Die Rache des Meeresfrüchtebuffets

Neulich habe ich einen äußerst interessanten National-Geographic-Artikel gelesen, in dem es um vom Pazifik angespülte abgetrennte menschliche Füße an den Stränden von British Columbia ging. Sie befanden sich noch in den Schuhen und vom restlichen Körper der Verunglückten fehlte jegliche Spur. In fast allen Fällen handelte es sich um Turnschuhe. Es ist ein ellenlanger Artikel, in dem erklärt wird, wie sich der Anfangsverdacht von Serienmorden in der Region durch wissenschaftliche Untersuchungen komplett auflöste und herauskam, dass es sich um die Leichenteile von vermissten handelte, die wohl beim Wandern mit explizitem Schuhwerk an den rauen Klippenlandschaften verunglückt waren. Die Wissenschaftler*innen unternahmen Versuche mit Schweinekadawern, um den verwesungsprozeß im Meer zu untersuchen und stellten fest, dass die Kadawer relativ schnell herabsanken und relativ schnell von Aaasfressern im Meer skeletiert wurden. Diese konzentrierten sich vorwiegend auf die Weichteile am Körper.
Nun kann man sich vorstellen, dass Füße, die festgeschnürt in Kunststoffgefütterten Schuhen steckten, nicht unbedingt zu den bevorzugten Mahlzeiten solchen Getiers gehörten, die verbindenden Bänder und Sehnen um das Knöchelgelenk allerdings schon. Im weiteren Verlauf sorgten dann die gasgefüllten Taschen, wie sie seit ca. einem Jahrzehnt in den Sohlen von Turnschuhen üblich sind dazu, dass der losgetrennte Fuß, samt dem Schuh, in dem er steckte nach einiger Zeit wieder auftrieb und mit der Strömung an die Küste getrieben wurde. Innerhalb von 12 Jahren wurden somit über 20 Füße in besagter Region an die Küste gespült.
Ein Satz beschäftigte mich in diesem Artikel nachhaltig. Da schreibt die Autorin Erika Engelhaupt: „Es war, als hätte sich ein Meeresfrüchte-Buffet zum Aufstand erhoben, um sich zu rächen“. Als ein Mensch, der mit Vorspeisen, Fischgerichten und Raki sozialisiert ist, bin ich dann doch beruhigt, dass nicht nur wir diese ganzen Tiere, sondern auch sie uns ab und an munter verspeisen.
https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2021/03/wieso-werden-an-der-pazifischen-nordwestkueste-so-viele-lose-fuesse.
(P.S.: Ich bin kein Fleischverfechter – ganz im Gegenteil. Ich esse sehr selten Fleisch. Wenn, dann nur zu besonderen Anlässen und auch dann besehe ich mir sehr genau, wo das Fleisch herstammt. Fisch liebe ich. Deswegen esse ich ihn etwas öfter, aber immer noch relativ selten und wenn, dann nur lokalen Fisch, der keine langen Transportwege hinter sich hat und nicht industriell gefangen wurde. Lachs esse ich zum Beispiel gar nicht mehr und Kalamari auch nicht).

Dann lief mir ein Artikel des unsäglichen Maxim Biller vor die Linse, in welchem er ein erstaunliches Werk des jüdischstämmigen Autors Victor Klemperer in die Erinnerung der Öffentlichkeit ruft. Dieser hatte es tatsächlich geschafft, die gesamt Zeit des 3. Reichs, dank der Ehe zu seiner – wohl außergewöhlich Durchsetzungsfähigen – „arischen“ Frau in Dresden zu überleben.
Das Buch ist mit „LTI“ betitelt. Ein Kürzel, dass sich sarkastisch auf die vielen Abkürzungen der Nazis bezieht und mit „Lingua Tertii Imperii“ aufgeschlüsselt wird (die Sprache des Dritten Reichs). In diesem Werk erläutert Klemperer im Deutschen etablierte Sprachbestandteile, die aber entweder direkt von den Nazis entwickelt, oder von diesen stark geprägt wurden: https://de.wikipedia.org/wiki/LTI_%E2%80%93_Notizbuch_eines_Philologen. Maxim Biller lässt es sich natürlich nicht nehmen in seiner pseudoprovokaten Art, die Sprache der bürgerlichen Opposition und der feministischen und der LGBTI-Bewegung in karikierender Form dem Vokabular der Nazis gegenüber zu stellen, was ich abgründig finde.
Dankbar bin ich ihm aber für den unfreiwilligen Pass, den ich hier gerne aufnehmen will, um wieder einmal das Thema Sprache in den Fokus zu bringen: Denn oft wird in der Diskussion um eben diese bemerkt, dass sie „sich von sicher heraus verändere“ und man es sich nicht anmassen dürfe, sie durch einen restriktiven Eingriff von außen zu korrigieren“.
Ich denke, dass diese Leute – zu denen auch die unapetitliche Wortmasturbandin Lisa Eckhard gehört – schlicht und einfach die Unwahrheit sagen. Sprache wurde von den Menschen kreiert und schon immer durch permanente Regelungen an die Herausforderungen der Zeit und auch an dominante politische Ausrichtungen angepasst. Nicht umsonst gibt es in Deutschland einen Duden und etliche Sprachwissenschaftler*innen, die sich tagein-tagaus mit der Sprache und vor allem mit der Tragfähigkeit von Begrifflichkeiten beschäftigen. Das war auch bisher nie ein Problem. Man akzeptierte im allgemein, dass bestimmte Floskeln und Begriffe „nicht mehr zeitgemäß“ sind.
Bei den neuesten Änderungsforderungen, wie z.B. beim N-Wort, dem Z-Wort, dem Gendering etc. ist das Problem nicht – so denke ich -, dass diese Änderungen in den aktuellen Diskurs aufgenommen werden. Vielmehr geht es wohl eher darum, „wer“ diese Änderungen fordert. Es könnte nämlich durchaus sein, dass aktuell die lauten Stimmen in der Gesellschaftspolitik die der Feminist*innen, der LGBTI-Szene, der Klimaaktivist*innen und der Verfechter*innen einer gleichberechtigen Diversität sind. Das könnte vielen gerade etwas unkomod erscheinen. Aber da muß man durch, liebe Schnurzipiepels. Statt sich ständig zu echauffieren und zu jammern, sollte man sich mal ein wenig solidarisch zeigen. Und – um auf das Einstiegsthema zurück zu kommen: es gibt nach wie vor noch einige Begriffe in der aktuellen Sprache, die sehr durch die Nazis geprägt sind. Es geht vor allem darum, sich nun von dieser Sprache zu verabschieden und neue Begrifflichkeiten zu finden. So habe ich mir sagen lassen, dass der für mich bevorzugt angewandte Berufsbezeichnungs des „Kulturschaffenden“ auch auf diese Liste gehört: https://www.tagesspiegel.de/politik/matthies-meint-ist-kulturschaffende-ein-nazi-wort/23108802.html.
Hier übrigens Infos zu dem Werk von Klemperer: https://de.wikipedia.org/wiki/LTI_%E2%80%93_Notizbuch_eines_Philologen. Es gibt zu dem Thema auch eine Arte-Doku:
https://www.youtube.com/watch?v=dd9Rnu3snEk.

Als letztes habe ich (man merkt, ich habe gerade viel Zeit) noch einen Talk meines Lieblings Kurt Krömer mit dem Youtuber Torsten Sträter gesehen, in der sich beide zu ihren Depressionen bekennen. Das fand ich sehr interessant. Mir geht es genau so. Aber da gehöre ich wohl gerade nicht zur Minderheit. Vielleicht gehe ich deswegen auch bald zu meinem Hausarzt David Papo aka David 58 P und lasse mir einen guten Psychiater empfehlen. Aber da sind mir Kurt Krömer und Torsten Sträter definitiv um Meilen voraus.
https://www.youtube.com/watch?v=ZxL1lJnHJNQ.

Wolfgang Thierse, bei dir läuft?

Wolfgang Thierse und seine „normalen“ Freunde.

In regelmäßigen Abständen kocht die Identitätsdebatte auf und dann wird wieder heftig diskutiert: über kriminelle Clans, Kopftücher, Gleichberechtigungsansprüche von Frauen, Minderheiten und gesellschaftlichen Gruppen, über Klo’s für das dritte Geschlecht, Feminismus, aber auch über Sprache: über genderspezifische Richtlinien, über diskriminierende Alltagssprache, Saucennamen etc..

Vor allem für konservative Sozialdemokrat*innen ist es eine anstrengende Zeit. Das Sternchen hier habe ich extra für diejenigen in der besagten politischen Gruppierung gesetzt, die das richtig ärgerlich finden. Sie verlieren an Boden und an Legitimation. Es wurde auch endlich Zeit, denn die Entwicklung bahnt sich schon seit Jahrzehnten an. Im Grunde stank es schon von Anfang an zum Himmel und die Geschichte hat recht behalten: die Sozialdemokratie ist mitlerweile im Hafen der identitären Wirtschaftsliberalität angelangt, den sie am Beginn ihrer Reise vor über einem Jahrhundert angepeilt hatte. Und wie nicht anders zu erwarten, hat sie unterwegs das einst so prächtige Enteckungsschiff beim politischen Glücksspiel verzockt. Jetzt haben sie kein Schiff mehr, mit dem sie nach neuen Ufern aufbrechen können, sitzen besoffen in der Hafenkneipe und schwadronieren altersmüde herum, während andere mit einer frischen Flotte fahrt aufnehmen.

Als Paradebeispiel eines solchen Verlierers sehe ich Wolfgang Thierse, der sich jetzt kurz vor der wohlverdienten Genossenhimmelfahrt noch ein Denkmal setzen will, in dem er gönnerisch das Land auf gemeinsame identitäre Werte einschwört und verstohlen die Arschbacken vor den Herausforderungen der Zeit zusammenkneift, indem er ein Recht auf eine toxische Mehrheitsnormalität fordert und sich besorgt über Forderungen aus benachteiligten Gesellschaftsgruppen äußert, die Augenhöhe in der Anwendung der deutschen Sprache fordern.
Ich erwarte von keinem gestandenen Genossen oder Genossin, dass er/sie todesmutig das Heft in die Hand nimmt und revolutionäre gesellschaftliche Veränderungen einfordert, das unbewährte Alte mal beiseite legt und Neues wagt, ohne ein kleinkariertes, krächzendes, halblautes „aber“ hinzuzufügen und sich wieder genau so eloquent aus der Verantwortung herauszureden, wie er oder sie hineingerutscht ist. Aber ich könnte mir schon erwarten, dass Wolfgang Thierse, als ein Vertreter des etablierten weißen Männerstandes, einfach mal still ist. Genau. Ich weiß, wir leben in einer Demokratie und er fordert offensiv und mutig das Existenzrecht der Mehrheitsgesellschaft – was einen durchaus originell bis realsatirischen Ansatz beinhaltet-, aber es zählen in einer sachlichen Auseinandersetzung die dringlichen und substantiellen Argumente – besonders in einer Demokratie. Auch wenn er einen privilegierten Pimmel hat, Bundestags- und Bundespräsident war, sollte er wissen, dass man in Dingen, die die eigene Kompetenz übersteigen durchaus mal nichts sagen und damit weit mehr für die Demokratie tun kann, als ständig irgendeinen Furz rauszulassen, nur weil man Angst vor dem Tod und dem vergessen werden hat.

Für alle Wolfgang Thierses dieser Welt gibt es eh genug Grund zur Sorge: Die Frau ist im Vormarsch und so ist es auch die Genderthematik, die globale Gleichberechtigung, Kapitalismuskritik, Kritik an Identitätspolitik, Dekolonialisierung, Klimadebatte und alle anderen Makro- und Mikrothemen, die mit alledem verbunden sind. Das wird sich sehr wohl auch in der Entwicklung der Sprache deutlich bemerkbar machen und zwar so, wie das schon immer gewesen ist. Solle er sich mal die Entwicklung der deutschen Sprache im letzten Jahrhundert mal vor Augen halten, der gute Wolfgang, dann wird er das mit Sicherheit auch selber zu bestätigen wissen.
Sprache ist nie statisch und wird immer neu ausgehandelt. Genau das passiert jetzt: wir werden knallhart debattieren und uns auch über Details und Lapalien streiten – genau so, wie seine Generation es Jahrzehnte lang getan hat und wir gelangweilt zusehen mussten. Daran ist die Welt nicht zugrunde gegangen und das wird sie auch jetzt nicht tun.
Wichtig ist nur, was unter dem Strich rauskommt und die Debatten der Gegenwart auch als relevante Debatten anerkannt werden.
Wenn Wolfgang keine Zuversicht besitzt, dass die Debatte ein Ergebnis bringen wird, dann liegt das eventuell an seiner Politikverdrossenheit und daran, dass er als ein Vertreter der weißen Mehrheitskultur einfach keine Expertise in bestimmten Themenbereichen besitzt und nie zu besitzen in der Lage sein wird. Er sollte sich sich damit abfinden. Dafür kann er nix, ich weiß – aber wir noch viel weniger! Mit großer Wahrscheinlichkeit liegt sein Problem aber auch darin, dass er den Debatten der Gegenwart nicht mehr gewachsen ist. Aber dann sollte er es einfach sein lassen. Alles beim Alten zu lassen, war noch nie eine realpolitische Option in der Weltgeschichte.
Wenn er zu müde ist für eine neue Denkprotuberanz, dann soll er sich doch in die Hängematte legen und seinen Lebensabend mit der Familie in seinem patriarchalen Idyll genießen, solange es das noch gibt.

Sorry…

P.S.: hier ein von einem Alman eloquent verfasster Artikel zu diesem Thema, für alle, die meine Auslassungen zu wütend und unangebracht finden könnten:
https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/die-identitaetspolitik-des-wolfgang-thierse-normalitaet-ist-die-cancel-culture-des-alten-weissen-mannes/26996920.html

Hier der besagte Gastbeitrag in der FAZ:
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wolfgang-thierse-wie-viel-identitaet-vertraegt-die-gesellschaft-17209407.html

RealiTVies

Biz senin gerçekleriniz
Gidersen eğer yine bekleriz
dönmek istemezsen hosçakal deriz
Ama unutma seni severiz ve çok özleriz
Sensiz ne yaparız biz
sanki

Danke danke
Aber ich habe viel zu tun
Muss ab in die Kiste um morgen lang im Bett zu ruhen
Denn ich flüchte
Vor den realen Banalitäten
Vor der großen Show
Im globalen klo

We just want to remember you, that our civilization
is in a very difficult situation
and we have a certain responsibility
to save it’s power and it’s dignity

Seninle işimiz daha bitmedi
böyle şey olmaz
hiç de hoşumuza gitmedi
kalemini al ve yaz
sorumluluklarından arındın
yanımızda olmadın
ve bizi çok ucuz sattın

Na seid doch mal realistisch.
Es geht nicht nur ums Geld,
sondern auch um die Macht
und um die ist’s gut bestellt.

Now you know how we felt
when the cathastrophy happened
now we expect from the world
that they go for the weapons.

Tabii tabii,
sorun degil ki abi.
Bizim çevremiz geniş
yoluna koyarız illaki.

Wir sind verschiedene Realitäten.
Wir sind nicht hier zum schmeicheln.
Es steht schlecht um dich,
wenn wir dich nicht mehr erreichen.

We are your realities!
We are your realities!
We are your realities!
Never say please please please!

We are your realities!
We are your realities!
We are your realities!
And we’re not here to tease!

We’ve got the media in our hands.
The whole world waits for our commands.
Hope you’re in position.
We know your brains condition
and got the dope that you need.
We’re here to feed your brain, heart and soul.
Greed keeps you deep in a big black hole.
We need more than you know,
We need more than you know,
We need more than you know,
More than you’ve ever known brother, mother, madam and mister.

Ich hab dich vermisst, entdeckt und registriert.
Du bist ein schön verziertes, auffälliges Element
in einer vehement fremden Welt
Die sich immer weiter dreht
und immer kleiner und kleiner wird.
Du bist neugeboren und schaust verklärt und verwirrt.
Wir sind die Sippschaft, die dich nun umwirbt.
Dein Konsumverhalten wird ausspioniert
und du fängst an zu kaufen,
noch vor dem Laufen.

Aman ha!
Bize sakın derdini yanma!
Dediğimi anlamadıysan
bize de kanma
çünkü kalbinde ve dilinde düşünceler tutsak olmaz.
Öyle degilmi?
Öyleyse konuş!
Ama çoğu konuşulanlar hoş ve boş.
Kanatlanmış çirkin bir kuş olmuş, ucmuş,
medya yoluyla top gibi patlamış,
Seni de bizden almış götürmüş.

We are your papa,
your mama,
your everything.
We know you till the end and from the beginning.
We tell you what to do
and we tell it all again,
keep our eyes on you baby
when you’re sparkling.

We are your realities!
We are your realities!
We are your realities!
Never say please please please!

We are your realities!
We are your realities!
We are your realities!
And we’re not here to tease!

Nicht du

Mir scheint die Sonne aus dem Arsch.
Was sucht sie dort?
Vielleicht die Macht der Sprache,
An die wir nie glauben wollen?
Auch nicht, wenn sie unsere Eingeweide schon längst fest umschlungen hält?

Wir beherrschen unser Handwerk.
Wir formulieren unser Glück.

Vorbei sind die Zeiten, als wir noch
Alte Ethnologen
Aufschlugen, um weiße Zähne in einem Dokumentationsfoto zu suchen
Und dabei fanden sie immer uns zuerst.

Doch das passte nicht
In unser Selbstbild.

Wir finden alles,
Sogar die Sonne,
Wenn es sein muß
Sogar
In unserem Arsch.

Auch nachdem wir vergaßen,
Dass wir sie einst dort verwahrten,
Weil es so sein mußte wohl…

Ich unterstehe mich,
Irgendetwas ordnen zu wollen.
So etwas würde ich nie tun.
Aber selbstredend wäre ich
Eine sehr erfolgreiche Ordnungsmacht.

Kurz zusammengefasst:
Mir geht es gut.
Ich sehe alles.
Ich habe alles zu sehen.
Ich weiss alles.
Ich habe alles zu wissen.

Sagt ja keiner was.

Aber ich habe alles zu sagen.

Und?

Verweis, Pfiff, Tumult, Knie, Blut, Fahnen, Sonderbehandlung.
Alles schreit. Sie schreien alle.
Die Welt schreit.

Ich habe zu schreien.

Nein, nicht du!

Schmachtfetzen #14: Geberiyorum – Ich krepiere

Hierbei handelt es sich um ein Gedicht des bekanntesten türkischen Dichter der Moderne „Nazim Hikmet Ran“, zu dessen wichtigsten Einflüssen Majakowski und Neruda zählten. Ich schätze, es wurde in der Zeit seines Exils in Rußland Ende 50’er geschrieben – also in der letzten Phase seines Lebens. Es ist ein schonungslos ehrliches, aber auch sehr naives Gedicht, in dem Nazim seine große Auswegslosigkeit auf bewegende Art zum Ausdruck bringt.

Nazim war ein unerschütterlicher Idealist und Sozialist. Nachdem er über 12 Jahre seines Lebens in der Türkei deswegen in Gefängnissen verbracht hatte und dort auch seine bedeutendsten Werke schrieb, entschied er sich schließlich für die Flucht ins Exil.

Was mich auf seltsame Art berührt ist sein Glaube an den Erfolg der Revolution: In diesem Lied beweint der Dichter nicht sein Schicksal und seine Einsamkeit. Er verspürt vielmehr eine große Wehmut, weil er als überzeugter Sozialist den Klassensieg in seiner Heimat und die danach folgenden idealen Zustände in seinem Land leider nicht mehr erleben werde. Es steckt ein unbändiger grundnaiver Glaube in diesem Text, die man einem Menschen, der so viele Jahre auf Grund seiner Überzeugungen eingesessen hat kaum abnehmen will. Man ginge eher von einer Ernüchterung und Abgeklärtheit aus, die oft die Opfer von jahrelanger politischer Verfolgung prägen. Wenn man sich noch dazu die Situation in der Türkei und auf der Welt heute besieht, gewinnt diese Wehmut noch zusätzlich an Dimension.

Der Text wurde in den 80’ern von dem Komponisten Ali Kocatepe in ein musikalisches Werk gefaßt und von Sadun Ersönmez arrangiert, der auch die Synthesizer auf dieser Aufnahme bedient. Levent Yüksel spielt die Cümbüs und gesungen hat die wundervolle Nükhet Duru. Die Besetzung des Hintergrundchores liest sich aber ebenfalls wie ein Gedicht: Sezen Aksu, Sertap Erener, Levent Yüksel u. v. m.

Die Umsetzung fand leider in den 80ern statt, was man auch an den poschen Synthiesounds und dem pathetischen Arrangement von Ersönmez hört. Mir gefällt daher der Remake des Ausnahmemusikers Ahmet Aslan besser, denn er fügt sich in die ursprüngliche Stimmung des Gedichtes besser ein – eine Wonne in melancholischen Zeiten.

Ich poste hier jedoch beide Versionen.

Der Originaltitel des Gedichtes, das hier vertont wurde, lautet übrigens „Günler“ („Tage“).

Geçip gitmiş günler gelin
rakı için sarhoş olun
ıslıkla bir şeyler çalın
geberiyorum kederden.

İlerdeki güzel günler
beni görmeyecek onlar
bari selam yollasınlar
geberiyorum kederden.

Başladığım bugünkü gün
yarıda kalabilirsin,
geceye varmadan yahut
çok büyük olabilirsin

Verblichene Tage, kommt
Trinkt Raki, besauft euch
Pfeift mir ein Lied
Ich krepiere an Wehmut.

Die nahenden schönen Tage
Sie werden mich nicht sehen
Grüßen könnten sie zumindest noch
Ich krepiere an Wehmut.

Tag, den ich heute frisch begann
Du kannst angebrochen bleiben
oder vielleicht auch noch sehr groß werden,
bis zum Eintritt der Nacht