Die Fußballweltmeisterschaft ist mir immer noch scheißegal

Elfmeterkrimi, spannender Stellungskampf, die Stars, die Finten, Reaktionsstärke, Durchhaltevermögen, die Fangesänge, die Strategien der Coaches, dumme und amüsante Spielerstatements, die Bemalungen und das Gefiebere der Fans. Alles schön und gut. Aber irgendwann wird’s schon unverschämt.

Warum unverschämt? Das will ich gerne erläutern, aber dazu muss ich ein wenig ausholen: die Zeiten, als ich mir regelmäßig am Wochenende dem Schicksal eines Spielballes folgend die Kehle aus dem Leib schrie und bei Fußballweltmeisterschaften und Klassikerduellen fast die Besinnung verlor, ist sehr lange her. Ich war jung und mir waren die gesellschaftlichen, historischen und politischen Zusammenhänge des Fußballgeschäfts und auch sonst auf der Welt nicht so ganz bewusst. Auch war ich mir meiner selbst nicht richtig bewusst. Die Welt schien nach vorgefügten Regeln zu funktionieren, an die ich mich eben anpassen musste und Fußball war einer dieser wichtigen Faktoren in meinem Leben. Wer frägt da schon nach dem warum? Alle waren heiß darauf und ich eben auch. Hinzu kam, dass in den 80ern in Istanbul, wo ich mich damals befand, Spieler noch nicht so mit Geld zugeschissen wurden wie heute. Es gab Spieler, die konnte man unter der Woche in ihren angestammten Vierteln antreffen und mit ihnen ratschen. Sie waren sehr bekannt, aber trotzdem irgendwie normale Menschen, keine Götter. Sie hatten dieselben Problem, wie alle anderen und konnten sich nur mäßig mehr leisten. Versuchten sich in Kleingewerbe, versagten, verloren ihr Geld beim Spiel, oder versoffen es nach dem Ende ihrer Karriere.
Man ging damals früh ins Stadion, weil es keinen Vorverkauf für die billigen Plätze gab. So setzte man sich also unter die sengende Sonne und wartete in der Kurve aufs Spiel, welches übrigens im Sommer auch schon mal um 20.00 h Abends erst beginnen konnte. Solange vertrieb man sich die Zeit damit, die Fans des Rivalen mit Stehgreifreimen zu necken, auf die diese dann immer prompt im kollektiven Fangesang antworten mussten, sonst war gleich die Ehre des ganzen Vereins futsch. Die creative Agents saßen ganz am unteren Rand der Tribünen. Das waren die Elitegymnasiasten und -studenten der renommierten Schulen und Universitäten. Sie fungierten wie der Hypothalamus der gesamten Fankurve. Sobald der Reim stand, wurde er durch Flüsterpost in windeseile nach oben weitergegeben, dann zählte der gut sichtbar positionierte obligatorische Paukenspieler auch schon ein und los ging es. Was darauf folgte war eine Art „Freestylebattle zwischen zwei Fankurven“. Wer zu lange mit seiner gereimten Antwort im passenden Versmaß brauchte, hatte verloren. Das ging dann so lange, bis sich Müdigkeit, Hunger und Durst sich wieder einschalteten. Entweder hatte man sich genug mitgenommen, oder man wurde Opfer der Köfte- und Wasserhändler im Stadion, die sich das ganze Spektakel natürlich zu Nutze zu machen wussten.
Es gab keinen Fernsehbeweis, was weitreichende Möglichkeiten für kleine Schiebereien bot, welche wiederum den Presserummel um das ganze beflügelten. Nach dem hoffentlich gewonnenen Heimspiel zog man dann feiernd über die Istiklal-Straße ins Vergnügungsviertel Beyoglu, um sich ein Paar Bier und panierte Muscheln mit Knoblauchsoße zu gönnen. Ein paar Jahre habe ich das so durchgezogen und es war tatsächlich herrlich, muss ich gestehen. Auch damals ging zwar die Welt ein Stück weit unter, aber ich war Gott sei dank zu jung, um das alles zu begreifen.

Jetzt sieht es jedoch anders aus. Der ganze Irrsinn, der sich in der Zeit des kalten Krieges noch anbahnte, kommt jetzt gerade zum sieden. Der populistische Wahnsinn ist wieder einmal zum täglich Brot geworden, Geflüchtete ersaufen zu tausenden jährlich im Mittelmeer, In Gaza sind die Menschen eingekesselt, werden tagtäglich zerbombt und wer für sie Stellung bezieht gilt als „antiisraelisch“ (was immer das auch heißen mag?), während wir um die Rettung von ein paar thailändischen Schülern aus einer Tropfsteinhöhle fiebern, jeden Tag uns selbst in den sozialen Medien feiern, Fußball und Netflix gucken, Games ballern und so tun, als ob die ganze Scheiße auf dieser Welt noch genau so leicht zu ignorieren wäre, wie noch vor 10 Jahren. Rechtsnationalisten sitzen in „Deutschland“ im Parlament und beim Nachbarn Österreich schon in der Regierung! Ein deutscher Innenminister kann es sich erlauben, über die lebensbedrohliche Notsituation von abertausenden Menschen Witze auf einem Niveau zu reißen, das einem Mark und Bein erschaudern lässt.
Im NSU-Prozess wird der Täterkreis trotz schwerer belastender Beweise und Fakten hartnäckig auf ein „isoliertes Trio“ beschränkt und jeder in diesem Land weiß eigentlich ganz genau, was eigentlich dahintersteckt: nämlich ein abgebrühter Unwillen der Justiz, die ganze Nazikacke, in der Verfassungsschutz, Polizei und einige andere staatliche Institutionen bis zum Halse stecken, umfangreich aufzudecken. Schließlich geht es hier um die tiefsten der unergründlichen Tiefen der Staates, die es um jeden Preis zu schützen gilt! Jetzt hat man Zeit gewonnen. Die Mühlen des Gesetzes mahlen notwendigerweise eben noch viel länger, als so schon üblich. Die Hoffnung ist wohl, dass das Thema somit in der Öffentlichkeit an Brisanz verliert und irgendwann dann nur noch in „was ist eigentlich aus ….. geworden“- Artikeln der großen politischen Zeitschriften und Magazine auftaucht.
Einen solchen Umgang mit „unbequemen“ Inhalten von Staats wegen, bemängeln wir Deutschen immer sehr gerne an sogenannten „diktatorisch geführten Staaten“ wie der Türkei, oder Rußland zum Beispiel: Ganz offensichtliche und ungehemmte Beseitigung von unliebsamen ZeugInnen, Schredderung und jahrhundertlange Absicherung von juristisch relevanten Akten und und und. Kein Zweifel, da wirkt wohl ein „ultratiefer Staat“ und das schon seit langem. Man kann es sich scheinbar in diesem Land erlauben, schmutzige Machenschaften von staatlichen Behörden und Institutionen einfach unter den Tisch fallen zu lassen, Mördernetzwerke, die zum großen Teil mit dem Verfassungsschutz zusammenarbeiten und von diesem finanziert werden, zu decken und eben auch Personen, die nachweislich bei einer Reihe von rassistisch motivierten Morden Mithilfe geleistet haben, Tatwaffen besorgt haben etc., mit läppischen Haftstrafen belohnen?
Wenn ich in hitzigen Debatten meine Meinung äußere und von „Nazi“-Strukturen spreche, dann kommt es schon auch vor, dass so mancher/e plötzlich ein Schweppes-Gesicht kriegt: Nazis gebe es nicht mehr, heißt es dann oft. Mit ihrer Nazigeschichte hätten die Deutschen abgeschlossen. Das wäre alles Vergangenheit und Geschichte. Wenn, dann solle man von ‚Neonazis‘ reden und bitte dringend von einem historischen Zusammenhang mit den Nazis von damals absehen!“

Den Gefallen werde Ich ihnen jedenfalls nicht tun. Vor allem tue ich ihnen nicht den gefallen, mit der besonderen Qualität ihres kulturell maßgeschneiderten Faschismus sich auch noch eine Einzigartigkeit herzuinszenieren. Nein, der deutsche Faschismus ist nix besonderes! Er ist genauso Faschismus, wie jede andere Form des national und kulturell impregnierten Faschismus auch! Man kann sie Nazis, Neonazis, Faschisten, Rassisten oder sonst wie benennen. Die Deutschen sind da nichts spezielles. Momentan nimmt diese Gesinnung wieder weltweit das Heft in die Hand und keiner von uns kann sich seiner Verantwortung entledigen. Keiner und Niemand! Es führt kein Weg daran vorbei, sich auch mit dem Faschisten, Rassisten, dem Unmenschen in sich selbst zu konfrontieren! Jeder Moment, in dem man das Leid anderer ingnoriert, weil man doch nichts dafür kann und sich in der wohlhabenden und sicheren westlichen Zivilisation ja eh auf der „richtigen Seite“ wähnt.

Seien wir uns eines sicher: Wir sind mitnichten automatisch auf der richtigen Seite! Die meisten von uns sind leider ignorante Flachköpfe. Vor nichts sind wir gefeit! Jeden Moment kann wieder alles passieren, was wir uns in unseren wildesten Alpträumen nicht vorstellen wollen und es passiert schon. Keiner von uns hat das Recht, zu meinen, dass sein weißer gepämperter EuropäerInnenarsch einen besonderen EU-Schutzschild besitzt! In einer solchen Situation so zu tun, als wäre das Leben eine Sitcom und man selbst sein eigener Hauptdarsteller oder seine Hauptdarstellerin ist äußerst vermessen und dumm.

Und die Moral von der Geschicht?

Scheiß auf Fußball!
Scheiß auf den Weltmeister, den Vizweltmeister!

Scheiß auf den Heimatminister, sowohl die Person, als auch den ganzen Ministerposten!

Dabei würde ich die Liste vorerst mal belassen. Vielleicht füge ich noch ein: Scheiß auf SUV’s hinzu…

Mit was man sich sonst beschäftigen könnte?

Man könnte sich um Mitmenschen in Not aufrichtig kümmern! Man könnte auch in erhitzten politischen Diskursen trotzdem Mensch bleiben und nicht zu Abziehbildern davon zusammenschrumpfen! Man „kann“ sich ehrenamtlich organisieren! Man könnte mal was umsonst für nen guten Zweck tun, um Menschen zu entlasten, die das ihr halbes Leben lang schon machen! Man könnte Menschen in Not aufnehmen, ihnen helfen, sich zurechtzufinden in diesem Dschungel! Man könnte sich dabei ertappen, wie man dazu neigt, sie billig abzustempeln, und schwammigen ausreden erfindet, um sie zu ignorieren! Man könnte sich mit seinem Gewissen und sich selbst konfrontieren!

Aus Opfern werden sehr schnell Täter und umgekehrt! Die grösste Nahrung, ja sogar eine Grundvoraussetzung des Faschismus ist die kollektive Opferhaltung. Moslems, Juden, Christen, Frauen, Männer, Schwarze, Weiße…niemand ist gefeit davor! Jeder kann Opfer und Täter werden, ja sogar beides in einem sein.

Man könnte also versuchen ein „anständiger“ Mensch zu sein, bevor man meint, etwas anderes sein zu müssen!

Du bist ein Horst

Ich würde mir auch mal gerne eine solch fürstliche Diät wünschen für so einen Haufen Faxen und Kasperltheater, wie „Horst Heimat“ sie seit Jahren in seinem vorigen Job und vor allem jetzt im Moment fabriziert. Das Problem bei der Angelegenheit ist, dass er und seine Spezis gerade 1A Vorarbeit für die rechtsradikalen Populisten im Parlament betreiben. Ich schätze sie so rückgratlos ein, dass es mich nicht wundern würde, wenn sie irgendwann offen mit ihnen kooperieren.

Und dann heisst’s wieder: „Das hätte man doch nun wirklich nicht kommen sehen können!“. Alles nur Alibi, ich sag’s euch. Doch, das kann man vorahnen! Haben wir schon zu oft erlebt. Ich meine, ich will’s ja nicht heraufbeschwören, aber man muss eben auch mal realistisch bleiben: Wenn man nicht will, dass Geschichte sich wiederholt, dann muss man aus ihr seine Lehren ziehen, sich zumindest mit ihr beschäftigen.

Diese Hornochsen hingegen sehen für mich nicht danach aus, als hätten sie irgendwas dazugelernt und das macht die Situation eben so kritisch. Jetzt kann man natürlich sagen: „Ja schau dich doch mal um. Die Hornochsen gibt’s ja nicht nur bei uns“. Ja, klar, gibt’s die nicht nur bei uns, aber erstens mal hat man das schon öfter in der Vergangenheit gesagt und auch die Rechnung dafür kassiert und zweitens mal, denke ich, dass sich halt jeder um seine eigenen Hornochsen kümmern muss.

Is‘ ja so, oder? Die darf man halt nicht aufs bebaute Feld lassen, denn die haben kein Bewusstsein für gewachsene zivilisierte Kultur. Für die zählt nur ihr Wiederkäuermagen und der verträgt einiges. Aber was erzähl ich hier wem eigentlich? Oder gibt’s unter den Gästen dieses Blogs jemanden, der/die diese Nasen gewählt haben?

Blumentopf haben dem Thema vor Jahren übrigens einen herrlichen Track gewidmet: