Über Triptonious Coltrane

Triptonious Coltrane prefers sweet breakfast

Wie können wir den Kulturbetrieb in Deutschland von der permanenten Dauerüberforderung befreien?

Wenn jemand aus deinem Freundeskreis einen Job im Theaterbetrieb erhält, dann sag schon mal leise Servus. Denn es wird lange dauern, bis du ihn oder sie mal wieder völlig entspannt zu irgendeinem Anlaß treffen kannst. Diese Menschen arbeiten mindestens 60 Stunden in der Woche und ihre Gehirne sind im besten Falle in mindestens 100 einzelne Bereiche unterteilt, in denen die Synapsen rund um die Uhr förmlich glühen! Sie sind kurz angebunden, haben ein Meeting nach dem anderen und die Positionen sind chronisch unterbesetzt. Es sei denn, es handelt sich um den real existierenden elitären Hochbetrieb: Staatstheater, oder Opernhäuser. Da läuft die Schose, denn da wird reingebuttert sowohl von staatlicher Seite, als auch über Spenden durch unterstützende Vereine und Dauerabonnements etc.. Städtische Theater hingegen – haben sie auch noch so ein hohes Renommeé – liegen mit ihren Budgets meist viel weiter darunter, jetzt während der Pandemie allemal. Budgets wurden gekürzt, Zugänge beschränkt und somit Einnahmen unterbunden (in den Fußballstadien geht’s jedoch hingegen rund).
Auch Menschen, die sich auf selbständiger Ebene mit Kunst, Kultur oder in der „Kreativwirtschaft“ betätigen geht es nicht anders. Sie produzieren am laufenden Band und promoten sich selbst auf allen Kanälen, vor allem Online. Ein Post auf einer Social Media-Plattform dauert mindestens 10 Minuten. Wenn du auf z.B. auf 4 Social-Media-Kanälen unterwegs bist, dann sind das pro Post schon mal mindestens 40 Minuten. Wenn du 3 Posts am Tag ablässt, dann sind das locker 2 Stunden. Hinzu kommt, dass man die Bilder erst mal im richtigen Licht schießen, vorsortieren, bearbeiten und sich einen Text ausdenken, Namen, Markierungen und Hashtags recherchieren muß. Somit gehen wir mal von 3-4 Stunden täglich aus, die man als engagierter Selfpromoter jeden Tag im Cyberspace abhängt- und da sind die rein privaten Meinungsäußerungen, Kommentarbattles und das liken von Posts von Freund*innen noch gar nicht inbegriffen.
Und dann braucht man noch Zeit für die eigentliche Arbeit, die man macht: Musik, Malen, Schreiben, Publizieren, Theater, Tanz, whatever. Das nimmt auch sehr viel Zeit in Anspruch, muß man wissen. Und zu guter letzt muß man ja gesehen werden! Dazu braucht es Anlässe, Veranstaltungen, Empfänge, Parties, Preisverleihungen, Ehrungen, etc.. Sichtbarkeit ist das wertvollste Gut der heutigen Zeit.
Loops werden zur Lebensform. Standardmäßig haben deswegen das Handy griffbereit, um gegebenenfalls kurze Sequenzen aufzunehmen und sie Online im Loop laufen zu lassen. Das leben läuft in Schleife. Der zynische Witz erleichtert einem die Existenz im absurden Präkariat. Ein Projekt jagt das andere. Wir bleiben, toll, originell, überfordert und überarbeitet.

Ottonormalverbraucher*innen werden auf der Straße interviewt und antworten auf die Frage nach seiner/ihrer Meinung zum Bedingungslosen Grundeinkommen mit: „Ja, aber dann würde doch niemand mehr wirklich arbeiten?“.

Do you remember the days of slavery?

Einbruch der Werteskala

Im Eifer des Gefechtes
Ist es verdammt schwer festzustellen,
Wer wirklich aufrichtig kommuniziert
Und wer nur Tagesordnungspunkte aneinanderreiht.

was wäre Reden ohne „Zuhören“?
So wie das wichtigste Element in der Musik die Stille ist
Und man ohne rhetorische Lücke kein Publikum gewinnen kann.

Oft wird einem Stille nicht gegönnt,
Es gehört auch was dazu,
Sie zuzulassen.

Dies ist eine vorwiegend männliche Unart.
Aber nicht nur.

Stille, Raum, Zeit…
Unverwertet…
Schönheit – einfach ihrer selbst willen
Schönheit, an der man nicht beteiligt ist
Schönheit, die an einem vorüber zieht,
Ohne ein Vergleichsmoment,

Schönheit, die einfach da ist.
Ohne Businessplan,
Ohne Bääääm.

Einfach mal die Fresse halten…

Einfach die Fresse halten und sich gegenseitig ansehen.
Voll Glückseligkeit der Zeit beim verrinnen zusehen.

Das wünsche ich mir sehr oft.

Mitlerweilen gelingt es mir wieder öfter.

Die unerklärliche Leichtigkeit der hartnäckigen Empörung über Antisemitismus auf deutschem Boden.

Menschen mit tunesischen, türkischen und palästinensischen Fahnen schreien vor Synagogen in Deutschland antisemitische Parolen. Sie – diejenigen, die in einem „weißen“ Europa zur gesellschaftlich benachteiligten Schicht gehören, haben sich nun auf einem Präsentierteller bereitgestellt, um den rechten Agitator*innen als hässliche Blitzableiter zu dienen. Somit werden gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen:

1. Man muss den Antisemitismus gar nicht mehr selber betreiben, sondern lässt die Drecksarbeit von den unteren Schichten erledigen, die man selber auf Grund ihrer ethnischen Herkunft ebenfalls rassistisch segregiert.

2. Man kann nun wieder einmal getrost mit dem Finger auf die „bösen Moslems“ zeigen und sich verlogen als Angehörige der „jüdisch-christlichen“ Kultur oberflächlich auf die vermeintlich richtige Seite schlagen, um politisch gut da zu stehen.

Damit kreuzen sich wieder einmal die Wege von radikalen Moslems und faschistischen Kolonialromantiker*innen, so wie es schon oft der Fall war: so zum Beispiel im ersten Weltkrieg, als beide Kriegsparteien versuchten, die Muslime im Dienst der eigenen Allmachtsphantasien zu rekrutieren. Man errinere sich an die Allianz des deutschen Kaiserreichs mit den damals sich im osmanischen Reich hochputschenden Nationalisten, die beide der glorreichen Idee verfielen, einen Dschihad gegen die gemeinsamen Feinde durch den amtierenden Kalifen (muslimisches Religionsoberhaupt) ausrufen zu lassen. Der Einfluß dieses Mannes auf die muslimische Welt war jedoch von bescheidenem Ausmaß, wie sich herausstellte.

Denn den pragmatisch agierenden und wesentlich effektiver arbeitenden Geheimdiensten des Feindes viel es leicht, dieses strategische Manöver zu parieren. Bald konnten sie – durch die zugegebenermaßen geniale Spionage und Agitation von Leuten wie Lawrence von Arabien und Gertrude Bell – die arabischen Völker wesentlich schneller im Zuge von heuchlerischen „Freiheits- und Unabhänigkeitsversprechen“ auf ihre Seite bringen und den Krieg für sich entscheiden.

Das Resultat liegt als permanente Wunde offen dar: Willkürlich gezogene Grenzen, die im Sinne von Ölkonzernen und imperialistischen Phantasien entstanden, ein respektloser Umgang mit den kulturellen und territorialen Ansprüchen der angestammten Bevölkerung vom Nahen Osten bis zum Hindukusch, wirtschalftliche Abhängigkeit und Autonomieverlust der jungen Nationen in der gesamten Region, die systematische Plünderung der Bodenschätze und des kultuellen Erbes, daraus resultierend eine nicht mehr enden wollende Spirale der Gewalt, Mißgunst und Unmenschlichkeit. Am allerschlimmsten jedoch wiegt die Stigmatisierung von Millionen Menschen als Angehörige einer „gewaltverherrlichenden und unmenschlichen Kultur“.

Der Nahe Osten ist nicht das Zentrum von Krieg und Gewalt. Er ist die Wiege unserer Zivilisation! Die Systematik der industriellen Kriegsführung stammt aus Europa: Im 2. Weltkrieg werden mitten in Europa 6 Millionen Juden vernichtet, hunderttausende von Muslime wieder für militärische Zwecke rekrutiert und nach erfüllter Aufgabe in Massen auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen. Man bedenke hier das Schicksal der hunderttausenden auf deutsche Seite übergetretenen Muslime, die im 3. Reich für die Wehrmacht gekämpft haben und nach dem Maltabkommen dem stalinistischen Regime übergeben und somit sauber entsorgt wurden.

Die kläglichen Überreste haben sich vor allem in Deutschland – protegiert von politisch konservativen Kreisen, unter anderem von Franz Josef Strauß in Bayern – und im Windschatten der westlichen Geheimpropaganda gegen Russland im kalten Krieg, über die Jahre gut organisiert und sind hier zu mächtigen Strukturen herangewachsen. Dieses Land wuchs somit zur Drehscheibe radikalislamistischer Strukturen an. Jetzt tut man im rechten Spektrum natürlich so, als wüsste man von nichts und hätte es plötzlich mit einer per se gewaltbasierenden „fremden“ Kultur zu tun, die hiesige demokratische Stukturen unterwandert. Dies nutzt man zudem ganz pragmatisch als Argument, um steigende Staatsausgaben für  Sicherheitsmaßnahmen zu rechtfertigen.

Indessen ging die globale Ausbeutung der Muslime seit je her immer weiter: Al Quaida, Taliban, IS, aber auch ultraradikale islamische Sekten und Verbände wurden oft im Zuge von kurzfristigen und unmenschlichen Geheimstrategien protegiert. Diese Strategien haben sich – meiner Meinung nach – schon längst verselbständigt. Man hat schlicht und einfach die Kontrolle verloren. Nur eines ist klar: es geht – exakt wie im 1. Weltkrieg – langfristig nur um Machtstrategien in der Region, die durch kurzfristige Notmaßnahmen aufrecht erhalten werden – durchgeführt von Interessengemeinschaften und Fraktionen, deren Konstellationen sich jeden Moment verändern können. Milliarden werden in diese redundanten Strategien Jahr für Jahr investiert. Öl- und Gasreserven sind ihre heiligsten Güter.

Sobald diese versiegt sind, wird die Region wieder fallen gelassen und seinem eigenen Schicksal überlassen werden. Bis dem so ist, haben wir dort aber noch einige Jahrzehnte voller Leid und Tod vor uns. Das leidtragende Volk wird so in die Flucht und ins Verderben gestürzt und als ob das nicht reichen würde, muß es dafür auch noch mit weiterer Todesgefahr und Elend auf der Flucht und mit jahrzehntelanger Demütigung und Unterdrückung an ihrem Traumziel in Europa bitter bezahlen. Die Konflikte der Region werden ganz natürlich mitgenommen und in Europa weiter ausgetragen – das ist genau das, was wir nun auf den Straßen Deutschlands erleben. Es zeigt, dass man die Vorgänge hier nicht von der Problematik im Nahen Osten separieren kann.

Es ist ein armseliges Schauspiel, dass sich vor unseren Augen ausbreitet: täglich wird das Völkerreicht auf die heftigste Art und Weise von radikalen jüdischen Siedlern gebrochen und das palästinensische Volk seit Jahrzehnten unterdrückt.

Im Gegenzug dient genau das radikalen faschistischen Strukturen wie der Hamas und anderen islamistischen Organisationen dazu, ihr Machtpotenzial weiter auszubauen, indem sie ihr eigenes Volk rücksichtslos in das größte Leid stürzen. Darauf reagieren die nationalistischen Hardliner Israels nur allzu gerne, gedeckt von der befangenen westlichen Welt, die größte Ungerechtigkeiten einfach geschehen lässt, im bitteren Bewußtsein ihrer eigenen historischen Schuld den Menschen in der Region gegenüber. Somit bietet sie den radikalen Kräften auf beiden Seiten Aktionsräume. Weltweit bedienen sich Populist*innen an diesem Konflikt, um ihre stereotypen Feindbilder zu schärfen und zu inszenieren.

Die Rücksichtslosigkeit mit der beide Seiten Tod und Zerstörung auf der jeweils anderen Seite im Namen des gleichen Gottes feiern, wie kleine glückselige Kinder, ist zum Kotzen. Ich bin mit diesem Konflikt großgeworden und im Grunde war er für mich der wesentliche Impuls, mich von den abrahamitischen Religionen zu distanzieren, denn ich bin zu tiefst enttäuscht von ihnen und glaube nicht daran, dass sie zeitgemäße Antworten für die großen Herausforderungen der Menschheit bieten. Das ist meine Ansicht.

Trotzdem gönne ich jedem Menschen seine Religion und wende mich gegen jegliche Form der Diskriminierung von Menschen auf Grund von Religion, Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht und politischer Überzeugung.

Ich bin mir natürlich bewußt, dass dieses Statement mitlerweiler leider zu einem oberflächlichen Lippenbekenntnis verkommen ist, das alle von sich geben, wie Gänsegeschnatter. Das Resultat dieser Oberflächlichkeit liegt – insbesondere in Deutschland – offen auf der Hand: der ewige Antisemitismus macht sich immer noch breit. „Das Judentum“ als Feindbild ist ein immer noch bestimmendes Bild und wird nun von radikalen muslimischen Kreisen dumm und naiv übernommen. Es gibt keine Möglichkeit des rationalen Diskurses, denn dieser wird durch die Verquickung von Politik und Populismus sabotiert.

Antisemitismus und seine Ausläufer in Form von Verschwörungsideologien gegenüber der jüdischen Community sind weit verbreitet. In Form von lapidaren Floskeln vernormalisiert sich der Gedanke vom Judentum als Fundament des Bösen. In vielen Regionen der Welt gehört diese Denke zum gängigen Konsens, der sich durch alle politischen Lager durchzieht. Das ist nicht nur in Ländern so, in denen Muslime die dominante religiöse Gruppe darstellen. Leider lassen diese sich aber am leichtesten Instrumentalisieren, wie wir in den erschreckenden Bildern aus Gelsenkirchen sehen konnten.

Das muß aufhören: es muß eine Möglichkeit geben, den Antisemitismus in muslimischen Gemeinden in Deutschland – samt ihrer historischen Traditionen – zu diskutieren. Es muß aber auch möglich sein, die Völkerrechtsbrüche der israelischen Regierung zu kritisieren. Es muß Wege geben, die heuchlerischen Aktionen von Rechtspopulist*innen zu unterbinden, die sich jüdischer Symbole bemächtigen und sich zu Verteidiger*innen von Menschenrechten stilisieren.

Meine wichtigste Erkenntnis ist jedoch – wie oben schon angerissen – diese: Man kann die Vorkommnisse hier und dort nicht unabhängig voneinander verhandeln. Ohne einen fairen und konstruktiven Blick auf globale politische Strukturen wird es keinen Rückzug von antisemitischen, nationalsozialistischen, rassistischen, aber auch radikalislamistischen Entwicklungen geben – insbesondere in Europa nicht.

Wir leben faktisch immer noch im 1. Weltkrieg!

Der Nahe Osten ist das Heiligtum der Menschheit. Dort hat sich die Entstehung unserer Zivilisation abgespielt, auf die wir so stolz sind und auf die wir uns ständig berufen. Die Würde dieser Region, ist auch unsere, aber wir verkaufen sie auf dem Markt der Unmeschlichkeit für Gas und Öl, für welches wir den Leib unserer Mutter Erde mißhandeln und plündern.

Dieser Konflikt zeigt uns in seiner traurigen Dramatik, wie wir unser eigenes Erbe schänden. Wir sind armselige Lügner*innen, die sich im Schatten eines selbstkreierten Gottes ständig zu Opfern stilisieren, um ihre Gier und ihre Selbssucht vor ihrem eigenen Gewissen rechtfertigen zu können, anstatt endlich Verantwortung für das eigene großartige kollektive Erbe zu übernehmen.

Ich schäme mich dafür. Ich weiß nicht, wie es euch geht?

Meine tiefste Solidarität gilt unseren jüdischen Mitbürger*innen in Deutschland. Insbesondere die BPOC-Gemeinde muß jetzt mit ihnen stehen!

Triptonious Coltrane.

Zur Lage der Nation

Immer, wenn des Teufels Advokat wieder auf Erden weilt, um den Markt zu regulieren, dann sorgt das für Entspannung an der Wall Street.

Es könnte aber sein, dass bald der Messias antanzt, uns allen reinen Wein einschenkt und wir danach die Dinge glasklar sehen.

Manche von uns werden dann sagen, sie hätten nur Befehle ausgeführt und könnten nichts dafür, außerdem hätten ja sonst die Kommunisten gewonnen.

Dabei hatten die Kommunisten schon immer viel mehr Ahnung vom Märkte regulieren, aber der liebe Gott wird schon wissen, warum das so sein mußte.

Und dann gibt es ja so Schlaumeier, die mir jetzt allen Ernstes erzählen wollen, dass „eben diese Kommunisten, zusammen mit den Satanisten die Welt regieren“. Ja guten Morgen! Das hab‘ ich doch schon vor 2 Jahrzehnten gepredigt, nur hat mir nie einer zugehört!

Damals haben diese Schnappsnasen noch beim Frühschoppen zu Jürgen Drews herumgeschunkelt! Dabei hätte man da noch etwas unternehmen können.

Jetzt sind sie in ihren 60’ern zu Billo-Politaktivisten herangereift, sitzen mit ihren verkalkten Ärschen in dicken SUV’s und veranstalten Anti-Corona-Kinderfasching-Corsos in der Innenstadt.

Na schön! Danke Merkel! Aber das bringt’s jetzt auch nicht mehr. Die digitale Impf-ID ist im Anmarsch und diese Armleuchter werden ihn sich einer nach dem anderen noch holen, wenn’s dazu nen Amazon Gutschein und ein Netflix-Abo für umme gibt.

Gestern ging’s noch um den Kampf um’s Bargeld. Heute steh‘ ich an der Kasse und kann nur noch kontaktlos zahlen. Du weißt nicht, was das ist? Dann geh‘ in’n Edeka und frag‘ die Kassenkraft, die kann dir das erläutern.

Ich bin erstmal raus. Gleich kommt „Höhle der Löwen“ im Fernseh. Da haben zwei pfiffige Jungs einen pinken Handschuh für die Frauenwelt entworfen, mit dem man benutzte Menstruationsutensilien entsorgen kann, ohne sich „die Hände schmutzig zu machen“. Was für eine Geschäftsidee! Entworfen von sensiblen Männern, für rücksichtsvolle Frauen.

Das macht einem wenigstens ein bißchen Hoffnung…nachdem uns ja sowohl ein bayerischer Kanzler, als auch auch ein Ende der schwarz-roten Koalition noch zumindest ein paar Jahre verwehrt bleiben werden.

Aber ich sehe gerade, dass einem nicht mal pinke Handschuhe vergönnt werden: https://pinkygloves.de/.

Die Empörung über die Empörung

Meistens gewinnen die, die sich am lautesten empören – vorausgesetzt, sie haben eine politische Lobby hinter sich, oder schaffen es, durch ihre Empörung eine politische Lobby zu schaffen, die ihre Deutungshoheit innerhalb des Diskurses zementiert – Klickzahlen und Kapitalstärke schaden dabei nicht. Zur Behauptung einer Position bedarf es aktuell einer Masse an Followern, die zwar noch lange keinen Anteil an dem materiellen Gewinn haben, den fast jeder meinungsstrategische Wurf mit sich bringt, aber sich in irgendeiner Form mit der Haltung einer dominanten Lobby identifizieren. Zum Beispiel glaube Ich, dass es nur so gelingen konnte, inmitten der schwersten Phase der 3. Welle der Pandemie es zu schaffen, die Reisewarnung für Mallorca aufheben zu lassen, während in einem Geflüchtetencamp in Korinth in Griechenland das Komplettchaos ausbricht, notdürftige Behausungen in Flammen aufgehen und Menschen Selbstmord begehen, weil sie ohne medizinische Versorgung und ohne funktionierende Infrastruktur in einer Art Massenkäfig des Horrors gehalten werden.
Wenn man sich laut empört, ohne den Rückhalt einer starken politischen Lobby, oder zumindest der aktiven und passiven Unterstützung eines großen Teiles der Bevölkerung, dann hat man es schwer. Jedes Argument wird dann zerpflückt und auseinandergenommen, zigfach gewendet und so lange ad absurdum geführt, bis es – eingehüllt in einer Panade der Diskreditierung – im Strahlenschutzkessel der öffentlichen Irrelevanz endet. Dort kann das Thema dann bis in alle Ewigkeit versauern, oder aber, es wird nach Jahrzehnten (häufig viel zu spät) herausgekramt, in einer Marinade der politischen Vereinnahmung gewendet und auf die tagespolitische Agenda gehauen, wie ein Stück Grillfleisch aus dem Tiefkühlfach auf den vorgeheizten Grill. Als Beispiel wären da diverse Aspekte des Umweltschutzes, der Nuklearausstieg, der Klimaschutz, die gesellschaftliche Inklusion oder die nachhaltige Ökonomie zu nennen.
Das sind alles Standardthemen jetzt, um die im Wahlkampf erbittert gekämpft wird. Über Jahrzehnte mussten aber eine Armada von Aktivist*innen dafür Häme, Spott und auch politische Verfolgung durch Geheimdienste und Verfassungsschutz hinnehmen, bis ihnen diese Themen von einem Tag auf den anderen von mürrisch-beleidigten politischen Gegnern neidvoll aus den Händen gerissen wurden. Sie hatten schließlich in mühevollem Überzeugungskampf das Stinktierthema zum politischen Diamanten geschliffen. Und jetzt waren sie selber nicht mehr gut genug für das Schmuckstück, diesem Garanten für den nächsten Wahlsieg. Das selbe steht wohl Greta Thunberg mit den wirtschaftsliberalen Parteigranden dieser Welt auch bevor, von denen sie jetzt noch aufs übelste erniedrigt und beschimpft wird.
In einem solchen politischen Winkelzug wird das eigentliche Thema zum Etikett, zu einem zählbaren Mehrwert, einem politischen, aber auch reellen Kapitalmultiplikator: Umweltthemen bringen schon lange viel Geld ein und auch nachhaltige Geldanlageformen gewinnen nach wie vor immer mehr an Wert. Das Blatt hat sich gewendet und wendet sich unaufhaltbar weiter und weiter.
Auf der einen Seite – so denkt man – ist das eigentlich eine gute Sache. Nur baut sich jetzt um diese Themen herum die selbe Wirtschaftsphilosophie auf, die bisher auch schon in die falsche Richtung lief: in den permanenten materiellen Wachstum, der keine Alternativen kennt.
E-Autos suggerieren eine nahezu perfekte Illusion der größtmöglichen Umweltverträglichkeit, aber im Endeffekt sind sie die selben übergewichtigen Statussymbole, wie ihre fossilenergieschluckenden Vorgänger. Die Reduktion und somit die Eindämmung der Überproduktion kommt nicht in Frage. Wir müssen mehr Autos produzieren, damit die Wirtschaft läuft. Wo diese Autos dann fahren, ist im Grunde egal. Vielleicht bald auf dem Mars? Wenn nötig, dann müssen die Wege und Möglichkeiten dafür geschaffen werden. Jetzt würden einige von euch gerne lauthals loslachen…aber das Marsbesiedelungsprogramm Elon Musks lauert zu bedrohlich nahe am Horizont.
Eines der schlimmsten Tatsachen in diesem Kontext ist die Situation der bisher munter vor sich hin vegetierenden „Volksmasse“, die, sorgsam umwoben von einem Cocon aus sozialen Sicherheiten, Krankenversicherungspflicht, stabiler Wirtschaftslage und Jobaussichten im Paradies der deutschen Sozialwirtschaft für jegliche Schieflage gerüstet schien. Ein ganzes kollektives Selbstbild basierte im sogenannten Westen auf diesem „Glauben“ an das eigene Privileg. Sogar der/die unterdurschnittlichste Verdiener*in konnte sich zumindest einen Flachbildschirm, Bier, Chips und ab und an ’nen Ballermannurlaub leisten. Politische Beteiligung war schon immer zu anstrengend und äußerte sich höchstens mal in dem einen oder anderen unkorrekten Witz.
Jetzt aber kommt diese besagte „Masse“ an ihre Grenzen, weil ihr nahegelegt wird, nicht mehr Z-Schnitzel zu sagen, dunkelhäutige nonbinäre Menschen von ihnen verlangen, dass sie gendern sollen, sich mit einer dritten Klotür anfreunden, etc.. Als ob das nicht reichte, wird das sogenannte Volk nun auch noch wegen einem „vermeintlichen“ Virus vom eigenen Staat in seinen „Bürgerrechten“ beeinträchtigt und am freien Willen „zu sterben“ gehindert. Da wird man schnell mal vom verwöhnten Wirtschaftsboombürger zum Opfer des Neoliberalismus gemacht. So leicht kann das gehen!
Das sorgt natürlich für Empörung und diese führt dann sogar soweit, dass es in einem Land wie Deutschland aktuell wohl mehr Antikapitalist*innen und Globalisierungsgegner gibt, als je zuvor in seiner Geschichte (ein sehr prägnantes Beispiel für oben genannte „politische Vereinnahmung“ vormals unpopulärer Ideen).
Was kann man dagegen nun tun? Klar: Man schickt „die Masse“ im Frühjahr auf „Malle“, wo sie im Gegensatz zu den dortigen Einheimischen in Ruhe Urlaub machen kann und gönnt ihr die Aussicht auf eine grandiose Weltmeisterschaft 2022 in Katar – einem Land in dem für weltweite Hooliganträume ca. 6500 Arbeitsmigranten unter schwersten Arbeitsbedingungen ihr Leben lassen mussten.
Wo fehlt es da? Irgendwo muß es doch ein Verständnis- und auch ein Selbstverständnisproblem geben? Ja, klar macht der Kapitalismus spaß bis zu einem gewissen Punkt – den Kapitalist*innen allemal. Der Markt reguliert sich selbst, heisst es, aber alles was wir erleben ist, dass die Gewinner den Deal unter sich regeln, indem „sie“ nämlich den Markt regulieren. Die Nationalstaaten dienen mit dem hart erarbeiteten Staatsbudget als Knautschzone für die waghalsigen Experimente des Finanzmarktes.
Alles, was sonst auf dieser Erde läuft sind Kollateralschäden und das ist diese Pandemie auch. Wieviele Menschen dabei sterben ist natürlich für uns als Menschheit wichtig, aber entscheidend ist, wie die Wirtschaft aus der Sache herauskommt. Und die Diskrepanz in der Relevanz dieser beiden Begriffe ist enorm: wichtig sind Menschenrechte, der Kampf gegen ökonomische Ungerechtigkeit, gegen die Gewalt an Frauen und und und… Aber „entscheidend“ ist etwas anderes!
Mein Problem ist nur, dass all diese Gedanken von genau den Querschädeln vor sich her getragen werden, gegen die ich mich wende. Deswegen geht mir die Inflation des Antikapitalismus gerade ziemlich auf den Keks, wie immer, wenn sinnvolle politische Phänomene im weit aufgesperrten Rachen des politischen Mittelmasses landen, das immer in die Fläche expandiert, aber nie in die Tiefe. Die verkrustete Ränder drumherum bilden dann die Einöde, die man Populismus schimpft und diese reichen momentan leider sehr weit in die verfluchte sogenannte Mitte der Gesellschaft hinein. Letzteren Begriff hat eh der Teufel geschaffen.

Die Rache des Meeresfrüchtebuffets

Neulich habe ich einen äußerst interessanten National-Geographic-Artikel gelesen, in dem es um vom Pazifik angespülte abgetrennte menschliche Füße an den Stränden von British Columbia ging. Sie befanden sich noch in den Schuhen und vom restlichen Körper der Verunglückten fehlte jegliche Spur. In fast allen Fällen handelte es sich um Turnschuhe. Es ist ein ellenlanger Artikel, in dem erklärt wird, wie sich der Anfangsverdacht von Serienmorden in der Region durch wissenschaftliche Untersuchungen komplett auflöste und herauskam, dass es sich um die Leichenteile von vermissten handelte, die wohl beim Wandern mit explizitem Schuhwerk an den rauen Klippenlandschaften verunglückt waren. Die Wissenschaftler*innen unternahmen Versuche mit Schweinekadawern, um den verwesungsprozeß im Meer zu untersuchen und stellten fest, dass die Kadawer relativ schnell herabsanken und relativ schnell von Aaasfressern im Meer skeletiert wurden. Diese konzentrierten sich vorwiegend auf die Weichteile am Körper.
Nun kann man sich vorstellen, dass Füße, die festgeschnürt in Kunststoffgefütterten Schuhen steckten, nicht unbedingt zu den bevorzugten Mahlzeiten solchen Getiers gehörten, die verbindenden Bänder und Sehnen um das Knöchelgelenk allerdings schon. Im weiteren Verlauf sorgten dann die gasgefüllten Taschen, wie sie seit ca. einem Jahrzehnt in den Sohlen von Turnschuhen üblich sind dazu, dass der losgetrennte Fuß, samt dem Schuh, in dem er steckte nach einiger Zeit wieder auftrieb und mit der Strömung an die Küste getrieben wurde. Innerhalb von 12 Jahren wurden somit über 20 Füße in besagter Region an die Küste gespült.
Ein Satz beschäftigte mich in diesem Artikel nachhaltig. Da schreibt die Autorin Erika Engelhaupt: „Es war, als hätte sich ein Meeresfrüchte-Buffet zum Aufstand erhoben, um sich zu rächen“. Als ein Mensch, der mit Vorspeisen, Fischgerichten und Raki sozialisiert ist, bin ich dann doch beruhigt, dass nicht nur wir diese ganzen Tiere, sondern auch sie uns ab und an munter verspeisen.
https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2021/03/wieso-werden-an-der-pazifischen-nordwestkueste-so-viele-lose-fuesse.
(P.S.: Ich bin kein Fleischverfechter – ganz im Gegenteil. Ich esse sehr selten Fleisch. Wenn, dann nur zu besonderen Anlässen und auch dann besehe ich mir sehr genau, wo das Fleisch herstammt. Fisch liebe ich. Deswegen esse ich ihn etwas öfter, aber immer noch relativ selten und wenn, dann nur lokalen Fisch, der keine langen Transportwege hinter sich hat und nicht industriell gefangen wurde. Lachs esse ich zum Beispiel gar nicht mehr und Kalamari auch nicht).

Dann lief mir ein Artikel des unsäglichen Maxim Biller vor die Linse, in welchem er ein erstaunliches Werk des jüdischstämmigen Autors Victor Klemperer in die Erinnerung der Öffentlichkeit ruft. Dieser hatte es tatsächlich geschafft, die gesamt Zeit des 3. Reichs, dank der Ehe zu seiner – wohl außergewöhlich Durchsetzungsfähigen – „arischen“ Frau in Dresden zu überleben.
Das Buch ist mit „LTI“ betitelt. Ein Kürzel, dass sich sarkastisch auf die vielen Abkürzungen der Nazis bezieht und mit „Lingua Tertii Imperii“ aufgeschlüsselt wird (die Sprache des Dritten Reichs). In diesem Werk erläutert Klemperer im Deutschen etablierte Sprachbestandteile, die aber entweder direkt von den Nazis entwickelt, oder von diesen stark geprägt wurden: https://de.wikipedia.org/wiki/LTI_%E2%80%93_Notizbuch_eines_Philologen. Maxim Biller lässt es sich natürlich nicht nehmen in seiner pseudoprovokaten Art, die Sprache der bürgerlichen Opposition und der feministischen und der LGBTI-Bewegung in karikierender Form dem Vokabular der Nazis gegenüber zu stellen, was ich abgründig finde.
Dankbar bin ich ihm aber für den unfreiwilligen Pass, den ich hier gerne aufnehmen will, um wieder einmal das Thema Sprache in den Fokus zu bringen: Denn oft wird in der Diskussion um eben diese bemerkt, dass sie „sich von sicher heraus verändere“ und man es sich nicht anmassen dürfe, sie durch einen restriktiven Eingriff von außen zu korrigieren“.
Ich denke, dass diese Leute – zu denen auch die unapetitliche Wortmasturbandin Lisa Eckhard gehört – schlicht und einfach die Unwahrheit sagen. Sprache wurde von den Menschen kreiert und schon immer durch permanente Regelungen an die Herausforderungen der Zeit und auch an dominante politische Ausrichtungen angepasst. Nicht umsonst gibt es in Deutschland einen Duden und etliche Sprachwissenschaftler*innen, die sich tagein-tagaus mit der Sprache und vor allem mit der Tragfähigkeit von Begrifflichkeiten beschäftigen. Das war auch bisher nie ein Problem. Man akzeptierte im allgemein, dass bestimmte Floskeln und Begriffe „nicht mehr zeitgemäß“ sind.
Bei den neuesten Änderungsforderungen, wie z.B. beim N-Wort, dem Z-Wort, dem Gendering etc. ist das Problem nicht – so denke ich -, dass diese Änderungen in den aktuellen Diskurs aufgenommen werden. Vielmehr geht es wohl eher darum, „wer“ diese Änderungen fordert. Es könnte nämlich durchaus sein, dass aktuell die lauten Stimmen in der Gesellschaftspolitik die der Feminist*innen, der LGBTI-Szene, der Klimaaktivist*innen und der Verfechter*innen einer gleichberechtigen Diversität sind. Das könnte vielen gerade etwas unkomod erscheinen. Aber da muß man durch, liebe Schnurzipiepels. Statt sich ständig zu echauffieren und zu jammern, sollte man sich mal ein wenig solidarisch zeigen. Und – um auf das Einstiegsthema zurück zu kommen: es gibt nach wie vor noch einige Begriffe in der aktuellen Sprache, die sehr durch die Nazis geprägt sind. Es geht vor allem darum, sich nun von dieser Sprache zu verabschieden und neue Begrifflichkeiten zu finden. So habe ich mir sagen lassen, dass der für mich bevorzugt angewandte Berufsbezeichnungs des „Kulturschaffenden“ auch auf diese Liste gehört: https://www.tagesspiegel.de/politik/matthies-meint-ist-kulturschaffende-ein-nazi-wort/23108802.html.
Hier übrigens Infos zu dem Werk von Klemperer: https://de.wikipedia.org/wiki/LTI_%E2%80%93_Notizbuch_eines_Philologen. Es gibt zu dem Thema auch eine Arte-Doku:
https://www.youtube.com/watch?v=dd9Rnu3snEk.

Als letztes habe ich (man merkt, ich habe gerade viel Zeit) noch einen Talk meines Lieblings Kurt Krömer mit dem Youtuber Torsten Sträter gesehen, in der sich beide zu ihren Depressionen bekennen. Das fand ich sehr interessant. Mir geht es genau so. Aber da gehöre ich wohl gerade nicht zur Minderheit. Vielleicht gehe ich deswegen auch bald zu meinem Hausarzt David Papo aka David 58 P und lasse mir einen guten Psychiater empfehlen. Aber da sind mir Kurt Krömer und Torsten Sträter definitiv um Meilen voraus.
https://www.youtube.com/watch?v=ZxL1lJnHJNQ.

Wolfgang Thierse, bei dir läuft?

Wolfgang Thierse und seine „normalen“ Freunde.

In regelmäßigen Abständen kocht die Identitätsdebatte auf und dann wird wieder heftig diskutiert: über kriminelle Clans, Kopftücher, Gleichberechtigungsansprüche von Frauen, Minderheiten und gesellschaftlichen Gruppen, über Klo’s für das dritte Geschlecht, Feminismus, aber auch über Sprache: über genderspezifische Richtlinien, über diskriminierende Alltagssprache, Saucennamen etc..

Vor allem für konservative Sozialdemokrat*innen ist es eine anstrengende Zeit. Das Sternchen hier habe ich extra für diejenigen in der besagten politischen Gruppierung gesetzt, die das richtig ärgerlich finden. Sie verlieren an Boden und an Legitimation. Es wurde auch endlich Zeit, denn die Entwicklung bahnt sich schon seit Jahrzehnten an. Im Grunde stank es schon von Anfang an zum Himmel und die Geschichte hat recht behalten: die Sozialdemokratie ist mitlerweile im Hafen der identitären Wirtschaftsliberalität angelangt, den sie am Beginn ihrer Reise vor über einem Jahrhundert angepeilt hatte. Und wie nicht anders zu erwarten, hat sie unterwegs das einst so prächtige Enteckungsschiff beim politischen Glücksspiel verzockt. Jetzt haben sie kein Schiff mehr, mit dem sie nach neuen Ufern aufbrechen können, sitzen besoffen in der Hafenkneipe und schwadronieren altersmüde herum, während andere mit einer frischen Flotte fahrt aufnehmen.

Als Paradebeispiel eines solchen Verlierers sehe ich Wolfgang Thierse, der sich jetzt kurz vor der wohlverdienten Genossenhimmelfahrt noch ein Denkmal setzen will, in dem er gönnerisch das Land auf gemeinsame identitäre Werte einschwört und verstohlen die Arschbacken vor den Herausforderungen der Zeit zusammenkneift, indem er ein Recht auf eine toxische Mehrheitsnormalität fordert und sich besorgt über Forderungen aus benachteiligten Gesellschaftsgruppen äußert, die Augenhöhe in der Anwendung der deutschen Sprache fordern.
Ich erwarte von keinem gestandenen Genossen oder Genossin, dass er/sie todesmutig das Heft in die Hand nimmt und revolutionäre gesellschaftliche Veränderungen einfordert, das unbewährte Alte mal beiseite legt und Neues wagt, ohne ein kleinkariertes, krächzendes, halblautes „aber“ hinzuzufügen und sich wieder genau so eloquent aus der Verantwortung herauszureden, wie er oder sie hineingerutscht ist. Aber ich könnte mir schon erwarten, dass Wolfgang Thierse, als ein Vertreter des etablierten weißen Männerstandes, einfach mal still ist. Genau. Ich weiß, wir leben in einer Demokratie und er fordert offensiv und mutig das Existenzrecht der Mehrheitsgesellschaft – was einen durchaus originell bis realsatirischen Ansatz beinhaltet-, aber es zählen in einer sachlichen Auseinandersetzung die dringlichen und substantiellen Argumente – besonders in einer Demokratie. Auch wenn er einen privilegierten Pimmel hat, Bundestags- und Bundespräsident war, sollte er wissen, dass man in Dingen, die die eigene Kompetenz übersteigen durchaus mal nichts sagen und damit weit mehr für die Demokratie tun kann, als ständig irgendeinen Furz rauszulassen, nur weil man Angst vor dem Tod und dem vergessen werden hat.

Für alle Wolfgang Thierses dieser Welt gibt es eh genug Grund zur Sorge: Die Frau ist im Vormarsch und so ist es auch die Genderthematik, die globale Gleichberechtigung, Kapitalismuskritik, Kritik an Identitätspolitik, Dekolonialisierung, Klimadebatte und alle anderen Makro- und Mikrothemen, die mit alledem verbunden sind. Das wird sich sehr wohl auch in der Entwicklung der Sprache deutlich bemerkbar machen und zwar so, wie das schon immer gewesen ist. Solle er sich mal die Entwicklung der deutschen Sprache im letzten Jahrhundert mal vor Augen halten, der gute Wolfgang, dann wird er das mit Sicherheit auch selber zu bestätigen wissen.
Sprache ist nie statisch und wird immer neu ausgehandelt. Genau das passiert jetzt: wir werden knallhart debattieren und uns auch über Details und Lapalien streiten – genau so, wie seine Generation es Jahrzehnte lang getan hat und wir gelangweilt zusehen mussten. Daran ist die Welt nicht zugrunde gegangen und das wird sie auch jetzt nicht tun.
Wichtig ist nur, was unter dem Strich rauskommt und die Debatten der Gegenwart auch als relevante Debatten anerkannt werden.
Wenn Wolfgang keine Zuversicht besitzt, dass die Debatte ein Ergebnis bringen wird, dann liegt das eventuell an seiner Politikverdrossenheit und daran, dass er als ein Vertreter der weißen Mehrheitskultur einfach keine Expertise in bestimmten Themenbereichen besitzt und nie zu besitzen in der Lage sein wird. Er sollte sich sich damit abfinden. Dafür kann er nix, ich weiß – aber wir noch viel weniger! Mit großer Wahrscheinlichkeit liegt sein Problem aber auch darin, dass er den Debatten der Gegenwart nicht mehr gewachsen ist. Aber dann sollte er es einfach sein lassen. Alles beim Alten zu lassen, war noch nie eine realpolitische Option in der Weltgeschichte.
Wenn er zu müde ist für eine neue Denkprotuberanz, dann soll er sich doch in die Hängematte legen und seinen Lebensabend mit der Familie in seinem patriarchalen Idyll genießen, solange es das noch gibt.

Sorry…

P.S.: hier ein von einem Alman eloquent verfasster Artikel zu diesem Thema, für alle, die meine Auslassungen zu wütend und unangebracht finden könnten:
https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/die-identitaetspolitik-des-wolfgang-thierse-normalitaet-ist-die-cancel-culture-des-alten-weissen-mannes/26996920.html

Hier der besagte Gastbeitrag in der FAZ:
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wolfgang-thierse-wie-viel-identitaet-vertraegt-die-gesellschaft-17209407.html

RealiTVies

Biz senin gerçekleriniz
Gidersen eğer yine bekleriz
dönmek istemezsen hosçakal deriz
Ama unutma seni severiz ve çok özleriz
Sensiz ne yaparız biz
sanki

Danke danke
Aber ich habe viel zu tun
Muss ab in die Kiste um morgen lang im Bett zu ruhen
Denn ich flüchte
Vor den realen Banalitäten
Vor der großen Show
Im globalen klo

We just want to remember you, that our civilization
is in a very difficult situation
and we have a certain responsibility
to save it’s power and it’s dignity

Seninle işimiz daha bitmedi
böyle şey olmaz
hiç de hoşumuza gitmedi
kalemini al ve yaz
sorumluluklarından arındın
yanımızda olmadın
ve bizi çok ucuz sattın

Na seid doch mal realistisch.
Es geht nicht nur ums Geld,
sondern auch um die Macht
und um die ist’s gut bestellt.

Now you know how we felt
when the cathastrophy happened
now we expect from the world
that they go for the weapons.

Tabii tabii,
sorun degil ki abi.
Bizim çevremiz geniş
yoluna koyarız illaki.

Wir sind verschiedene Realitäten.
Wir sind nicht hier zum schmeicheln.
Es steht schlecht um dich,
wenn wir dich nicht mehr erreichen.

We are your realities!
We are your realities!
We are your realities!
Never say please please please!

We are your realities!
We are your realities!
We are your realities!
And we’re not here to tease!

We’ve got the media in our hands.
The whole world waits for our commands.
Hope you’re in position.
We know your brains condition
and got the dope that you need.
We’re here to feed your brain, heart and soul.
Greed keeps you deep in a big black hole.
We need more than you know,
We need more than you know,
We need more than you know,
More than you’ve ever known brother, mother, madam and mister.

Ich hab dich vermisst, entdeckt und registriert.
Du bist ein schön verziertes, auffälliges Element
in einer vehement fremden Welt
Die sich immer weiter dreht
und immer kleiner und kleiner wird.
Du bist neugeboren und schaust verklärt und verwirrt.
Wir sind die Sippschaft, die dich nun umwirbt.
Dein Konsumverhalten wird ausspioniert
und du fängst an zu kaufen,
noch vor dem Laufen.

Aman ha!
Bize sakın derdini yanma!
Dediğimi anlamadıysan
bize de kanma
çünkü kalbinde ve dilinde düşünceler tutsak olmaz.
Öyle degilmi?
Öyleyse konuş!
Ama çoğu konuşulanlar hoş ve boş.
Kanatlanmış çirkin bir kuş olmuş, ucmuş,
medya yoluyla top gibi patlamış,
Seni de bizden almış götürmüş.

We are your papa,
your mama,
your everything.
We know you till the end and from the beginning.
We tell you what to do
and we tell it all again,
keep our eyes on you baby
when you’re sparkling.

We are your realities!
We are your realities!
We are your realities!
Never say please please please!

We are your realities!
We are your realities!
We are your realities!
And we’re not here to tease!

Nicht du

Mir scheint die Sonne aus dem Arsch.
Was sucht sie dort?
Vielleicht die Macht der Sprache,
An die wir nie glauben wollen?
Auch nicht, wenn sie unsere Eingeweide schon längst fest umschlungen hält?

Wir beherrschen unser Handwerk.
Wir formulieren unser Glück.

Vorbei sind die Zeiten, als wir noch
Alte Ethnologen
Aufschlugen, um weiße Zähne in einem Dokumentationsfoto zu suchen
Und dabei fanden sie immer uns zuerst.

Doch das passte nicht
In unser Selbstbild.

Wir finden alles,
Sogar die Sonne,
Wenn es sein muß
Sogar
In unserem Arsch.

Auch nachdem wir vergaßen,
Dass wir sie einst dort verwahrten,
Weil es so sein mußte wohl…

Ich unterstehe mich,
Irgendetwas ordnen zu wollen.
So etwas würde ich nie tun.
Aber selbstredend wäre ich
Eine sehr erfolgreiche Ordnungsmacht.

Kurz zusammengefasst:
Mir geht es gut.
Ich sehe alles.
Ich habe alles zu sehen.
Ich weiss alles.
Ich habe alles zu wissen.

Sagt ja keiner was.

Aber ich habe alles zu sagen.

Und?

Verweis, Pfiff, Tumult, Knie, Blut, Fahnen, Sonderbehandlung.
Alles schreit. Sie schreien alle.
Die Welt schreit.

Ich habe zu schreien.

Nein, nicht du!

Schmachtfetzen #14: Geberiyorum – Ich krepiere

Hierbei handelt es sich um ein Gedicht des bekanntesten türkischen Dichter der Moderne „Nazim Hikmet Ran“, zu dessen wichtigsten Einflüssen Majakowski und Neruda zählten. Ich schätze, es wurde in der Zeit seines Exils in Rußland Ende 50’er geschrieben – also in der letzten Phase seines Lebens. Es ist ein schonungslos ehrliches, aber auch sehr naives Gedicht, in dem Nazim seine große Auswegslosigkeit auf bewegende Art zum Ausdruck bringt.

Nazim war ein unerschütterlicher Idealist und Sozialist. Nachdem er über 12 Jahre seines Lebens in der Türkei deswegen in Gefängnissen verbracht hatte und dort auch seine bedeutendsten Werke schrieb, entschied er sich schließlich für die Flucht ins Exil.

Was mich auf seltsame Art berührt ist sein Glaube an den Erfolg der Revolution: In diesem Lied beweint der Dichter nicht sein Schicksal und seine Einsamkeit. Er verspürt vielmehr eine große Wehmut, weil er als überzeugter Sozialist den Klassensieg in seiner Heimat und die danach folgenden idealen Zustände in seinem Land leider nicht mehr erleben werde. Es steckt ein unbändiger grundnaiver Glaube in diesem Text, die man einem Menschen, der so viele Jahre auf Grund seiner Überzeugungen eingesessen hat kaum abnehmen will. Man ginge eher von einer Ernüchterung und Abgeklärtheit aus, die oft die Opfer von jahrelanger politischer Verfolgung prägen. Wenn man sich noch dazu die Situation in der Türkei und auf der Welt heute besieht, gewinnt diese Wehmut noch zusätzlich an Dimension.

Der Text wurde in den 80’ern von dem Komponisten Ali Kocatepe in ein musikalisches Werk gefaßt und von Sadun Ersönmez arrangiert, der auch die Synthesizer auf dieser Aufnahme bedient. Levent Yüksel spielt die Cümbüs und gesungen hat die wundervolle Nükhet Duru. Die Besetzung des Hintergrundchores liest sich aber ebenfalls wie ein Gedicht: Sezen Aksu, Sertap Erener, Levent Yüksel u. v. m.

Die Umsetzung fand leider in den 80ern statt, was man auch an den poschen Synthiesounds und dem pathetischen Arrangement von Ersönmez hört. Mir gefällt daher der Remake des Ausnahmemusikers Ahmet Aslan besser, denn er fügt sich in die ursprüngliche Stimmung des Gedichtes besser ein – eine Wonne in melancholischen Zeiten.

Ich poste hier jedoch beide Versionen.

Der Originaltitel des Gedichtes, das hier vertont wurde, lautet übrigens „Günler“ („Tage“).

Geçip gitmiş günler gelin
rakı için sarhoş olun
ıslıkla bir şeyler çalın
geberiyorum kederden.

İlerdeki güzel günler
beni görmeyecek onlar
bari selam yollasınlar
geberiyorum kederden.

Başladığım bugünkü gün
yarıda kalabilirsin,
geceye varmadan yahut
çok büyük olabilirsin

Verblichene Tage, kommt
Trinkt Raki, besauft euch
Pfeift mir ein Lied
Ich krepiere an Wehmut.

Die nahenden schönen Tage
Sie werden mich nicht sehen
Grüßen könnten sie zumindest noch
Ich krepiere an Wehmut.

Tag, den ich heute frisch begann
Du kannst angebrochen bleiben
oder vielleicht auch noch sehr groß werden,
bis zum Eintritt der Nacht