Schmachtfetzen #13: Allı Durnam Bizim Ele Varırsan

Ich habe eigentlich zwei Lieblingsversionen von diesem Song, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die erste ist die modernistische Version dieses beliebten Volksliedes, das ursprünglich von Hacı Taşan und wurde von Muzaffer Sarısözen in das türkische Volksliedarchiv übernommen. Sarısözen war einer dieser unermüdlichen Musikarchivare, die in der ersten Hälfte des 20. Jhd.’s durch Anatolien gepilgert sind, auf unwegsamen Pfaden, meist sogar auf dem Eselsrücken, auf den Spuren der großen Volksbarden und der seit Generationen überlieferten Volkslieder. Sie haben Aufnahmen gemacht, haben Text- und Melodieversionen verglichen, Noten analysiert, Texte archiviert und Standardwerke zusammengestellt. Dieses unermeßliche reiche Repertoire an Songs wurde dann vor allem im türkischen Staatsradio TRT rauf und runtergespielt und wurde somit in den Siebzigern auch als Grundlage für die Entwicklung des modernen türischen Pop dankbar angenommen von Interpreten wie Baris Manco, Selda Bagcan, Cem Karaca, Mogollar, Ersen ve Dadaslar, Erkin Koray etc.. Und das sind schließlich die Namen, die auch jetzt wieder welweit auf den Plattentellern der Dj’s landen. Denn bekanntlich ist genau dieser Folk-Pop von damals neu betitelt mit „Turkish Psychedelic Rock“ und in Form von fancy Neuauflagen als Retro-Bewegung – unter anderem durch die Performances von Interpret*innen wie Altin Gün, Gaye Su Akyol und so weiter – wieder sehr Hip geworden.

Die Hipsters schreien momentan alle nach dem heißen Scheiß von damals – nicht nur aus der Türkei, sondern auch Produktionen aus Israel, Griechenland, dem gesamten Nahen Osten und den Maghreb-Staaten sind wieder sehr gefragt. Und das haben wir im Grunde, der endlosen Arbeit von Menschen wie Muzaffer Sarisözen zu verdanken, denn die haben dafür gesorgt, dass diese Lieder über die Jahrhunderte bis in die Postmoderne überdauern konnten.

Die erste Version dieses wunderbaren Songs, ist von Ruhi Su. Su war Vertreter einer neuen Riege von hochtalentierten Musikern, die im Gegensatz zu den psychedelic Rockern der Siebziger, nicht mit Wawa-Pedal und Synthesizern rumexperimentiert haben, sondern sich der Vielstimmigen Chorarbeit zugewandt haben und alte Volkslieder somit für den Chor aufgearbeitet haben, oder eben – wie in dieser Version – eine puristische Gangart bevorzugt haben mit der traditionellen Baglama und klarer Stimme. Seine Absicht war die Volksmusik als gesellschaftlichen Wert in einen neue Ära zu tragen und auch sein Stil ist politisch geprägt: Ruhi Su was ein stramm linksorientierter Aktivist mit aufrichtiger oppositioneller Haltung. Noch dazu war er armenischstämmig: seine Eltern wurden zur Zeit der Progrome gegen sein Volk 1915 umgebracht. Er landete in einem Waisenheim. Musik war seine einzige Zuflucht und wurde zu seinem expressiven Äusserungmittel:

Allı Durnam Bizim Ele Varırsan
Şeker Söyle Kaymak Söyle Bal Söyle.Gülüm Gülüm Kırıldı Kolum
Tutmuyor Elim Durnalar Hey
Ah Gülüm Gülüm Yar Gülüm Gülüm
Kız Gülüm Gülüm Durnalar HeyEğer Bizi Sual Eden Olursa
Boynu Bükük Benzi Soluk Yar Söyle
Mein roter Kranich
Wenn du in unsere Heimat kommen solltest,
Dann bestell Zucker, Sahne und HonigAch meine Rose,
Meine Hand greift nicht mehr,
Mein Arm ist gebrochen,
Ach mein rosiges Mädchen,
Ach ihr Kraniche.Mein roter Kranich,
Falls jemand nach uns fragen sollte,
Berichte von einem blassen Geliebten,
In Trauer geneigt.

Dieser Song begleitet mich seit meiner Kindheit. Eine seiner Platten, die mein Vater damals noch gekauft hat steht immer noch in meinem Regal und gehört zu den wertvollsten Dingen, die ich besitze.

Die zweite Version dieses Liedes, die Ich ebenfalls sehr gerne mag ist instrumental. Es ist eine – für seine Zeit – recht gut gelungene Jazz-Soul-Version vom Erol Pekcan Orchester. Das Saxophon wird von einem gewissen Öner Ünal gespielt:

Urlaub vom Alien

Der tägliche Kniefall vor dem Anspruch des kleinen Selbstbildes erzeugt zynischen Humor und ein zerknirschtes kreideweißes Gesicht. Umso schlechter ist die Laune jeden Morgen, denn die Konkurrenz ist groß. Das ist die größte Plage im Leben. Die Ellbogen sind gespitzt und gekrönt mit einem herrschaftlichen Gönnerlächeln. Die dunklen Witze verselbständigen sich und werden zum daily Business, bis man sich wundert, welch großes Arschloch man doch mit der Zeit geworden ist. Aber auch das nimmt man mit Humor, denn im Endeffekt sind diese Momente wie Ordensabzeichen auf der stolzen Brust des verwöhnten kleinen weißen Windelkackers, als der man eben geboren wurde, als das heilige Opfer der Tätergesellschaft, das direkt aus dem Mutterleib auf den Altar geplumpst ist.

Die Karrieresucht der Mama liegt hinter einem, wie ein Schlachtfeld und die Ignoranz des selbstverliebten Vaters glänzt wie ein Goldsaum weit weg am Horizont. Genau deswegen erstrecken sich die Einsamkeit und die Verzweiflung vor einem wie eintöniger Treipsand. Da sitzt man nun und heult rum im vollen Bewußtsein, dass man sich im Auge des Tornados der Luxuswehwehchen befindet, aber man muß es ja vor seinem eigenen kleinen ängstlichen Müllhaufen vertreten können, der in einem vor sich hin stinkt.

Da draußen merkt natürlich keiner was von dem Pipikaka-Krieg. Die Chaträume beben vor Kraftmeierei und geschickt gesetztem Szenario.

Opfer, Opfer, Opfer… Wenn man alleine nur bedenkt, was im Laufe der Jahrhunderte aus diesem hochspirituellen Wort geworden ist? Eine Selbstzuweisung in der sich Faschisten baden, wie Kleopatra in Eselsmilch, während sie ihre Krokodilstränen in speziellen Behältnissen sammeln, wie Peter Ustinov als Nero auf einer Terrasse des Kapitols während er Rom beim Brand zusieht. Wie ehrlich sind da doch die „deutschen“ Hip Hop Produzenten in Berlin-Kreuzberg, Köln-Kalk und Bielefeld-Baumheide, die den Begriff aufrichtig als Schimpfwort benutzen. Denn das ist er eigentlich.

Also ich bin lieber legal Alien auf Dauerurlaub in dem Pass von nem weißen Windelkacker.