Über Triptonious Coltrane

Triptonious Coltrane prefers sweet breakfast

Schmachtfetzen #13: Allı Durnam Bizim Ele Varırsan

Ich habe eigentlich zwei Lieblingsversionen von diesem Song, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die erste ist die modernistische Version dieses beliebten Volksliedes, das ursprünglich von Hacı Taşan und wurde von Muzaffer Sarısözen in das türkische Volksliedarchiv übernommen. Sarısözen war einer dieser unermüdlichen Musikarchivare, die in der ersten Hälfte des 20. Jhd.’s durch Anatolien gepilgert sind, auf unwegsamen Pfaden, meist sogar auf dem Eselsrücken, auf den Spuren der großen Volksbarden und der seit Generationen überlieferten Volkslieder. Sie haben Aufnahmen gemacht, haben Text- und Melodieversionen verglichen, Noten analysiert, Texte archiviert und Standardwerke zusammengestellt. Dieses unermeßliche reiche Repertoire an Songs wurde dann vor allem im türkischen Staatsradio TRT rauf und runtergespielt und wurde somit in den Siebzigern auch als Grundlage für die Entwicklung des modernen türischen Pop dankbar angenommen von Interpreten wie Baris Manco, Selda Bagcan, Cem Karaca, Mogollar, Ersen ve Dadaslar, Erkin Koray etc.. Und das sind schließlich die Namen, die auch jetzt wieder welweit auf den Plattentellern der Dj’s landen. Denn bekanntlich ist genau dieser Folk-Pop von damals neu betitelt mit „Turkish Psychedelic Rock“ und in Form von fancy Neuauflagen als Retro-Bewegung – unter anderem durch die Performances von Interpret*innen wie Altin Gün, Gaye Su Akyol und so weiter – wieder sehr Hip geworden.

Die Hipsters schreien momentan alle nach dem heißen Scheiß von damals – nicht nur aus der Türkei, sondern auch Produktionen aus Israel, Griechenland, dem gesamten Nahen Osten und den Maghreb-Staaten sind wieder sehr gefragt. Und das haben wir im Grunde, der endlosen Arbeit von Menschen wie Muzaffer Sarisözen zu verdanken, denn die haben dafür gesorgt, dass diese Lieder über die Jahrhunderte bis in die Postmoderne überdauern konnten.

Die erste Version dieses wunderbaren Songs, ist von Ruhi Su. Su war Vertreter einer neuen Riege von hochtalentierten Musikern, die im Gegensatz zu den psychedelic Rockern der Siebziger, nicht mit Wawa-Pedal und Synthesizern rumexperimentiert haben, sondern sich der Vielstimmigen Chorarbeit zugewandt haben und alte Volkslieder somit für den Chor aufgearbeitet haben, oder eben – wie in dieser Version – eine puristische Gangart bevorzugt haben mit der traditionellen Baglama und klarer Stimme. Seine Absicht war die Volksmusik als gesellschaftlichen Wert in einen neue Ära zu tragen und auch sein Stil ist politisch geprägt: Ruhi Su was ein stramm linksorientierter Aktivist mit aufrichtiger oppositioneller Haltung. Noch dazu war er armenischstämmig: seine Eltern wurden zur Zeit der Progrome gegen sein Volk 1915 umgebracht. Er landete in einem Waisenheim. Musik war seine einzige Zuflucht und wurde zu seinem expressiven Äusserungmittel:

Allı Durnam Bizim Ele Varırsan
Şeker Söyle Kaymak Söyle Bal Söyle.Gülüm Gülüm Kırıldı Kolum
Tutmuyor Elim Durnalar Hey
Ah Gülüm Gülüm Yar Gülüm Gülüm
Kız Gülüm Gülüm Durnalar HeyEğer Bizi Sual Eden Olursa
Boynu Bükük Benzi Soluk Yar Söyle
Mein roter Kranich
Wenn du in unsere Heimat kommen solltest,
Dann bestell Zucker, Sahne und HonigAch meine Rose,
Meine Hand greift nicht mehr,
Mein Arm ist gebrochen,
Ach mein rosiges Mädchen,
Ach ihr Kraniche.Mein roter Kranich,
Falls jemand nach uns fragen sollte,
Berichte von einem blassen Geliebten,
In Trauer geneigt.

Dieser Song begleitet mich seit meiner Kindheit. Eine seiner Platten, die mein Vater damals noch gekauft hat steht immer noch in meinem Regal und gehört zu den wertvollsten Dingen, die ich besitze.

Die zweite Version dieses Liedes, die Ich ebenfalls sehr gerne mag ist instrumental. Es ist eine – für seine Zeit – recht gut gelungene Jazz-Soul-Version vom Erol Pekcan Orchester. Das Saxophon wird von einem gewissen Öner Ünal gespielt:

Urlaub vom Alien

Der tägliche Kniefall vor dem Anspruch des kleinen Selbstbildes erzeugt zynischen Humor und ein zerknirschtes kreideweißes Gesicht. Umso schlechter ist die Laune jeden Morgen, denn die Konkurrenz ist groß. Das ist die größte Plage im Leben. Die Ellbogen sind gespitzt und gekrönt mit einem herrschaftlichen Gönnerlächeln. Die dunklen Witze verselbständigen sich und werden zum daily Business, bis man sich wundert, welch großes Arschloch man doch mit der Zeit geworden ist. Aber auch das nimmt man mit Humor, denn im Endeffekt sind diese Momente wie Ordensabzeichen auf der stolzen Brust des verwöhnten kleinen weißen Windelkackers, als der man eben geboren wurde, als das heilige Opfer der Tätergesellschaft, das direkt aus dem Mutterleib auf den Altar geplumpst ist.

Die Karrieresucht der Mama liegt hinter einem, wie ein Schlachtfeld und die Ignoranz des selbstverliebten Vaters glänzt wie ein Goldsaum weit weg am Horizont. Genau deswegen erstrecken sich die Einsamkeit und die Verzweiflung vor einem wie eintöniger Treipsand. Da sitzt man nun und heult rum im vollen Bewußtsein, dass man sich im Auge des Tornados der Luxuswehwehchen befindet, aber man muß es ja vor seinem eigenen kleinen ängstlichen Müllhaufen vertreten können, der in einem vor sich hin stinkt.

Da draußen merkt natürlich keiner was von dem Pipikaka-Krieg. Die Chaträume beben vor Kraftmeierei und geschickt gesetztem Szenario.

Opfer, Opfer, Opfer… Wenn man alleine nur bedenkt, was im Laufe der Jahrhunderte aus diesem hochspirituellen Wort geworden ist? Eine Selbstzuweisung in der sich Faschisten baden, wie Kleopatra in Eselsmilch, während sie ihre Krokodilstränen in speziellen Behältnissen sammeln, wie Peter Ustinov als Nero auf einer Terrasse des Kapitols während er Rom beim Brand zusieht. Wie ehrlich sind da doch die „deutschen“ Hip Hop Produzenten in Berlin-Kreuzberg, Köln-Kalk und Bielefeld-Baumheide, die den Begriff aufrichtig als Schimpfwort benutzen. Denn das ist er eigentlich.

Also ich bin lieber legal Alien auf Dauerurlaub in dem Pass von nem weißen Windelkacker.

Diebe

Wir sind Diebe
Wir bestehlen einander
Wir stehlen

Geld
Daten
Zeit
Nerven
Leben
Herz
Seele
Würde
Organe
Land
Kinder
Frauen
Kultur
Ideen
Luft
Wasser
Lebensraum
Das Universum

Was auch immer

Das ist ja das tolle am Stehlen
Man geht immer davon aus
Dass es nicht bemerkt wird
Also kann man ja mal stehlen
Solange die Kapazitäten reichen

Ausserdem gibts ja Anwälte

Manche von uns bereuen
Manche erst kurz vor dem Tod
Aber die meisten bereuen nichts

Leckerli: Demokratischer Widerstand

Liebe Folienkartoffel*innen!

Es muss etwas passieren. So geht’s nicht weiter! Heute habe ich diese Zeitung im Bioladen in Harlaching ausliegen gesehen und ich habe den Geist der Revolution gespürt!! Ich schwöre! Die verantwortliche Initiative nennt sich Kommunikationsstelle für den demokratschen Widerstand (welch wohlklingender Name?):

Sogar mit Propagandaansprachen auf mehreren Sprachen. Ganz oben rechts in der Ecke auf der Startseite steht der Hinweis: „Für unsere Türken auf Seite 2“. Ist doch toll gemacht, oder? Das spricht die Gesellschaft in ihrer ganzen Vielfalt an. Da kann jetzt wirklich niemand mehr was sagen: von wegen rechtslastig oder rassistisch.

Könnt Ihr euch noch erinnern? Trekking auf Bali und wie Gastfreundlich die Menschen damals waren? Wir Deutschen haben das Recht darauf, uns wieder über die Gastfreundschaft anderer Völker zu freuen!

Das musste jetzt mal gesagt werden! Und deswegen müssen wir jetzt alle auf die Strasse zum protestieren. Und weil… global agierende Konzerne nicht lange fackeln und alle Vorbereitungen treffen, um uns den Chip einzupflanzen. Also: auf los Gates los!

Aber ob mit oder ohne Chip: Wir werden wieder Weltmeister! Das nur am Rande bemerkt!

Vor Jahren wurden wir zum „Personal“ der Unterklassenluxus-Wohlstandswelt einer Scheinrepublik degradiert. Nun haben wir unseren Zweitwagen schon lang verkaufen müssen und der Erstwagen ist leider ein VW gewesen. Der Pakistani von nebenan fährt aber Lancia! Schlimmer kann ein Rechtsstaat nicht versagen!

Deutschland ist am Arsch und das kann einem verständlicherweise schon den letzten Nerv rauben. An dieser Stelle nun ein passendes Zitat aus oben genanntem Medium:

„Unser größter Sieg wird das Zurückerlangen unserer liberalen Freiheitsrechte sein.
Und sollte die Regierung sie freiwillig zurückgeben, werden wir richtig gehandelt haben. Sollte die Regierung sich jedoch dauerhaft zu einem totalitären Regime wandeln, dann werden wir umso mehr gebraucht worden sein!“ (die Futurform des letzten Satzes hat sehr hohes Squirt-Potenzial finde ich!).

Monthy Phythons Flying Circus hat diesen Konflikt übrigens schon vor Jahren brilliant inszeniert:

Viele Kokosnussritter*innen treffen sich auch Woche für Woche in den großen Metropolen des Landes, um gegen die Coronamaßnahmen der Regierung zu protestieren. Während dieser Proteste wird besorgt und hochkompetent geschildert, was unseren demokratischen Grundrechten droht, wenn wir weiterhin dazu genötigt werden freiwillig Mäßigung zu üben. Die Judikative und Exekutive schränken unser Privatrecht ein und die Polizei schaut böse! Auf uns weiße privilegierte Bürger*innen! Als ob wir deren Feinde wären!

Dabei wirssen wir im Grunde doch alle ganz genau: die wollen das genauso wenig wie wir! Im Grunde ihres Herzens sind die Beamt*innen mit uns, aber sie werden von einem diktatorischen Regime dazu gezwungen. Jawohl! Schaut mal zum Beispiel nach Amerika: In Amerika sind die Demonstrierenden heilig. Da dürfen sie – vorausgesetzt natürlich sie haben die richtige Hautfarbe – schwerbewaffnet das Parlament in Michigan stürmen und den Abgeordneten mal zeigen, wie großkalibrige Waffen funktionieren.

Weiss gar nicht, worüber sich die Amerikaner*innen grade so aufregen? Das ist doch ein durch und durch demokratisches Land? Was für ein Tam Tam die machen, wegen Polizisten, die unter den schwersten Umständen verantwortungsbewusst ihren Job verrichten! Die sollten mal unsere Diktatur hier mitkriegen? Dann wüßten sie was ein unmenschliches Dasein bedeutet!

Haha! Letztens meinte tatsächlich ein Türke genau das selbe zu mir: „Ihr solltet mal in der Türkei leben, dann wüsstet ihr, was es heißt, sich nicht mehr auf seine Grundrechte verlassen zu können. Spinnt ihr denn? Ihr kriegt zumindest Grundsicherung! Uns schickt der Präsident eine Iban aufs Handy mit der Bitte um eine Spende für den Staat!“.

Der ist ja lustig, oder?! So weit kommt’s noch, dass die sich in ihrem demokratischen Anspruch mit uns messen können! Ich hab so getan, als hätt‘ ich ihn nicht verstanden. Aber lachen musst ich schon!

Wie gesagt: völlig aus dem Ruder gelaufen die Situation auf dieser Welt. Bin ja gespannt, wo das alles noch hinführt?

Schmachtfetzen #12: Tanju Okan – Öyle sarhoş olsam ki

Jetzt mal ganz sachlich betrachtet: „Dieses Lied animiert zum Trinken“. Dafür wurde es auch geschrieben, und zwar von einem Komponisten namens Bülent Şençalar. Der Text stammt aus der Feder von Güzin Gürman.

Das Bezeichnende an diesem Lied ist, dass es vom Wunsch erzählt, so betrunken zu sein, dass man allen Liebesschmerz vergisst, was sich natürlich im Endeffekt immer als Trugschluss herausstellt. Denn der Suff verstärkt – wie allseits bekannt – lediglich den Schmerz umso mehr. Das Resultat: ein wunderschönes Lied, dass auf seinen Interpreten Tanju Okan wie massgeschneidert wirkt.

Auch er gehört zu den grossen Chansonstimmen, deren Lieder auch immer ein Stückweit die Realität ihres eigenes Lebens widerspiegeln. Er war ein grosser Interpret nostalgischer, herzzereissender Lieder, die die Musik der 60er  und 70er Jahre in er Türkei massgeblich prägten. In diesen beiden Jahrzehnten spielte sich auch im weitesten Sinne die Karriere Okan’s ab. In den 80ern brach jedoch mit dem aufkommenden Arabeskstil, der den tragischen Herzschmerz in eine neue Dimension trieb und den Mainstream Pop den Hörgewohnheiten der landflüchtenden neuen urbanen Bevölkerung aus dem Osten Anatoliens anpasste eine neue Ära an. Es war die Zeit der Depression und Umstrukturierung nach dem Militärputsch im September 1980.

Die Musik Tanju Okans verblich in der Nostalgie der guten alten Zeit, in der sich noch die Strandcafés entlang der Küstenstriche Istanbuls wie Perlen an einer Kette entlangzogen und in sternenklaren Sommernächten des Marmarameeres die Karrieren von grossen Stars wie Cem Karaca, Baris Manco, Kamuran Akkor, Nese Karaböcek und all den anderen beflügelten.

Die gute alte Zeit, in der auch dieses Lied entstand, war nun unwiederbringlich abgelaufen. Wahrscheinlich verfiel Tanju Okan auch deswegen mehr und mehr der Depression und das Schicksal erfüllte auf unheilvolle Weise die Prophezeihung seines 1975 entstandenen Hits: er starb an einer Leberzyrose.

Er gehört jedoch immer noch zu den meistgeliebten Stimmen des Landes und jedesmal, wenn die ersten Takte von „Öyle Sarhos olsam ki“ ansetzt, geht ein Raunen und Seufzen durch jede Meyhane und alle Stimmen an: „Ach wäre ich doch nur sooo betrunken…“

Öyle sarhoş olsam ki
Bir an seni unutsam
Unutsam bugünleri
Yarınları unutsam


Öyle sarhoş olsam ki
Bir daha ayılmasam
Herşey bir rüya olsa
Unutarak uyansam



Seni gördüğüm günü
Sevdiğimi unutsam
Bir başka dünya bulsam
İçinde sen olmasan

Wär ich doch nur so betrunken,
so dass ich dich plötzlich vergässe,
diese Tage einfach vergässe
und auch die zukünftigen.


Wär ich doch nur so betrunken
und würde nicht mehr zu mir kommen.
Wär doch alles nur ein Traum,
aus dem ich vergessend erwachte.


Ach würde ich nur den Tag vergessen,
an dem ich dich sah.
Würde ich nur eine andere Welt finden,
in der du nicht existierst.

Bill Gates hat’s schon lange gewusst!

Ich kenne keinen Markt, der sich jemals selbst reguliert hätte. Das neoliberale Kapital investiert in Forschung und die Ausbldung von qualifiziertem Fachpersonal auf allen systemrelevanten Ebenen. Deren Job ist es unter anderem, alle Risiken durchzuspielen, die dem global dominierenden Wirtschaftssystem zwischen die Beine geraten könnten. Deswegen wundere ich mich über all diejenigen, die sich darüber wundern, dass Bill Gates bereits vor 5 Jahren die Gefahr der Pandemie angesprochen hatte. Die Gefahr der Pandemie ist im Bereich der Katastrophenszenarien gängiger Standard. Alleine in den großen Rückversicherungsgesellschaften sitzen Armadas von Wahrscheinlichkeitsspezialisten, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als solche Szenarien durchzurechnen.

Das weiss ich, weil ich als Student mal einen Job in der Postabteilung einer solchen Firma hatte. Somit kam ich beim täglichen Rundlauf durch alle Abteilungen und tatsächlich auch in alle Arbeitszimmer und ich hörte mir jeden Tag an, worüber sich diese Menschen unterhielten.

Da diese Firmen einen Haufen Geld umsetzen, können sie sich einiges leisten. Ich bin jeden Tag an original Andy Wahrhol Siebdruckserien vorbeigelaufen – in jedem Stockwerk eine andere. Mal Marilyn, mal Neuschwanstein und so. Das Mittagessen ging auf’s Haus und es wurde im „Casino“ gespeist. Das hiess: eine vegetarische und eine fleischhaltige Variante (vegan gab’s damals noch nicht) eines 3-Gänge-Menüs standen zur Auswahl. Der Koch hatte Sterne – wieviele weiss ich nicht.

Die Chefetage lebte eine grossherzig-offene Firmenpolitik vor, was mit sich brachte, dass man sich mit jedem und jeder MitarbeiterIn unterhalten konnte, egal, welchen Rang und Status man selber besass. Somit hatte ich Gelegenheit, mich in jungen Jahren als Zaungast der neoliberalen Gedankenwelt des Rückversicherungs-Establishments zuzuwenden. Risikoberechnung war das täglich Brot dieser Menschen und sie berechneten tagein-tagaus alles, was man sich nur vorstellen kann: Vulkanausbrüche, Erdbeben, Konzern- und Staatsbankrotte, Angriffe aus dem All, Meteoren, whatever…

Dass das aktuelle Pandemie-Szenario schon lange existierte, ist ja durch einschlägige Hollywoodklassiker belegt. Als Mensch neigt man dazu, sie trotzdem zu relativieren. Als Risikomanager einer Rückversicherung hat man diesen Luxus nicht.

Insofern kann ich natürlich all diejenigen gut verstehen, die hinter der ganzen Coronasache nun abertausend Verschwörungen wittern. Ich selber trau den Geheimdiensten und der Pharmaindustrie auch alles zu. Nur eines nicht: das sich alle jetzt zusammengetan haben, um uns einfachen BürgerInnen eine Pandemie vorzugaukeln. Die Arschlöcher dieser Welt mögen gewieft sein, aber sie sind immer noch Arschlöcher und verhalten sich nicht solidarisch, auch (oder erst recht) anderen Arschlöchern gegenüber nicht. Ja, manchmal schon, aber das kann sich dann sehr schnell wieder ändern. Deswegen glaube ich nicht daran, dass die globale Macht- und Wirtschaftselite bei der letzten Bilderberg-Konferenz ein globales Pandemie-Schauspiel einstudiert hat. Wobei ich nicht bezweifeln will, dass einige unter denen das nicht mal albern finden würden.

Ich will jetzt auch gar nicht über die Hintergründe der Covid-19 Pandemie spekulieren und schon gar keine Plattform für eine solche Diskussion öffnen. Was ich jedoch nur allzu gerne kundtun will, ist eine heimliche Schadenfreude, die mich überkommt, wenn ich daran denke, wie es für mich wäre, wenn ich ein Wildtier in einem Urwald, oder ein Baum, oder ein Tiefseebewohner etc. wäre. Natürlich hinkt der Vergleich, weil ich als typischer Vertreter der Spezies Mensch davon ausgehe, dass Tiere und andere Lebewesen so denken und agieren könnten, wie Menschen – und das in dem tiefsten Bewusstsein, dass dem natürlich nicht so ist.

Wir Menschen haben erstaunliche Fähigkeiten: wir können denken, eine Meinung generieren, diese von uns selbst abstrahieren, sie hinterfragen und auch relativieren, oder sogar revidieren, aber trotzdem sehen wir alles ausschliesslich aus unserer „aktuellen“ Perspektive. Das heisst, wir beziehen uns nicht nur extrem auf uns selbst, sondern sind auch noch zeitlich ziemlich eingeschränkt: wir haben meist eine „aktuelle“ Meinung. Morgen kann alles vergessen sein. Kurzum: wir machen uns gerne wichtig.

Dabei sind wir eigentlich überhaupt nicht „so“ wichtig. Ok, wir haben viel vollbracht und erstaunliches geleistet, aber das alles auch nur auf unserer eigenen Werteskala. Also sind wir faktisch gesehen aus Sicht des Universums nicht unbedingt wichtiger und nützlicher, als alles andere was dieses in seinen unendlichen Weiten beinhaltet. Für das Universum sind also unsere Werte in keinster Weise „Systemrelevant“.

Nur für uns Menschen ist das natürlich anders. Wir denken, wir sind mordswichtig für das Universum, weil wir so einzigartig sind. Ja sind wir ja auch, aber ein Baum, oder ein Haifisch ist auch einzigartig und die führen sich nicht so krass auf, wie wir. Ok ein Haifisch kann auch schon mal übertreiben, aber nach einem blutigen Biss ist die Sache im wahrsten Sinne gegessen. Da wird nicht mehr lange rumtheoretisiert und schultergeklopft. Für einen Haifisch ist das, was er da macht keine besondere Leistung. Das ist halt sein Leben. Aus basta!

Das heisst: wir haben eigentlich niemanden, der uns mindestens auf gleicher Ebene Kontra bieten könnte. Deswegen wünschen wir uns ja nichts sehnlicher, als anderen Lebensformen zu begegnen, Orks, E.T., Aliens, Marsianer, Chew Baka, Vulkanier, etc. Denn ohne universelle Herausforderung wird uns schnell langweilig. Eigentlich tritt das, was wir uns herbeisehnen auch oft ein. Aber der Wunsch nach Aliens hat sich noch nicht – zumindest nicht eindeutig genug – erfüllt. Einer anderen Phantasie, die wir ebenfalls seit Urzeiten hegen, sind wir hingegen schon dicht auf den Spuren: der ultimativen Katastrophe. Und warum das ganze? Weil uns einfach langweilig ist! Ja, is so! Wir sind die geilsten Gestalten, die uns bekannt sind, sitzen auf dem geilsten Planeten des Universums und wir sind so sehr mit uns selber beschäftigt, dass uns langweilig ist. Deswegen sind wir ständig motzig drauf und würden am liebsten einen Laserkrieg gegen Feinde aus dem All führen.

Das ist wohl auch der Grund, warum wir so unzufrieden mit der aktuellen Pandemie sind: wir Menschen brauchen es hart! So eine schleichende Pandemie, deren Auswirkungen nur durch Zahlenspekulationen zu erahnen ist, ist wie inexistent für uns. Sie ist weder Fleisch, noch Fisch. Eine Pandemie muss uns sofort ordentlich den Arsch aufreissen, damit wir sie als solche auch akzeptieren.

Und das, was in Italien, Spanien passiert? Reicht das nicht?

Nein! Wir wollen unbedingt, dass im speziellen „uns“ selber der Arsch aufgerissen wird. Wir müssen das spüren, damit wir danach bestürzt sagen können: „Das hätte sich doch nun wirklich niemand denken können“. Natürlich wollen wir das nicht vordergründig und bewusst! Aber wenn wir nicht überrollt werden, nehmen wir den ganzen Mist nicht wirklich ernst. Jetzt mal ehrlich! Also natürlich halten wir uns an die Ausgangsbeschränkungen, aber keiner weiss wirklich was Konkretes. Es herrscht eine grosse Unsicherheit vor und das führt zu Skepsis, Gemaule und Gemotze.

Unsere freiheitlichen Rechte! Unsere zivilen Errungenschaften! Unsere Meinungsfreiheit! Unsere individuellen Bedürfnisse! Das alles ist nun bedroht. Das waren wir bisher gewohnt. Dafür haben wir hart gearbeitet. Natürlich werden wir jetzt ungehalten und machen uns Sorgen!

Und tatsächlich wird die Angst und die Gefahr gerade von diversen Despoten genutzt, um Notstandserlasse durchzusetzen (da ich nicht auf Promodiss stehe, nenne ich deren Namen hier nicht – weiss eh jeder, wer gemeint ist). Klar stellt das auch eine Gefahr dar! Wie gesagt: ich traue dem System Mensch alles zu – also nicht dem Menschen an sich, sondern dem „System Mensch“ – auch, dass es künstlich Notstände schafft, um damit Notregelungen zu legitimieren, in Kauf nehmend, dass es seine eigene „menschliche“ Existenz damit aufs Spiel setzt. Mitleweile liegt der britische Premier selber auf der Intensivstation, als Opfer seiner eigenen Ignoranz. Wir wünschen ihm trotzdem gute Besserung. Er ist schliesslich auch ein Mensch. Aber ihr versteht, worauf ich hinaus will.

Aus gewisser Sicht, finde ich die Pandemie und den Einbruch der Wirtschaft deswegen gut. Jetzt ist mal Schicht im Schacht! Ja wir leiden, wir erkranken tödlich und wir sterben, wir sind hilflos…aber das ist tagtägliche Realität für mehr als die Hälfte der Menschheit. Und das  schon seit Ewigkeiten. Das sind doch auch alles Menschen, also VertreterInnen unserer Spezies? Jetzt kann es alle treffen. Auch die Queen, oder Bill Gates!

Die Massen an Hungertoten jedes Jahr. Tausende Geflüchtete, die im Mittelmeer ersaufen, oder von korrupten Schleusern, Mafiosis, Grenzposten etc. bedroht, genötigt, erpresst und wenn es sein muss abgeschlachtet werden. Es waren doch Menschen, die zu 70igst in einem Kühlwagen an der deutsch-österreichischen Grenze jämmerlich erstickten? Es sind doch auch Menschen, die in einem für 3000 Menschen zugelassenen Flüchtlingscamp auf Lesbos zu 20.000’st voller Entsetzen den unvermeidlichen Corona-Einfall erwarten, ohne ausreichende medizinische, hygienische, nahrungstechnische und sanitäre Versorgung.

Das sind doch auch Menschen? Oder etwa nicht? Also dann müssten wir ja seit Ewigkeiten ständig empört sein? Nein! Wir sind erst dann empört und entsetzt, wenn das Dach von Notredame brennt, um innerhalb von Tagen Spenden in dreistelliger Millionenhöhe zu sammeln und die Sache nach 2 Wochen wieder komplett zu vergessen. Deswegen haben wir es anscheinend auch nicht anders verdient. Vielleicht müssen wir jetzt mal unfrei werden, damit wir endlich begreifen, dass alle Freiheit nichts nützt, wenn sie nur ein Privileg ist. Privilegien sind nicht nur auf besondere Menschengruppen begrenzt, sondern auch zeitlich – wie uns jetzt wieder schmerzhaft klar wird.

Wer das nicht kapiert, der muss halt in Karantäne. So schaut’s aus! Für diejenigen, die in der freien Marktwirtschaft ihre steuerfreien Kapitalgewinne erzielen: Ihr seid Loser! Ihr könnt jetzt, wo ihr die Zeit dazu hättet nicht mal wie Onkel Dagobert in Scheinen und Münzen schwimmen, weil Bargeld auch Viren übertragen kann und deswegen auch bald abgeschafft wird. So existiert euer Vermögen im digitalen Raum. Ihr könnt euch zwar vieles kaufen, aber momentan auch nicht viel damit anfangen. Nix könnt ihr machen, genauso wie wir. Das ist Gerechtigkeit!

Deswegen wünsche ich euch allen aber trotzdem Gesundheit, Durchhaltevermögen, wirtschaftliche Beruhigung, und den Übergang in die nächste humane Bewusstseinsebene. Heult nicht um euer Vermögen. Seid froh, dass es weg ist. Es bringt eh nix. Unterschreibt stattdessen lieber folgende Petition für Grundeinkommen. Die liegt gerade auf dem Tisch des Bundestags:

https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2020/_03/_14/Petition_108191.nc.html

Ich habe keine Angst, ich bin wütend!

Durchgeknallte Killerkommandos mit Verbindungen zu Verfassungsschutz, Polizei, KSK und Bundeswehr machen wieder Jagd auf „Meinesgleichen“! Die rassistischen Amokläufe finden gerade in einer solch dichten Abfolge statt, dass einem schwindlig wird. Der ehemalige Verfassungsschutzpräsident dieses Staates, dessen Angehöriger ich bin, fordert von der CDU-Fraktion im Thüringer Landtag, dass sie “mit ihren Stimmen einen MP der SED/Linke auf jeden Fall verhindern“ möge, was im Gegenschluß bedeutet, sie mögen doch bitte ihre Stimme dem Kandidaten der AFD geben. Flüchtlinge werden an der EU-Außengrenze von griechischen Grenzposten ermordet, nachdem sie von der türkischen Regierung dort als Kanonenfutter hingetrieben wurden. Rechtsradikale deutsche PolitikerInnen fordern schon seit längerem den Einsatz von scharfer Munition bei Grenzübertretungen durch Geflüchtete. Die griechische Grenzpolizei setzt das jetzt um und wird von der EU-Kommisionspräsidentin dafür gelobt mit den Worten: “Wir danken der griechischen Regierung, die den Schutzschild für die EU darstellt. Wovor wollt ihr euch schützen? Und wer schützt bitte den Rest der Welt vor euch und vor euren Waffen?

Dafür kriegen die zuvor als undiszipliniert und verschwenderisch gescholtenen und in den finanziellen Ruin getriebenen Griechen nun doch ein finanzielles Hilfspaket, aber nicht für die Betreuung der Geflüchteten, sondern für ihre Grenzpatroullien. Derweil terrorisieren griechische rechtsradikale Identitäre die hilflosen Menschen, die eh nichts haben und um ihr nacktes Überleben bangen, attackieren JournalistInnen und internationale Helfer und Helferinnen. Deutsche Identitäre bilden Aktionstrupps und machen sich auf die Reise, um ihren griechischen Gesinnungsamöben beizustehen. Die türkische Regierung gibt den Duktus vor, Europa springt hysterisch im Kreis und bläht die Flüchtlingskrise zur Existenzproblematik auf, getrieben von den faschistischen Lagern, die sie politisch in die Enge treiben.

…die tragischerweise auch noch dazu in der Lage sind, einen ganzen Kontinent – der sich wie kein anderer als Epizentrum der demokratischen Gesinnung begreift – in die Enge zu treiben. Warum? Weil die Europäer sich anscheinend heimlich doch ein Sicherheitsrelais für ihre Existenzängste erhalten haben: nämlich den Rassismus. Ja, es ist sehr traurig, aber das großmäulige Europa zerbricht in eitler Selbstbeweihräucherung an seinen eigenen Idealen, die es wohl schon immer zu weit unten im Regal eingeordnet hatte. Gaaaaaaanz weit unten. Ist das etwa das Europa, das zwei Weltkriege mit Millionen Toten hinter sich gebracht hat und seit Jahrzehnten dem Rest der Welt Aufarbeitungs-Lektionen erteilt?

Die Faschisten marschieren wieder. Besonders dreist tun sie das aber in Deutschland. Und an dieser Stelle hole ich ganz ungeniert wieder meine altbewährte Nazikeule raus, auch wenn so mancher meiner deutsch-deutschen StaatsgenossInnen jetzt wieder die Augen verdrehen mag: Wenn sich wer angesprochen fühlt, um so besser! Dabei ist es mir scheißegal, welchem politischen Lager er oder sie angehört. Ich war lange naiv genug, den Deutschen die faschistische Kontinuität in ihrem Staatsgebilde und in der Zivilgesellschaft wieder und wieder klar machen zu wollen. Der Knackpunk liegt dabei vor allem an dem mangelnden Wissen, um die Nazistrukturen in den staatlichen Institutionen. Die Geschichte der Nachkriegszeit ist für den permanenten Rechtsdrang der letzten Jahrzehnte in der Gesellschaft entscheidender, als die des 3. Reiches selber.

Die RassistInnen und FaschistInnen sitzen in der Politik, Jusitz, im Verfassungsschutz, im BND, Polizeiapparat, Bundeswehr, in Sondereinsatztrupps, in Verlagen, Think Tanks etc. etc. etc.. Auch bin ich der Meinung, dass es sie in allen politischen Parteien gibt. Wir müssen uns immer noch und gerade jetzt mit diesem Thema auseinandersetzen und um unsere gemeinsamen menschlichen Werte kämpfen. Es wird nie eine Zeit geben, in der man sich gemütlich nach hinten lehnen kann und sagen kann: “Wir haben unsere faschistische Vergangenheit komplett aufgearbeitet. Diese Gefahr ist überwunden”. Und es gab diese Zeit auch noch nie. Wer das nicht akzeptiert, verpennt das entscheidende Momentum und das führt uns wieder zu der fundierten Weisheit: “Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf!”

Nein ich habe keine Angst! Ich bin wütend! Insbesondere ob der anmassenden Haltung mit der rechtsradikale Wahnsinnige in diesem Land meinen, hier die Agenda bestimmen zu können. Noch mehr bin ich jedoch sauer auf diejenigen, die dazu einfach nur schweigen, nichts tun und nichts sagen! Diejenigen, die sich berieseln lassen von der Angst, die die PopulistInnen geschickt erzeugen und sich einmümmeln in das letzte bisschen wohlige Identität, die übriggeblieben ist vom Wirtschaftswunderwohlstand und der Demokratieverheißung der Nachkriegszeit. Sie haben sich über Jahrzehnte so wohl und sicher gefühlt in ihrem Selbstbild des/r selbstgerechten Europäers/in, dass sie tatsächlich meinten, sie wären immun gegen alles Schlechte im Menschen. Besonders in Deutschland hielt der Glaube lange an, mit dem Marschallplan von der Seuche der Nazis “freigekauft” worden zu sein. Aber nun merken auch die hartnäckigsten unter ihnen bewußt oder unbewußt, dass dies nie der Fall war, dass der deutsche Nationalsozialismus immer noch tief verankert ist in dieser Gesellschaft.

Nun ist die Frage: wie reagiert die sogenannte “Mitte der Gesellschaft”? Mit dieser Frage steht und fällt auch das Schicksal der AFD: Wird die Mitte sich beherzt auf die Seite der Verfassung und der Demokratie stellen, so wie Lübcke damals in Kassel, oder wird sie sich wohlfeil und hilflos in ihre Angst zurückziehen, den rechten PopulistInnen Raum geben und sich ihre Argumente schönreden und nachblöken aus reiner Trägheit, Verantwortung zu übernehmen? Verantwortung für sich, die menschlichen Grundwerte und für die eigene Würde!

Genau die, die bisher mit lauter Stimme und besserwisserischer Miene mir von der Aufarbeitung der deutschen Nazivergangenheit und der deutschen Verfassung daherdoziert haben. Genau die, von denen man jetzt auf einmal gar nichts mehr hört. GENAU DIE! Genau dieselben, die jetzt ganz betreten und gesenkten Hauptes meinen: “Das hätte man sich doch nie denken können!” und damit das Thema mit der selben Selbstgefälligkeit vom Tisch fegen.

Wer mir jetzt mit der Leier kommt, ich solle nicht so übertreiben, den oder die will ich nur daran erinnern: Faschos nehmen tagtäglich unschuldigen Menschen ihr Leben! Sie morden ohne Gewissen, ohne Skrupel und sie scheuen sich auch nicht, das Kind beim Namen zu nennen: Sie hassen “die Anderen”. Aber eigentlich hassen sie Menschen. Sie haben einen tiefen Drang danach, zu hassen. Woher dieser Drang kommt, kann ich nur in Anstätzen erahnen. Ich tippe mal darauf, dass er aus einer tiefen Autoaggression entsteht, die Menschenmassen ergreift, die das Vertrauen in ein übergreifendes funktionales Staatssystem verloren haben. Wenn Staatsgerüste zum Steigbügelhalter der neoliberalen globalen Konzerne geworden sind, die ihnen dazu verhelfen, die großen Kapitalströme dieser Welt ungeniert in ihre Kontrolle zu bekommen und dabei die Steuerlast und die wirtschaftlichen Defizite geschickt auf die Bevölkerung abzuwälzen. Genau das ist die beste Grundvoraussetzung für das Erstarken der Rechten, deren Job es ist, geduldig in der Ecke zu warten, um im geeigneten Moment die Existenzängste der Massen mit populistischen Mitteln in leicht beherrschbare völkisch-nationale und rassistische Kanäle zu leiten.

Das Schlimme am Faschismus ist: er ist keine Ideologie. Er kann sich aber in jeder Ideologie einnisten. Also glaubt ja nicht, ihr seid davor gefeit, nur weil ihr Linke, Sozis, aus der Arbeiterklasse seid, von Holocaustopfern abstammt, oder einer verfolgten Religion, oder Gesinnung angehört. Er kann überall auftauchen, auch in dir, in mir! Hass ist der Gegenpol zu Liebe und genauso wie diese kann er überall auftauchen. Er wächst, wenn man ihn pflegt und verkümmert, wenn man sich von ihm abwendet.

Ich habe keine Angst! Vor Niemandem! Ich bin mir nur der Bedrohung bewusst. Genau deswegen werde ich dem deutschen Innenminister die Aussage nie verzeihen, die Migration wäre die Muter allen Übels. Falls er sich als halbwegs gebildeten Menschen begreift, dann müßte er – der sich nicht nur Innen-, sondern auch Heimatminister schimpft – demütigst einsehen, dass die Migration  MITNICHTEN die Mutter allen Übels, sondern die Mutter jeglicher Kultur und Zivilisation ist und auch schon immer war! Da lohnt ein Blick ins Geschichtsbuch! Ohne Migration hätte es die Rainessance nie gegeben und die Grundlage seiner Partei – das Christentum – wäre auch nie in Europa angekommen, wenn die 12 Apostel nicht in alle Windrichtungen geeilt wären um „Gottes Wort zu verbreiten“ – sozusagen als „Illegale und nicht gern gesehene“ wandernde Missionare. Das Wort Ostern kommt von Osten und so manches andere, was in der Grundsubstanz einer “christlich-westlichen Welt” nicht fehlen darf auch. Auf die alte Leier mit dem Weihnachtsbaum und dem Mithraskult verzichte ich jetzt großzügig, um dem/r geneigten Leser/in nicht die Geduld zu rauben.

Ich hatte damals – das war 2018 – bei einer Ansprache darauf erwidert, dass ich diese Aussage nicht nur als ein Zeichen von historischem Unverständnis, abgrundtiefer Hohlköpfigkeit und als eine Beleidigung für mich und Meinesgleichen erachte, sondern auch als eine “Bedrohung”. Jetzt wird mir wieder einmal auf tragische Art bewußt, wie Recht ich hatte!

Wenn ich so rede, werde ich oft von verwunderten FreundInnen angesprochen, ob die Angst schon so sehr in meinen Alltag einzug gehalten hätte? Ich antworte darauf aber: “Nein, ich habe keine Angst! Schon gar nicht vor Leuten, die sich in der direkten Nachfolge einer Verlierergesinnung sehen, die in der Geschichte schon für so viel Elend verantwortlich war, 2 Weltkriege provoziert und beide auch noch armselig verloren hat! Faschismus ist die Gesinnung von Verlierern!

FaschistInnen und NationalistInnen sind willfähriges Verfügungsmaterial für den neoliberalen Haifischkapitalismus und mehr nicht. Sie sind weder besonders gewieft, noch argumentieren sie geschickt. Wenn es nun so weit kommen konnte, dann deswegen, weil man sie gewähren lässt. Das war damals so und so ist es auch heute noch. Dessen müssen wir uns immer gewahr sein!

Die Politik und die denkende Elite hat nun endlich erkannt, woher die Gefahr kommt. NÄMLCH VON RECHTS! Auch Herr Jürgen Habermas hat sich nun klar und eindeutig dazu geäußert. Dafür gebührt ihm unser aller Dank. Aber die Tatsache, dass sogar er die migrantischstämmigen Opfer der letzten Anschläge nicht mit einem Wort nennt, zeigt die Visions- und Empathielosigkeit, in der die deutsche Gesellschaft steckt.

Meine lieben deutsch-deutschen MitbürgerInnen: Ihr werdet es nie vermögen, diese Angelegenheit mit „euren Nazis“ im Alleingang zu regeln. Auch so gewaltige Hirne wie Habermas werden mit großen Worten nicht weiter kommen! Es wird überhaupt nichts helfen. Eure weiß-weißen Antirassismusaktionen und großen Benefizkonzerte werden nichts aber gar nichts bringen.

Das einzige, was hilft ist folgendes: Ihr müsst erkennen, dass wir nur dann mehr sind, als die, wenn ihr uns migrantische Mitmenschen als ein gesellschaftliches Potential erkennt und auch zu Worte kommen lasst, wenn wir eingeladen werden, sichtbar und hörbar werden bei all diesen Veranstaltungen! Auch, wenn euch das Deutsch von einigen von uns nicht gefallen mag. Wir sind nicht auf euren guten Willen und eure Toleranz angewiesen, sondern wir alle sind zusammen auf unser aller uneingeschränkte Kraft angewiesen. Auch ihr! Ihr seid nicht alleine mit eurer historischen Verantwortung und alleine schafft ihr das auch nicht. Wir sind genau so Deutsche, wie Ihr auch und wir haben kraftvolle Stimmen! Lasst uns gemeinsam aufstehen, organisieren, sprechen, singen und uns äußern. Hört uns zu! Es lohnt sich. Ich sage das jetzt schon zum zigtausendsten mal! Bisher habe ich nur zustimmendes Nicken und Schulterklopfen dafür erhalten. Diesmal erwarten wir mehr. Die Zeit drängt! Gedenkt der Opfer der Anschläge. Nennt sie beim Namen! Macht sie sichtbar! Das sind auch eure Opfer. Das sind keine Fremden. Laßt sie uns nicht vergessen!!!!

Hier kann man für ihre Angehörigen spenden: Die Amadeo-Antonio-Stiftung sammelt Spenden für die Opfer von Hanau.

In diesem Sinne: bitte geht wählen und wählt was Gescheites! Das ist durchaus möglich. Wir leben immer noch in einem demokratischen Land, das einem als StaatsbürgerIn genug Möglichkeiten bietet, seinen politischen Willen zu manifestieren. Man muß es nur wollen.

Wer war nochmal Mohammed Mossadegh?

Der Präsi von den Amis hat’s echt nicht leicht. Jetzt hat wieder der Iran aufgemuckt. Gerüchten zufolge soll sich ja der General Suleimani in Absprache mit den Amerikanern auf dem Weg zu einer Friedenskonferenz im Irak befunden haben, als er eliminiert wurde. Das ist auch immer so eigenartig: sonst wird immer von Anschlägen geredet. Wenn die Amis sowas machen, dann spricht man von Eliminierung. Das zeigt mal wieder, dass es nie eine gute Idee war, sich auf Absprachen mit Amerikanern zu verlassen. Die lokale Urbevölkerung der USA kann da mehrere Liedchen von singen. Angeblich gibt es ja tatsächlich einen einzigen Vertrag zwischen Siedlern und Indianern, der sogar immer noch Gültigkeit hat. Diese Siedler kamen aber aus dem Westerwald in Deutschland.
Zurück zum Thema: In letzter Zeit wird über diese akute bilaterale Krise viel klug geschissen und ich wurde auch wieder hineingezogen. Und  schon wieder kursieren Posts mit „sensationellen“ Bildern, auf denen zu sehen ist, wie sexy iranische Frauen vor den Mullahs im Land gekleidet waren. Aber da ich diese Bilder und auch ähnliche aus Afghanistan und der Türkei schon kenne, wurde mein Augenmerk schnell auf eine andere Angelegenheit gelenkt: Der CIA hat nämlich mal wieder gebeichtet.

Und zwar haben Vertreter dieser unehrenhaften Einrichtung jetzt eingeräumt, dass all die Mutmassungen über den mit den Briten gemeinsam eingefädelten Putsch 1953 gegen den ehemaligen Staatschef Mossadegh tatsächlich auf wahren Tatsachen fußen. Das ist aber im Prinzip nichts ungewöhnliches. Das machen die öfter mal, wenn Gras über den ganzen Dreck gewachsen ist, den die alltäglich anstellen. 64 Jahre sind ja auch schon mal ne anständige Zeitspanne. Interessiert ja auch keine Sau mehr, außer euch vielleicht? Denn, wenn man sich das mal so durchdenkt, dann hätte es ohne diesen Putsch wahrscheinlich weder den Schah, noch die Mullahs gegeben.

Klugscheissen

Es gibt in dieser Angelegenheit immerhin ein paar Alternativen:
– Entweder du bist klug, bzw. scheissklug,
– oder du bist einfach nur scheisse,
– oder du bist beides.
– Oder aber du scheisst klug, also du bist klug, während du scheisst.
– Ansonsten bleibt dir wirklich nur Klugscheisserei.

Yes we can! Such dir was aus…

Schmachtfetzen #11: Gülden Karaböcek – Küstüm Sana Dünya

Auch wenn der Text und die Musik dieses Stückes aus den 70’ern in ein tragisch-kitschiges Tüllgewand gehüllt sind, entbehren sie nicht einen gewissen Grad an Authentizität, denn Gülden Karaböcek (geborene Göktürk), gehört zusammen mit ihrer Schwester, mit der sie eine tragische Geschichte verbindet, zu den größten Stars des türkischen Pop der 70’er. Ihre Karriere begann auch schon im Schatten ihrer großen Schwester Neşe Karaböcek, die ihrem Ehemann und Produzenten und seiner Plattenfirma „Elenor'“ mit ihrer großartigen Stimme, ihrem Charisma und den dadurch generierten Superhits ein Vermögen verschaffte.

Als sich die Wege des Paares trennten und sie sich im Jahr 1974 scheiden ließen, verlor die Plattenfirma auch ihren größten Star. Zu diesem Zeitpunkt eiferte die gerade mal 17 Jahre alte Gülden ehrgeizig ihrer Schwester hinterher und wollte ebenfalls ein Gesangsstar und eine Diva werden. Ihre Stimme und auch ihre Erscheinung boten sich dafür an, aber sowohl ihre Schwester, als auch ihre Familie waren strikt dagegen. Dies erwies sich für den Ex-Ehemann als Gelegenheit, die Plattenfirma vor der Krise zu bewahren und mit einem neuen unverbrauchten Star zu krönen, der auch noch den selben Künstlernamen „Karaböcek“ trug, wie die Vorgängerin.

Denn die Künstlerin übernahm nach den ersten Veröffentlichungen (1969), bei denen sie Orhan Gencebay begleitete, ab 1971 den Künstler(nach)namen ihrer Schwester Neşe.

Ihr Ex-Schwager nahm die von ihrer Familie isolierte Gülden mit all ihren Sehnsüchten und Hoffnungen auf eine glorreiche Karriere als Sängerin bei sich auf und es entwickelte sich eine verhängnisvolle Beziehung, die auch noch in einer skandalösen Hochzeit endete. Gülden Karaböcek bereute zeitlebens das Verhältnis mit ihrem Schwager und litt sehr unter dieser unheilvollen Fügung.

Ihre Schwester und ihre ganze Familie verstießen sie auf Lebenszeit, kamen jedoch nach einigen Jahren nicht umhin, ihr zu verzeihen. So kam es im weiteren Verlauf zu einigen medienwirksamen Versöhnungs- und Streitszenen.

Gülden Karaböcek lebte in den achtziger Jahren eine Zeit lang in der Bundesrepublik Deutschland. Dies inspirierte sie zu dem Stück „Yalan Almanya“ (Verlogenes Deutschland), in welchem sie die enttäuschten Hoffnungen der 1. Gastarbeitergeneration zur Sprache brachte. Mit „Bir Mucize Allah’ım“ brachte sie übrigens 1987 die erste in der Türkei produzierte CD heraus.

Bahtıma doğacak günü bekledim
Sabrıma her gün bir sabır ekledim
Hayatın elinden neler çekmedim
Küstüm sana dünya barışmam artık.

 

Üstüme yüklenen dertler yokolsun
Hayat sen karanlık çıkmaz bir yolsun
Diyorlar ki bana çileli kulsun
Kimsenin işine karışmam artık
Küstüm sana dünya barışmam artık.

Öyle dert çektirdi bana şu yıllar
Düştüm düşeceğim yerlere kadar
Bu dünyada benden dertli kimler var
Kederden kedere yarışmam artık

Üstüme yüklenen dertler yokolsun
Hayat sen karanlık çıkmaz bir yolsun
Diyorlar ki bana çileli kulsun
Kimsenin işine karışmam artık
Küstüm sana dünya barışmam artık

Ich warte auf den Morgen,
der mein Schicksal erhellt. jeden Tag füg‘ ich Geduld an Geduld.
Was hat mir das Leben doch für Leid bereitet?
Ich bin der Welt verdrossen, versöhne mich auch nicht mehr! 

Ich wünschte, diese schweren Sorgen würden bald vergehen.
Ach Leben, du bist eine dunkle Einbahnstraße.
Alle sagen, ich sei ein unheilvolles Geschöpf.
Aber ich halte mich jetzt aus allem raus.
Ich bin der Welt verdrossen, versöhne mich auch nicht mehr!

Die Jahre haben mir so viel Trauer gebracht.
Soweit ich konnte, bin ich schon gefallen.
Gibt es jemand sorgenvolleren als mich auf dieser Welt?
Ich ziehe nicht mehr von Leid zu Leid.

Ich wünschte, diese schweren Sorgen würden bald vergehen.
Ach Leben, du bist eine dunkle Einbahnstraße.
Sie sagen, ich bin ein unheilvolles Geschöpf.
Aber ich halte mich jetzt aus allem raus.
Ich bin der Welt verdrossen, versöhne mich auch nicht mehr!