja die Sache nicht einfach so im Stadtgeflüster verhallen lassen könne, antwortete der Sachbearbeiter im KVR unserem Vorstandsvorsitzenden: “Herr Acar, am besten sollte es nicht einmal ein Geflüster geben. Ich empfehle Ihnen, so wenig wie möglich an die Presse weiterzugeben”.

Dazu das Statement unseres Vereinsvorstandes:
“Ein Geflüster lässt sich in diesem Falle leider nicht mehr verhindern. Das wird es hoffentlich schon geben. Denn uns ist hiermit ein Unrecht widerfahren, dass wir jetzt eigentlich mit Anwalt und dem ganzen juristischen Hick Hack verfolgen müssten. Wir haben aber keine Lust darauf! Dazu sind wir nicht angetreten, um uns auf juristischer Ebene mit der Stadt zu raufen. Wir werden weitersuchen, nach der geeigneten Plattform für unser Anliegen und unsere Energie nicht mit einem Rechtsstreit verschwenden.
Also liebe Münchner, wir hätten uns gerne in diesen Prozess eingebracht, aber unter diesen Umständen wird das wohl nicht möglich sein.”

Und wir möchten betonen:
Wir halten uns heraus aus allen möglichen Spekulationen, um eine vorsätzliche Manipulation des Bewerbungsprozesses. Es kann auch sein, dass die Poststelle des Rathauses einfach das Kuvert verschlampt hat und sich nun weder Rathaus noch KVR der Verantwortung stellen wollen. Das ist aber nicht unser Problem! In unseren Augen wirkt das ganze unseriös und auch zuweilen etwas dubios. Außerdem denken wir, dass es nicht unsere Aufgabe ist, zu klären, wo der Fehler im Prozess liegt. Vorliegen tut er auf jeden Fall! Wir fanden nur, das muss an die Öffentlichkeit.”

Aber unsere Vision funktioniert auch ohne Kulturstrand. Nun suchen wir Hilfe für unser Projekt “Real München”: einen neuen Ort, Unterstützer, Förderer, Stiftungen, Aufmerksamkeit. Das Konzept ist auch in einem anderen Rahmen nutzbar und liegt fertig – ohne Kuvert – auf unserem Schreibtisch!
Pressekontakt:

Janine Bogosyan
0176-24892724
janinebogosyan@gmail.com

Der Meisterakrobat von Panama

Er stand inmitten seines geräumigen Büros. Die Telefone surrten und bimmelten. Keiner war sonst da, er hatte alle Mitarbeiterinnen und Angestellten hinausgeschickt, und ihnen gesagt, sie sollen eine kleine ausserplanmässige Pause einlegen, sich für eine halbe Stunde in irgendeines dieser kleinen schicken Businesslounge-Cafés setzen. Er konnte ihre Blicke nicht mehr ertragen, ihre besorgten Blicke, ihre kurzen Atemstösse, ihr Ächzen und Schnaufen.

Nur kurz alleine sein. Ganz kurz nur. Das war alles, was er sich gewünscht hatte. Er klammerte sich an diesen Moment im vollen Bewusstsein, dass eine solche Stille in den nächsten Tagen und Wochen nur selten wiederkehren würde.

Da stand er nun in seinem gewöhnlich schicken Anzug und wunderte sich nur. Seit Jahren betrieb er jetzt schon dieses Geschäft. Für ihn war es reine Routine. Aber seit ein paar Tagen war sein Leben völlig auf den Kopf gestellt. Der Tag donnerte dahin wie ein Tsunami und schien alles mit sich zu reissen. Er spürte förmlich den Druck der Ereignisse auf seiner Haut. Der Stoff seines Hemdes zerknitterte darunter. Sein Körper war schweissnass. Klebriger, kalter Schweiss rann an seinem Oberkörper entlang. Sammelte sich in Falten und Ritzen seiner Haut, sammelte sich und vereinzelt schossen die eisigen Tropfen weiter. Sie fühlten sich an wie winzige Murmeln, die ihn für einen Bruchteil der Sekunde zusammenzucken liessen.

Sein Büro ist zur Hölle geworden. Die Mittelsmänner des FBI, die Sonderkommission, Staatanwälte, Polizisten, Journalisten. Ständig klingelte es. Er traute sich gar nicht mehr den Computer einzuschalten. Wie ein getriebenes wildes Tier im Käfig lief er hin und her, zwischen der getönten Glasscheibe mit Ausblick auf die Panoramaterrasse und seinem ausladenden, gewundenen massiven Bürotisch aus edlem dunklen Tropenholz.

Es fühlte sich komisch an. So als ob er zusammen mit dutzenden anderen Akrobaten auf dem Trapez zugange gewesen wäre und plötzlich gerade die Halterung riss, die sein Arbeitsgerät an der Decke des Zeltes verankert hielt.

Die bittere Gewissheit tritt wohl Blitzschnell ein in einem solchen Moment? In Sekundenbruchteilen nahm er die erschreckenden starren Blicke seiner Kolleginnen und Kollegen wahr, Sie schienen alle etwas zu wissen, was er nicht wusste. Sie wohnten seinem Fall mit erstaunlich eisig kalten Blicken bei. Vorahnung, Wissen und Ensetzen spiegelten sich in ihnen wieder. Dumpf prallte er mit dem Rücken auf den Zirkusboden. Etwas knackte an seinem Hinterkopf. Das Geräusch weckte Ekel in ihm. Noch spürte er keinen Schmerz. Nur Entsetzen. Wie oft hatte ihm die Vorstellung an diesen Moment schon den Schlaf geraubt? Wie oft war er schon aus wirren Träumen aufgefahren? Jetzt wurde der Schrecken wahr.

Für einen kleinen Moment stand die Stille im Raum wie Betonblock. Dann die Schreie und das Chaos. Der Zirkusdirektor warf seine Peitsche in hohem Bogen auf den Boden, liess einen laut hallenden Schrei von sich und sprang mit ausfallenden Schritten an die Unfallstelle. Seine Brust bebte auf und ab, während er sich mit herabfallenden Haarsträhnen und wildem Blick über den Akrobaten beugte. Staub wirbelte hoch. Kurz bevor das Bild in seinen Augen verschwamm, erkannte der Akrobat den abgebrühten Blick in diesem Gesicht, dass ihm bisher so vertraut gewesen war. Er kannte jede Pore und er spürte tiefe Verleumdung und Verrat in den letzten Momenten, an denen gleichzeitig sein ganzes Leben vor ihm vorbeitänzelte, wie ein zu schnell abgespulter Stummfilm.

Er spürte Meuchelei. Es war, als ob sein Leib in Schauder buchstäblich erfror. Sein Atem stockte. Es ging alles so schnell. Ein Kopf nach dem anderen streckte sich über ihn und verdunkelte seine Umgebung. Einer nach dem anderem wölbten sie sich über ihn, die Lichter der grellen Scheinwerfer bedeckend, die ihn ein letztes mal noch blendeten, bevor endgültig die Dunkelheit über sein Bewusstsein einbrach.

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Der Kanal

Alle haben es gewusst. Dieses Trapez hat seit Jahren gehalten und funktioniert und die Stabilität der Hängekonstruktionen im Zelt war ihnen allen heilig! Sie wurden regelmässig kontrolliert. Eigentlich täglich! Jeder wusste das genau: wenn ein Unfall passiert, dann ist es kein Unglück. Einer der Akrobaten wurde geopfert. In diesem Falle war er es.

Er zuckte jäh auf aus seinem sekundenbruchteile währenden Tagtraum. Es war ein Alptraum und die Zeit war wie eine dicke Schicht, die zwischen ihm und seinem Bewusstsein stand. All seine Kunden. Er konnte nicht einmal ansatzweise absehen, welche Daten schon in die Hände dieser Aasgeier gefallen waren. Die Angaben von Terrabyte-Zahlen hallten in seinem Kopf wieder. Panik wechselte sich ab mit der Ruhe der verzweifelten Gewissheit vom unumgänglichen Ende.

Das Ende. Es war jetzt zum greifen nahe. „Jetzt nur die Nerven behalten. Nerven behalten, wofür? Alles war nun verloren“! Alles, was er sich aufgebaut hatte in all den Jahren, seit der Krise der New Economy, damals zur Jahrtausendwende. Sein Kopf knickte nach vorne über die Brust. Die Arme hingen an seinem Körper herab wie Tauwerk an einem Frachtschiff im Verladebecken.

„Dementieren, dementieren. Ich werde alles dementieren. Diese dreckigen Schweinehunde. Dieses Hurenpack!“ zischte er und erschrak vor seiner eigenen Stimme, die klang wie von verblutendem Schlachtvieh. „Sie haben mich ausgenommen und abgeliefert! Aber wie kann das sein? Die wissen doch, dass ich auch alles weiss? Also muss das eine grosse, eine sehr grosse Nummer sein! Eine verdammt grosse Nummer. Verdammte Scheisse. Verflucht nochmal!“ Er donnerte mit dem Handballen gegen die Wand. Presste die Stirn gegen sie und spürte, wie sein Leib schwerer wurde und ihm die Tränen kamen: „Sie lassen tatsächlich alle fallen. Alle werden fallen! Das ist unglaublich….“

Die Verzweiflung überkam ihn und er trat an die Glasfront seines Büros, das sich im obersten Stockwerk eines geschwungen und elegant sich in die Höhe windenden Wolkenkratzers befand, weit oben an der Anhöhe mit einem Rundumblick über die Mündung des Kanals, das Delta, das Meer und mit der gleissenden Sonne, die die Glassfassaden der monumentalen Businesstowers smaragdfarben zum glitzern brachte. Er trat hinaus auf die Terrasse, denn er konnte nicht einmal das gedämpfte dunkeltürkise Licht der getönten Scheiben ertragen, dass er sonst so genossen hatte, besonders an den Abenden, an denen er dann mit genüssliche eine edle Havanna rauchend in die Glut der Sonne starrte und ihm sein Tageserfolg durch den Kopf ging.

Er brauchte Licht und vor allem Luft!  Wie schön es doch wehte hier oben? Seitdem er hier eingezogen war, vor knapp 6 Jahren, war er vielleicht ein oder zweimal hier hinausgetreten. Eine Schande! Nun wünschte er sich, er hätte es öfter getan. Diesen Anblick würde er bald…sehr bald sehr vermissen.

Er lockerte die Krawatte, während er an das Geländer trat. Weit unten hörte er das Meeresrauschen, das in das sanfte Summen des Windes überging. Er hörte die Telefone läuten und summen. Wie anders das doch jetzt klang, wie bedrohlich, wie unangenehm? Er war einer der besten seines Fachs gewesen und die alltäglichen Bürogeräusche, die bisher wie eine fein komponierte Untermalung seines Erfolges klangen, hämmerten nun grausam auf ihn ein, schlimmer als dieser entsetzliche Noiserock, den seine Kinder von früh bis spät hörten. Er musste vor ihnen fliehen, weit hinaus auf das Meer würde er jetzt gerne schwimmen. Wenn er nur frei wäre. Frei wie eine dieser Möwen, die ab und an krächzend um das Gebäude schwebten. Er würde bis zum Horizont fliegen und mit den Walen um die Wette eifern. Er war ein Meisterakrobat gewesen. Er hatte an die Konstruktion geglaubt. Er war einst der Garant ihrer Stabilität. Er hatte mit Millarden jongliert und hunderte Konten gleichzeitig für all seine Kunden verwaltet. Er war der Star des Offhore-Geschäfts und steuerte hunderte von Breifkastenfirmenbossen, die am Fliessband Deals unterschrieben. Er wusste genau, was das für Geschäfte waren und er wusste genau, dass es sehr schwer war, die Wege der Transaktionen und die komplexen Zusammenhänge der Geschäftsverhältnisse nachzuvollziehen. Hallo! Er wusste genau, wer ihm dieses Imperium ermöglicht hatte. Eigentlich war es ein bombensicheres Geschäft. Und jetzt sollte er fallen? Wenn er fiel, dann würden viele andere mitfallen und das sind nicht irgendwelche kleinen Banker an der Wallstreet und in London. Es sind grosse Namen. Das nimmt doch keiner in kauf? Es sei denn: irgendwelche Bastarde, denen er es nie und nimmer zugetraut hatte, nahmen sich vor, die Welt neu zu ordnen.

„Diese verdammten schmierigen Schurken! Sie haben mich das System mit aufbauen lassen und mit mir meinen Erfolg gefeiert. Sie haben mich angeheizt, mir Preise verliehen und mich hochdekoriert. Nun ziehen sie mir an einem Tag plötzlich den Boden unter den Füssen weg, oder noch besser gesagt: reissen die Zeltdecke über mir auf“, dachte er. Es war ja klar, dass die Zeiten sich ändern würden, aber warum denn gerade er? Wie hatte er das denn nicht kommen sehen können? Er war doch der beste gewesen!

Aber vielleicht war das ja der Grund? Der beste hatte am meisten vorzuweisen und am meisten zu bieten. So wie es scheint, wollen sie die Konstruktion komplett umkrempeln. Das bedeutet: es gibt eine neue Generation von Hyänen, die zur Übernahme der Beute bereit stehen. Er starrte hinab in die Strassenschlucht, so als ob er sie suchen würde mit seinen Blicken. Als ob er ihnen noch einmal in die Augen blicken wollte. Denen, die ihm nun alles wegnehmen würden. Alles. Sein ein und alles würden sie ihm nun aus der Hand reissen.

Es war klar: Um die Konstruktion komplett umzukrempeln, brauchten sie seinen stabilsten Träger!

„Diese Hundesöhne“, dachte er….“diese undankbaren Hundesöhne“.

 

Bebek Café

„Gewiss leben wir in verschiedenen Welten mein Freund“, sagt Daniel. „Wo du recht hast, hast du recht. Wie können wir das verhindern? Wenn man bedenkt, wie schwer es einem fällt, sich in das Seelengerüst seines nächsten Mitmenschen einzufühlen, dann ist es doch wohl ein leichtes zu begreifen, wie schwer es ist, die Empfindungen und Emotionen auszuloten, die ganze Kulturen bewegen“.

„Ich bin begeistert von der Kunst der Polarisierung“, erwiedert Erdal. Beide sitzen gegen Abend im Bebek-Café, einen zum charmanten Szenetreff mutierten alten Kaffeehaus neben einer kleinen schmucken Moschee aus dem beginnenden 20. Jhd. Das Café befindet sich im gleichnamigen äußerst idyllischen Uferviertel, direkt an der europäischen Seite des Bosporus, der Meeresenge, die bekanntlich die Großmetropole Istanbul in Europa und Asien unterteilt. Bebek ist „das“ Nobelviertel der Stadt, an dessen Uferpromenade die Edeljachten der oberen 10.000 Türken anliegen. Es herrscht ideales Herbstwetter mit T-shirt-tragetemperaturen anfang Oktober. Im Café selber tummeln sich die Elitefreaks der Nation. Meist wohlhabende, gutausgebildete, mehrsprachige Bohemiens und Weltenbürger, Menschen, die den ganzen Tag Business machen mit ’nem Gläschen Tee in der Hand, Mobiltelefon am Ohr und sich auf der Weltkarte auskennen, wie Hochseekapitäne. Alle tragen sie die obligatorische Jeans und den ausgelassenen Freizeitlook, der dieserorts das Businessoutfit ersetzt.

Bebek Istanbul

Die Bebek-Bucht am Bosporus - Mußeort für Alltagsgauner und gehobenes Bürgertum

„Ja“ fällt daraufhin Daniel wieder ein: „Die Polarisierung – der ideale Fluchtpunkt für eine solche Stadt und ihre Bewohner. Nichts ist hier leichter zu erzeugen, als das. Z.B. braucht es nur eine etwas misslungene Papstrede und schon wird ein Passagierflugzeug der Turkish Airlines auf dem Weg nach Rom entführt. Alle Welt erwartet den blutrünstigen Racheakt eines gekränkten Fundamentalisten. Dabei ist es nur der Nachfahre von einst zum Islam zwangskonvertierten Christen, der mit der Flugzeugentführung den Vatikan auf seine persönliche schwierige Situation als Fahnenflüchtiger hinzuweisen sucht und keine Lust hat in der Armee eines muslimisch geprägten Landes zu dienen. Der Flieger wird noch am selben Abend friedlich und ohne menschliche und materielle Verluste zu Boden gebracht. Die Entführer sitzen im italienischen Gefängnis und der Medienapparat beginnt die Tagespresse peu á peu mit Gerüchten, Zitaten, Ausschnitten aus Bekennerbriefen, Verschwörungstheorien etc. zu füttern. Natürlich ist nicht ganz klar, wer, warum, weshalb. Superstory, kann man noch ein bisschen dehnen. Bam – perfekt – sitzt wie ein Ass im Ärmel“.

Daniel und Erdal sind zwei von drei, etwas verlottert aussehenden Lokalhelden, die sich gerade zu einem Tee hier getroffen haben und sich köstlichst amüsieren. Die äußere Erscheinung ist hier nicht so wichtig für Leute wie sie. Man kennt sie und weiss ihre direkte, unverblümte Art zu schätzen. Erdal ist ein Schauspieler, der sich sein Geld mit Auftritten in den landesweit recht beliebten Vorabendserien verdient, Daniel hingegen ein stadtbekannter Freak, Barbesitzer, Diamantenhändler, Hans Dampf in allen Gassen. Wenn man ihm in sein schmales verschmitztes Gesicht mit seinen stahlblauen Augen sieht und ihn unentwegt schnattern hört mit seiner hohen, aufdringlichen Stimme, dann kann man sich den kleinen Lausejungen gut vorstellen, der sich die Tage und Nächte am Ufer des Bosporus rumschlug, kreischend von den hohen Aufbauten der Fischkutter ins Wasser sprang und mit der bloßen Hand die Meeräschen aus dem Wasser holte, indem er sie schwärmeweise mit kleinen Brotklumpen anlockte.

Zu guter letzt wäre noch Ümit zu nennen, ein etwas gealterter, jedoch sehr erfolgreicher Popmusiker und Superstar mit Attitüde. Er ist nicht nur älter, sondern auch etwas erfolgreicher als die beiden anderen, was ihm anerkennende Blicke von allen Seiten einbringt, die er mit routiniert zurückhaltender Geste erwidert.

Die Unterhaltung dreht sich – wie so oft – um das Land. Man macht sich lusig, über die Bemühungen der Regierung, einen souveränen Staat vorzutäuschen. Szenarien werden am Tisch im Bebek-Café in drehbuchartigen Skizzen improvisiert. Wunderschöne tragikomische Momentaufnahmen aus der Realität dieses Planeten.

Sie leben in einer Welt, in der die Staatsreligion längst Einzug gehalten hat in alle Bereiche der Tagespolitik, der Medien und sogar den großen neuen Pop- und Modephänomenen ihre Ränge streitig macht. Es ist Fastenzeit. Der heilige Monat Ramadan verlangt den liberalen Gesellschaftsschichten – besonders den etwas populäreren Bohemiens und Künstlern – viele Entbehrungen ab. Man fühlt sich seltsam schuldig beim Essen, Trinken und Rauchen in der Öffentlichkeit. Und wenn man nichts dergleichen tut, kann man trotzdem die Frage nach der Einhaltung des Fastengebots in den Augen der Passanten lesen. Mehr als je zuvor wie es scheint.

Ümit beschwert sich über die subtile und öffentliche Allmacht der Imame und Religionsgelehrten in den Fernseh- und Radiokanälen und droht damit, wegzuziehen: „Nach Europa? Niemals! Ich war schon oft auf Tour dort. Es ist herrlich. Die Ordnung, die Ruhe, die Parkanlagen, keiner belästigt dich, keiner will dir auf der Straße was andrehen. Anfangs war es wie im Traum. Die Parks liebte ich besonders. Ich konnte stundenlang dort sitzen und lesen, die Menschen beobachten und die Muße walten lassen. Aber wenn man aus einer Stadt wie Istanbul kommt, dann wird einem das nach ein Paar Tagen zu viel. Irgendwann war ich soweit, daß ich die Leute anbrüllen hätte können: `Macht doch mal einer den Mund auf, verdammt! Wie kann man nur so lange, so still vor sich hinsitzen? Hat denn keiner was zu sagen, in diesem verfluchten Park?‘. Nein, nein mein Freund. Für mich gäbe es nur eine Alternative: New York – Amerika natürlich, was sonst?“

Ungläubiges Schmunzeln in der Runde. Es wirkt so, als hätte er das schon oft gesagt, der Ümit. Seine Klage verebbt im herbstlichen Abendhimmel an dem sich der Sonnenuntergang lange zuvor durch ein sanftes Farbenspiel ankündigt. Die Stadt der Städte ist wieder einmal zum verlieben. Also stimmen alle ein in einen Lobgesang auf ihre Heimatstadt, so als ob sie die bösen Geister, die Ümit mit seiner wehklagenden Drohung vermeintlich rief mit einer Art andächtigen Buße vertreiben wollten. Für eine kurze Zeit wird der Zynismus und das Gelächter unterbrochen durch eine fast besinnliche Stille, die sich am Tisch breitmacht.

In diesen kurzen Moment der Stille platzt nun Erol hinein, der schon von weitem mit ironischem Gezeter empfangen wird. Erol ist – laut Daniel – Professor der Alltagsgaunerei und, ebenso wie dieser, am Bosporus geboren und aufgewachsen. Er verdient sein Geld mit zwei illegalen Autoparkplätzen, die er in den Seitenstraßen des Beyogluviertels im Zentrum der Stadt betreibt und dem Handel mit Booten, Jachten und Liegeplätzen im Hafen von Bebek. Ein recht unscheinbarer, herzlicher Typ, der kein Problem damit hat, über seinen Tagesablauf und über Geld zu reden. Erol lädt die Gesellschaft auf ein bescheidenes Fischerboot ein und man beschließt, dort gemeinsam einen zu kiffen. Ümit ist das zu riskant – er hat ein Ansehen zu verlieren und will die Herzen seiner großen Anhängerschar nicht mit skandalösen Presseberichten brechen. Er verlässt die Gruppe.

Die bürgerliche Gesellschaft der Millionenmetropole geht mit Kind und Kegel an der Promenade spazieren, während der Rest der lässigen Truppe unter den überraschten Blicken der Passanten gemütlich am Ufer entlangschlendert, das am Dock anliegende Boot besteigt und es sich darin gemütlich macht. Sie sind sich ihrer Sonderrolle bewusst und geniessen sie.

Erdal, der etwas stämmige und immer etwas verkatert wirkende Schauspieler mit den kurzen, dunklen, lockigen Haaren und dem massigen Gesicht trägt eine Fischerweste über dem abgetragenen Flanellhemd, aus deren linker Tasche er eine Tüte mit Gras und den sonstigen Rauchutensilien kramt. Währenddessen hat es sich Daniel in der Kabine des Fischerbootes gemütlich gemacht, das so angetaut ist, dass man das Geschehen im inneren des Bootes von der Promenade aus nicht sehen kann.

Daniel plant eine Musikproduktion mit Ümit und einigen anderen national und international bekannten Musikgrößen. Er beschwert sich darüber, dass Ümit in der Öffentlichkeit oft als ein zum Islam konvertierter Jude bezeichnet wird, nur weil er einen etwas aussergewöhnlich westlich klingenden Nachnamen hat, zumal diese Gerüchte immer eine etwas negative Konnotation tragen. Erdal schlägt Daniel vor, dass dieser einen bekannten armenischen Perkussionisten und Sänger in sein nächstes Projekt miteinbezieht, aber dieser ist Daniel zu sehr auf die armenisch-türkische Problematik fixiert und sorgt regelmässig zu sehr für Unruhe mit seinen emotionalen Statements. „Die Volksseele ist empfindlich. Es ist eine Zeit, in der die EU-Aufnahmeverhandlungen sowieso schon soviel Staub um die Minderheitenrechte aufwirbeln. Das ist für ein kommerziell gepoltes Musikprojekt zu riskant“.

Da betritt eine zierliche weibliche Gestalt das Boot. Sie hat ihre Haare zusammengebunden und trägt eine Sonnenbrille und einen weissen Fleur um den Hals. Sie heißt Sibel und ist Grafikerin ohne feste Bleibe, die sich temporär auf dem großen Boot des Hafenbetreibers Burhan eingerichtet hat.

„Hast du den Typen jetzt endlich angerufen?“ fragt Daniel sie unmittelbar, nachdem sie es sich auf der Seitenbank gemütlich gemacht hat und einen Zug von dem Joint genommen hat, der gerade ‚rumgeht. „Nein, Daniel!“ antwortet sie mit einem verschmitzt mitleiderregenden Gesichtsausdruck. „Ich sage dir, irgendetwas passiert mit mir. Ich bin zu einer Frau geworden, die Jobs aus Willkür ablehnt, oder weil ihr die Arbeitszeiten nicht passen, und das, obwohl sie keinen Cent besitzt und eigentlich dringend arbeiten müsste. Ich bin eine verwöhnte Zicke, Daniel!“.

Daniel ist so etwas wie eine Mischung aus guter Geist und autoritärer Pate. Er fühlt sich für alles und jeden zuständig und verbringt viel Zeit damit, seinen Mitmenschen zu helfen und dadurch seine Anerkennung in der Gruppe zu festigen. Man kann eigentlich sagen, dass das sein Hauptjob ist. Er ist anfang Vierzig und wohnt in Baltalimani am Bosporus und hat einen Chauffeur, den er sich mit ein Paar Freunden teilt. Dieser Chauffeur kauft für ihn ein und kutschiert ihn duch die Gegend, wenn er mal gerade nicht mit seinem Motorrad unterwegs ist.

Wie er sich das leisten kann, weiss keiner so genau, denn er erzählt immer davon, dass er sein durch Diamantenhandel verdientes Geld immer sehr schnell wieder verprasst. Daniel entstammt einer angesehenen jüdischen Händlerfamilie. Die Tatsache, dass seine Großmutter ihm immer noch selbstgemachtes Essen in rauen Mengen nach Hause schickt, nimmt er gelassen. Diese Lieferungen sind teilweise so umfangreich, dass Daniel und seine Freundin regelmässig Freunde zum Essen einladen müssen, da sie sonst nicht wüssten, wohin mit den ganzen Leckereien. Und das Essen zurückzuschicken, würde der Oma wahrlich das Herz brechen.

„Ich werde dir mal was sagen, Mädel“ setzt Daniel zur Antwort auf Sibels Selbstbekenntnis an: „ Meine Oma sagt: Wenn du im Recht bist, steh aufrecht, aber wenn du im Unrecht bist, senke dein Haupt in Erwartung des Henkerbeils. Du musst dich leider von mir zusammenscheissen lassen, meine Gute. Hör mal: Du jammerst mich die ganze Zeit voll, dass du’n Job brauchst. Ich setze für dich sämtlichen Beziehungen in Bewegung, um dir ein Vorstellungsgespräch zu verschaffen und du antwortest mir mit so was.“ Erol mischt sich ins Gespräch ein und empfiehlt Sibel, dass sie sich als Mittellose bei der Bezirksdirektion melden soll. Er hätte das auch so gemacht und würde immer noch eine kleine Hilfe vom Staat beziehen.

Allgemeines Gelächter.

„Du hast ja gut lachen mit deinen ganzen Diamanten, die du in deinem Geheimdepot verwahrst.“, meint Erdal zu Daniel. Daraufhin folgt eine imaginäre Auflistung der Vermögensbestände aller Anwesenden, die unter gemeinsamem Gelächter fortlaufend um kleine hinzugedichtete, abstruse Details ausgeschmückt werden.

In das Gelächter fällt der 4. Gebetsruf des Muezzins. Er läutet gleichzeitig das Abendessen für alle fastenden Muslime ein. In grösseren Städten ertönt der Ruf des Muezzins immer mehrstimmig, je nach dem, wie viele Minarette gerade in Hörweite sind.

Sibel hat sich zurückgelehnt und betrachtet die Sterne. Still wird der Joint weitergereicht.