Vorbei sind die Zeiten

Ein Archäologe und Möchtegernkommunist
Um die 50 rum
Kauft sich ein Haus in Pullach bei München
Ohne Fenster
Mitten im Winter
Es war grad so günstig
Ich frage ihn: wie hast du denn das ganze Geld verdient, um dir ein Haus in Pullach zu kaufen?
Er antwortet: mit der Archäologie
Und mit der Reperatur und dem Verkauf von historischen Motorrädern

Ich kenne den Archäologen und Möchtegernkommunisten noch aus Studienzeiten
Wir haben gemeinsam Archäologie studiert
Haben viel getrunken und Rembetiko gehört
Er hat mir immer die Texte übersetzt
Wir haben auch The Ramones und The Cramps gehört
Und Violent Femmes
Man sieht sich alle paar Jahre

Der Archäologe und Möchtegernkommunist streitet sich mit seinem Nachbarn
Den er als reiches, spiessiges Arschloch bezeichnet
Der Nachbar hat jüdischen Hintergrund
Um ihn zu reizen,
Macht er  extra viel Lärm beim Schneeschippen
Man diskriminiert sich gegenseitig
Womöglich tut es beiden gut
Es ist ein schöner Winter
Seit ein paar Jahren das erste mal wieder Schnee

Der Archäologe und Möchtegernkommunist ist ein Narzist
Hat Facebook entdeckt
Und veröffentlicht ständig Selfies
Willkürlich geschossen
Bilder von der Nacht, dem Schnee
Und von seinem Haus, ohne Fenster
Aber mit leuchtenden Weihnachtssternen stattdessen

Ich mochte den Archäologen und narzistischen Möchtegernkommunisten gut leiden
Er ist ein netter Kerl eigentlich
Ein wenig eigen
Immer aufgeblasen und rabaukig
Und immer im Konflikt mit irgendwem
Aus Prinzip
Er ist Irgendwie auch immer dem Tode nahe
Ich würde mich nicht wundern, wenn er bald aus mysteriösen Gründen stirbt

Aber ich rede mit ihm nicht mehr,
Denn er macht zynische antisemitische Witze über seinen Nachbarn
Und wenn man ihn darauf hinweist,
Dann sagt er, dass das eben sein zynischer Humor sei
Sein Art
Und dass er kein Antisemit wäre

Ich sage: sorry mein Freund. Ich habe einen Grundsatz:
Mit Leuten, die solche Witze machen, rede ich nicht
Das ist meine Haltung

Daraufhin sagt er, dass er auf seine Art von Humor nicht verzichten mag
Daraufhin sage ich: gut dann wars das
Tschüss

Der Archäologe und narzistische Möchtegernkommunist war mal ein Freund von mir

Jetzt ist er es nicht mehr

Und eigentlich ist es auch wurscht, dass er Archäologe ist

Das gespaltene Volk

Also jetzt muß ich das schon mal bemerken: wie ich das mitkriege, sehnen sich viele momentan nach einer gewissen Einheit in der Bevölkerung. Das folgere ich daraus, dass ich oft das Bedauern zu hören kriege, „das Volk sei so gespalten“. Dies ist natürlich vor allem den heftigen Kontroversen im Zuge der aktuellen Sicherheits- und Abstands-Maßnahmen rund um die Pandemie geschuldet. Die Gemüter kochen hoch und die Frage nach dem richtigen Umgang mit dem Virus führt zu ungewohnten politischen Debatten auf gesamtgesellschaftlicher Ebene, an denen sich nun auch Menschen beteiligen, die sich bisher bei politischen Debatten meist in nobler Zurückhaltung geübt haben. „Das bringt ja eh nix“ war beispielsweise ein oft angebrachtes Argument, wenn es um politische Initiative ging. Das hat sich nun drastisch geändert. Eine breite Bevölkerungsschicht ist jetzt – wohl angeheizt durch die persönliche Betroffenheit – mitten im politischen Diskurs angekommen. So viele Antikapitalist*innen und Globalisierungsgegner*innen wie jetzt, waren bisher selten im Alltag anzufinden, wenn auch leider mit ziemlich unklaren politischen Hintergründen. Kein Wunder: woher soll die politische Bildung auch kommen, wenn man sich bisher nie mit komplexen Sachverhalten beschäftigt hat? Vielen kommt daher die politische Empörung in der Nußschale á la Querdenker und Verschwörer sehr gelegen. Denn die machen es einem endlich mal leicht und bedienen das niedrige Niveau-Bedürfnis mit Mundgerechten Mythen.

Die ersten male, als ich dieses Bedauern einer fehlenden Volkseinheit wahrnahm, legte es sich tatsächlich auch ganz subtil und automatisch auf mein Gemüt, obwohl ich noch nie viel mit dem Begriff der „nationalen Einheit“ anfangen konnte. Ich glaube, es geschah aus reiner Empathie und emotionaler Anfälligkeit. Aber die Tatsache, dass auch ich einige Freund*innen an halbgare Verschwörungsideologien verloren habe, hat wohl ebenfalls mein emotionales Zentrum im Gehirn getriggert.

Nach ein paar Wochen der Irritation, des Unveständnisses hat sich jedoch ein Sicherheitsventil eingeschaltet, auf das ich mich in solchen Situation immer verlassen kann: Wut und Trotz. Jetzt werden sich einige Vertreter*innen der altbewährten deutschen Sachlichkeit, beim Lesen dieser Zeile denken: „Mmmjoaaah…weiß ja nicht, ob Wut und Trotz so gute Berater sind? Mimimi…“. Aber ich kann euch versichern: Ja! Für mich sind sie es tatsächlich! Wenn wir hier schon von Emotionen reden und es auch um eine emotionale Sache geht, dann kann man sich auf die belebende Wirkung von Wut und Trotz schon verlassen, denn sie holen einen aus der Lethargie und ermöglichen Tatkraft und Initiative. Aber einen wichtigen Nachsatz muß ich dazu anfügen – und der ist entscheidend: „solange man sich ihnen nicht ergibt!“, denn das kann gerne mal ins Desaster führen!

Das ist eine sehr wichtige Relativierung. Denn man kann den Impuls des Wutes und des Trotzes wunderbar als eine Art Zündkerze nutzen, um sich selber zu empowern, zu motivieren, die Sinne zu schärfen und innerlich zu wappnen. In der Ausführung jedoch, regiert natürlich nicht die Rasierklinge, sondern immer noch die Merkel’sche Raute! Das ist klar!

Bevor man sich also von eine*m Schwurbler-Freund, oder -Freundin trennt, muß das nüchterne Argument auf Basis einer menschlichen Empathie abgefragt werden. Und genau so bin ich auch im Rahmen meiner Gedanken zu oben genanntem Thema zu einem Resultat mit mir selbst gekommen:

„Wir leben hier in einer verfassungsrechtlich verankerten Demokratie und in einer Demokratie darf es meiner Meinung nach keinen umfassenden und einheitlichen Konsens in politischen Fragen geben. Mit so einigen Gesinnungsträgern und Spiessgesellen in diesem Land werde ich mich  bis an mein Lebensende nicht einigen!. Das steht fest! Ich glaube auch nicht an eine völkische, kulturelle, nationale, oder auch sonstwie geartete Einheit, in die sich eine ganze Bevölkerung begibt.

Es wird hoffentlich nie eine einheitliche Gesinnung geben und wir werden uns hoffentlich immer gründlich streiten. Denn der Sinn und Zweck einer Demokratie ist es nicht, eine einheitlich gesinnte Gesellschaft zu schaffen. So etwas ist eher der Wunsch von Menschen, die einer Diktatur zugeneigt sind, denn so eine Einheit muß im Gegenschluß bedeuten, dass nur eine Gesinnung akzeptiert wird und alle anderen in der Tonne landen. In einer Demokratie hingegen muß es so viele unterschiedliche Meinungen geben, wie auch nur irgend möglich.

Nur ein Konsens ist grundsätzlich unverzichtbar und auch essentiell wichtig. Es ist vielleicht sogar der einzige Konsens, dem wirklich jeder Mensch, oder zumindest eine überdimensionale Mehrheit in einer demokratischen Gesellschaftsordnung zustimmen muß: das ist die Treue zu einer demokratischen Verfassung und Grundordnung. Da müssen wir uns alle treffen, auch wenn wir uns spinnefeind sind! Denn nur die garantiert uns die verfassungsrechtlich Verankerte Menschenwürde und Freiheit.

Die demokratische Verfassung steht außer Diskussion. Insofern ist das ganze Geheule von einer „fehlenden Einheit im Volke“ einer subtil indoktrinierten, völkisch tendierten, romantischen, pseudohistorischen Vorstellung geschuldet. Auch die deutsche Einheit hat es nie gegeben und es wird sie auch hoffentlich nie geben. Die Sehnsucht nach ihr führte dieses Land und die ganze Welt schon 2 mal in die größte nationale und globale Katastrophe.

Also: immer schön streiten und dabei konstruktiv bleiben. Die völkische Einheit ist ein emotionaler Trigger, mit dem populistische Demagogen auf Bauernfang gehen. Es ist kein gesellschaftliches Ideal, das uns als Menschheit wirklich weiterbringt. So seh ich das. Weiss nicht, was Ihr dazu meint?

Während ich das alles schreibe, höre ich übrigens Count Basie in Montreux 1977. Auf Vinyl versteht sich. Welch Luxus!

Was ist schon wieder alles passiert?

Das ist passiert:

Alle sind daueraufgeregt. Das Abendland geht schon wieder unter. Ist ja auch kein Wunder: so oft wie das schon beschworen wurde!
Wirtschaft, Kultur, Existenz, Demokratie – alles im Arsch. Die Chinesen kommen. Unsere Kinder kriegen keine Bildung mehr und Angela Merkel trinkt ihr Blut im Keller des Pergamon Museums. Atilla Hildmann ist still geworden und der amerikanische Präsident wurde um die Wiederwahl betrogen. Dabei wollte er ja nur die Corporation aufheben. Ja: die amerikanische Verfassung ist nicht die der Vereinigten Staaten, sondern die einer Corporation, die Londoner Geschäftsleuten gehört. Von unserer Verfassung ganz zu schweigen, denn die ist auch nur eine Nachkriegskapitulationsvereinbarung und unsere persönliche Verfassung ist auch schon am Limit: Freundschaften entzweien sich. Die Gesellschaft ist gespalten wie noch nie. Deutsche Einheit? Keine Spur!
Die Arbeitslosigkeit steigt. Die Systemmedien sagen, das liege an der Jahreszeit. Alles Lüge! Friedrich Merz meint, alle beneiden ihn und wollen ihn deswegen zur Strafe hoch besteuern. Um das zu verhindern will er Kanzler werden. Ich kann ihn gut verstehen. Würde ich genauso machen.
Die Impfstofflieferung stockt! Was ist da los? Spahn hat’s verkackt. Von der Leyen ist „The Queen of Schadensbegrenzung“ – jetzt auf Europaniveau. Womit haben wir das verdient? Die FFP2-Masken sind zu teuer und die wenigen staatlich geförderten werden an Unbedürftige ausgeliefert. Söders Frau verdient sich daran dumm und dämlich und der Gates kommt seinem Ziel immer näher: Rekordprofite durch seine Impfstoffpatente und die Aussicht auf all die Infos, die er von uns abzapft, wenn der Chip mal in unseren Organismen sitzt.
Der eine Virologe wird geliebt und gehasst, der andere sitzt in Griechenland und meckert vor sich hin. Ein anderer hat sich vor Frust nach Thailand abgesetzt (mal schauen, ob er da mehr spass haben wird, als hier!).
Skifahren werden wir dieses Jahr wohl vergessen können. Mal sehen, wie es mit dem Familienurlaub im Sommer aussieht. Aber es gibt zumindest überall Klopapier, Fleisch, Kaffee, fossilbasierenden Treibstoff und Tote. Das sind aber nicht unbedingt mehr Tote als es sonst auch wären – im Gegensatz zu den Aussagen der Systemmedien! Ja, vielleicht ein paar mehr, aber irgendwann müssen wir Menschen uns ja mal wieder besinnen und auch den Tod in unserem Alltag akzeptieren, uns mit ihm auseinandersetzen, statt ihn immer nur zu verdrängen, oder? Ja, klar ist Tod kein richtig tolles Konzept. Keiner will sterben, aber leider sind wir Menschen sterblich. Nur weil Menschen sterben, können wir doch nicht unsere heilige Freiheit aufs Spiel setzen! Hallo – es geht um unsere „gottgegebene Freiheit“.
Wir brauchen sofort eine neue Verfassung! Gleich heute berufen wir eine verfassungsgebende Volksversammlung ein, führen einen Haka-Tanz für den Weltfrieden auf und schaffen erstmal die alte ab. Und dann sehen wir schon, was passiert. Schlimmer als jetzt kanns ja nicht mehr werden.

– Wir sind friedlich. Und das ist das wichtigste. Siehst du irgendweche Gewalttätigen?

– Von wegen- wir sind friedlicher!

– Nein, wir sind friedlicher!
Schau alles friedlich. Sogar die paar Nazis. Alle friedlich. Die sind so friedlich, dass man gleich Lust kriegt, sich mit ihnen zu unterhalten. Natürlich müssen wir uns mit denen unterhalten. Die sind auch ein Teil dieser Gesellschaft. Wenn man sie immer nur ignoriert, dann wirds nur schlimmer. Das deutsche Volk wird an den gesellschaftlichen Rand getrieben!
Dabei geht es uns nur um Frieden: Wir wollen endlich wieder Frieden mit Putin. Frieden mit Trump wäre auch schön gewesen, aber der Zug ist ja leider abgefahren. Bei Biden gilt es zu hoffen, dass er den Kriegskurs von Obama nicht wieder aufnimmt. Wenn man sich die Aussenpolitik unter Trump mal genauer besieht: Wieviele Kriege hat Trump angezettelt? Gar keine! Im Gegensatz zu Obama. Er hat Truppen abgezogen. Obama hat den Syrienkonflikt zu verantworten. Das will aber wiederum keiner wahrhaben.
Globale Konzerne verarschen uns. Sie zahlen keine Steuern und beherrschen die nationalen Budgets. Alles arbeitet nur für sie. Und was wird dagegen getan? Nichts. Und wir dürfen schuften jeden Tag. Die Kliniken werden privatisiert seit Jahren und jetzt reichen uns die Kapazitäten nicht mehr mitten in der Pandemie. Die Fachkräfte in der Bildung, im sozialen Bereich, in der Pflege, im Gesundheitswesen und wir – das Volk – wir zahlen die Rechnung!

Und das was alle nie wahrhaben wollten, wird jetzt ganz klar ersichtlich: Wie leben in einer Diktatur!

Und was kann man da jetzt dagegen tun?

Einfach mal googlen!

Zum Beispiel nach Menschen, die reelle Probleme haben:
https://wir-packens-an.info/grenzen-toeten-abschied-von-bosnien-2/https://www.mdr.de/nachrichten/osteuropa/politik/bosnien-lipa-lager-fluechtlinge-102.html

Wagner in Kufstein

Wir fahren über Kufstein nach Deutschland ein.
Ein paar Tage Venedig – 2 Wochen Toskana, das Salz noch auf der Haut, die Augen brennen leicht.

Es ist Abend. Wir haben an der Tankstelle Gurken, Tomaten und Parmesan gegessen – ohne Salz – danach Österreich passiert.

Sonniges Wetter allenthalben. An den Grenzen schaut die Polizei zwar recht streng und trägt kugelsichere Westen. Aber sonst hat man nicht den Eindruck von einer scharf gesicherten Grenze.

Aber in Kufstein wird alles anders. Der Himmel verdüstert sich. Es fängt an zu regnen.
Wir nähern uns im Schrittempo an die deutsche Grenzabsperrung.

Seit neuestem sieht es dort aus, wie am Filmset: Umgekehrte Reflektorschirme auf hohen Stativen streuen das intensive Licht der Leuchtstrahler, die in ihrem Zentrum angebracht sind.

Zwei Polizistinnen werden von ihnen angeschienen – in Kombi mit dem Unwetterhimmel und der Wolkenstimmung im Hintergrund, ein Traum an Lichtqualität. Die beiden Frauen tragen Ganzkörperuniformen, Maschinengewehre und lange, glatte blonde Haare… offen! Eine leichte Brise bringt diese grazil zum Flattern. Fast glaubt man, es wären Bühnenventilatoren aufgestellt.
Das Licht strahlt indirekt, elfengleich die Gesichter, martialisch die Körper, bis an die Zähne bewaffnet.

Ihre Blicke reichen walkürengleich heroisch in die Ferne. Sie strahlen Sorge und Zuversicht aus.
Eigentlich möchte Ich ihnen zuklatschen, so bewegend finde ich die Szene, aber dann denke ich mir: vergiss es. Das gibt nur unnötige Mißverständnisse.

Dann versinkt das Land um uns herum in tiefer Dunkelheit und der Regen setzt in all seiner Vehemenz ein.

Der Urlaub ist vorbei.
Wir sind in Deutschland.
Wir sind besorgt, jedoch zuversichtlich.

Schmachtfetzen #13: Allı Durnam Bizim Ele Varırsan

Ich habe eigentlich zwei Lieblingsversionen von diesem Song, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die erste ist die modernistische Version dieses beliebten Volksliedes, das ursprünglich von Hacı Taşan und wurde von Muzaffer Sarısözen in das türkische Volksliedarchiv übernommen. Sarısözen war einer dieser unermüdlichen Musikarchivare, die in der ersten Hälfte des 20. Jhd.’s durch Anatolien gepilgert sind, auf unwegsamen Pfaden, meist sogar auf dem Eselsrücken, auf den Spuren der großen Volksbarden und der seit Generationen überlieferten Volkslieder. Sie haben Aufnahmen gemacht, haben Text- und Melodieversionen verglichen, Noten analysiert, Texte archiviert und Standardwerke zusammengestellt. Dieses unermeßliche reiche Repertoire an Songs wurde dann vor allem im türkischen Staatsradio TRT rauf und runtergespielt und wurde somit in den Siebzigern auch als Grundlage für die Entwicklung des modernen türischen Pop dankbar angenommen von Interpreten wie Baris Manco, Selda Bagcan, Cem Karaca, Mogollar, Ersen ve Dadaslar, Erkin Koray etc.. Und das sind schließlich die Namen, die auch jetzt wieder welweit auf den Plattentellern der Dj’s landen. Denn bekanntlich ist genau dieser Folk-Pop von damals neu betitelt mit „Turkish Psychedelic Rock“ und in Form von fancy Neuauflagen als Retro-Bewegung – unter anderem durch die Performances von Interpret*innen wie Altin Gün, Gaye Su Akyol und so weiter – wieder sehr Hip geworden.

Die Hipsters schreien momentan alle nach dem heißen Scheiß von damals – nicht nur aus der Türkei, sondern auch Produktionen aus Israel, Griechenland, dem gesamten Nahen Osten und den Maghreb-Staaten sind wieder sehr gefragt. Und das haben wir im Grunde, der endlosen Arbeit von Menschen wie Muzaffer Sarisözen zu verdanken, denn die haben dafür gesorgt, dass diese Lieder über die Jahrhunderte bis in die Postmoderne überdauern konnten.

Die erste Version dieses wunderbaren Songs, ist von Ruhi Su. Su war Vertreter einer neuen Riege von hochtalentierten Musikern, die im Gegensatz zu den psychedelic Rockern der Siebziger, nicht mit Wawa-Pedal und Synthesizern rumexperimentiert haben, sondern sich der Vielstimmigen Chorarbeit zugewandt haben und alte Volkslieder somit für den Chor aufgearbeitet haben, oder eben – wie in dieser Version – eine puristische Gangart bevorzugt haben mit der traditionellen Baglama und klarer Stimme. Seine Absicht war die Volksmusik als gesellschaftlichen Wert in einen neue Ära zu tragen und auch sein Stil ist politisch geprägt: Ruhi Su was ein stramm linksorientierter Aktivist mit aufrichtiger oppositioneller Haltung. Noch dazu war er armenischstämmig: seine Eltern wurden zur Zeit der Progrome gegen sein Volk 1915 umgebracht. Er landete in einem Waisenheim. Musik war seine einzige Zuflucht und wurde zu seinem expressiven Äusserungmittel:

Allı Durnam Bizim Ele Varırsan
Şeker Söyle Kaymak Söyle Bal Söyle.Gülüm Gülüm Kırıldı Kolum
Tutmuyor Elim Durnalar Hey
Ah Gülüm Gülüm Yar Gülüm Gülüm
Kız Gülüm Gülüm Durnalar HeyEğer Bizi Sual Eden Olursa
Boynu Bükük Benzi Soluk Yar Söyle
Mein roter Kranich
Wenn du in unsere Heimat kommen solltest,
Dann bestell Zucker, Sahne und HonigAch meine Rose,
Meine Hand greift nicht mehr,
Mein Arm ist gebrochen,
Ach mein rosiges Mädchen,
Ach ihr Kraniche.Mein roter Kranich,
Falls jemand nach uns fragen sollte,
Berichte von einem blassen Geliebten,
In Trauer geneigt.

Dieser Song begleitet mich seit meiner Kindheit. Eine seiner Platten, die mein Vater damals noch gekauft hat steht immer noch in meinem Regal und gehört zu den wertvollsten Dingen, die ich besitze.

Die zweite Version dieses Liedes, die Ich ebenfalls sehr gerne mag ist instrumental. Es ist eine – für seine Zeit – recht gut gelungene Jazz-Soul-Version vom Erol Pekcan Orchester. Das Saxophon wird von einem gewissen Öner Ünal gespielt:

Urlaub vom Alien

Der tägliche Kniefall vor dem Anspruch des kleinen Selbstbildes erzeugt zynischen Humor und ein zerknirschtes kreideweißes Gesicht. Umso schlechter ist die Laune jeden Morgen, denn die Konkurrenz ist groß. Das ist die größte Plage im Leben. Die Ellbogen sind gespitzt und gekrönt mit einem herrschaftlichen Gönnerlächeln. Die dunklen Witze verselbständigen sich und werden zum daily Business, bis man sich wundert, welch großes Arschloch man doch mit der Zeit geworden ist. Aber auch das nimmt man mit Humor, denn im Endeffekt sind diese Momente wie Ordensabzeichen auf der stolzen Brust des verwöhnten kleinen weißen Windelkackers, als der man eben geboren wurde, als das heilige Opfer der Tätergesellschaft, das direkt aus dem Mutterleib auf den Altar geplumpst ist.

Die Karrieresucht der Mama liegt hinter einem, wie ein Schlachtfeld und die Ignoranz des selbstverliebten Vaters glänzt wie ein Goldsaum weit weg am Horizont. Genau deswegen erstrecken sich die Einsamkeit und die Verzweiflung vor einem wie eintöniger Treipsand. Da sitzt man nun und heult rum im vollen Bewußtsein, dass man sich im Auge des Tornados der Luxuswehwehchen befindet, aber man muß es ja vor seinem eigenen kleinen ängstlichen Müllhaufen vertreten können, der in einem vor sich hin stinkt.

Da draußen merkt natürlich keiner was von dem Pipikaka-Krieg. Die Chaträume beben vor Kraftmeierei und geschickt gesetztem Szenario.

Opfer, Opfer, Opfer… Wenn man alleine nur bedenkt, was im Laufe der Jahrhunderte aus diesem hochspirituellen Wort geworden ist? Eine Selbstzuweisung in der sich Faschisten baden, wie Kleopatra in Eselsmilch, während sie ihre Krokodilstränen in speziellen Behältnissen sammeln, wie Peter Ustinov als Nero auf einer Terrasse des Kapitols während er Rom beim Brand zusieht. Wie ehrlich sind da doch die „deutschen“ Hip Hop Produzenten in Berlin-Kreuzberg, Köln-Kalk und Bielefeld-Baumheide, die den Begriff aufrichtig als Schimpfwort benutzen. Denn das ist er eigentlich.

Also ich bin lieber legal Alien auf Dauerurlaub in dem Pass von nem weißen Windelkacker.

Diebe

Wir sind Diebe
Wir bestehlen einander
Wir stehlen

Geld
Daten
Zeit
Nerven
Leben
Herz
Seele
Würde
Organe
Land
Kinder
Frauen
Kultur
Ideen
Luft
Wasser
Lebensraum
Das Universum

Was auch immer

Das ist ja das tolle am Stehlen
Man geht immer davon aus
Dass es nicht bemerkt wird
Also kann man ja mal stehlen
Solange die Kapazitäten reichen

Ausserdem gibts ja Anwälte

Manche von uns bereuen
Manche erst kurz vor dem Tod
Aber die meisten bereuen nichts

Leckerli: Demokratischer Widerstand

Liebe Folienkartoffel*innen!

Es muss etwas passieren. So geht’s nicht weiter! Heute habe ich diese Zeitung im Bioladen in Harlaching ausliegen gesehen und ich habe den Geist der Revolution gespürt!! Ich schwöre! Die verantwortliche Initiative nennt sich Kommunikationsstelle für den demokratschen Widerstand (welch wohlklingender Name?):

Sogar mit Propagandaansprachen auf mehreren Sprachen. Ganz oben rechts in der Ecke auf der Startseite steht der Hinweis: „Für unsere Türken auf Seite 2“. Ist doch toll gemacht, oder? Das spricht die Gesellschaft in ihrer ganzen Vielfalt an. Da kann jetzt wirklich niemand mehr was sagen: von wegen rechtslastig oder rassistisch.

Könnt Ihr euch noch erinnern? Trekking auf Bali und wie Gastfreundlich die Menschen damals waren? Wir Deutschen haben das Recht darauf, uns wieder über die Gastfreundschaft anderer Völker zu freuen!

Das musste jetzt mal gesagt werden! Und deswegen müssen wir jetzt alle auf die Strasse zum protestieren. Und weil… global agierende Konzerne nicht lange fackeln und alle Vorbereitungen treffen, um uns den Chip einzupflanzen. Also: auf los Gates los!

Aber ob mit oder ohne Chip: Wir werden wieder Weltmeister! Das nur am Rande bemerkt!

Vor Jahren wurden wir zum „Personal“ der Unterklassenluxus-Wohlstandswelt einer Scheinrepublik degradiert. Nun haben wir unseren Zweitwagen schon lang verkaufen müssen und der Erstwagen ist leider ein VW gewesen. Der Pakistani von nebenan fährt aber Lancia! Schlimmer kann ein Rechtsstaat nicht versagen!

Deutschland ist am Arsch und das kann einem verständlicherweise schon den letzten Nerv rauben. An dieser Stelle nun ein passendes Zitat aus oben genanntem Medium:

„Unser größter Sieg wird das Zurückerlangen unserer liberalen Freiheitsrechte sein.
Und sollte die Regierung sie freiwillig zurückgeben, werden wir richtig gehandelt haben. Sollte die Regierung sich jedoch dauerhaft zu einem totalitären Regime wandeln, dann werden wir umso mehr gebraucht worden sein!“ (die Futurform des letzten Satzes hat sehr hohes Squirt-Potenzial finde ich!).

Monthy Phythons Flying Circus hat diesen Konflikt übrigens schon vor Jahren brilliant inszeniert:

Viele Kokosnussritter*innen treffen sich auch Woche für Woche in den großen Metropolen des Landes, um gegen die Coronamaßnahmen der Regierung zu protestieren. Während dieser Proteste wird besorgt und hochkompetent geschildert, was unseren demokratischen Grundrechten droht, wenn wir weiterhin dazu genötigt werden freiwillig Mäßigung zu üben. Die Judikative und Exekutive schränken unser Privatrecht ein und die Polizei schaut böse! Auf uns weiße privilegierte Bürger*innen! Als ob wir deren Feinde wären!

Dabei wirssen wir im Grunde doch alle ganz genau: die wollen das genauso wenig wie wir! Im Grunde ihres Herzens sind die Beamt*innen mit uns, aber sie werden von einem diktatorischen Regime dazu gezwungen. Jawohl! Schaut mal zum Beispiel nach Amerika: In Amerika sind die Demonstrierenden heilig. Da dürfen sie – vorausgesetzt natürlich sie haben die richtige Hautfarbe – schwerbewaffnet das Parlament in Michigan stürmen und den Abgeordneten mal zeigen, wie großkalibrige Waffen funktionieren.

Weiss gar nicht, worüber sich die Amerikaner*innen grade so aufregen? Das ist doch ein durch und durch demokratisches Land? Was für ein Tam Tam die machen, wegen Polizisten, die unter den schwersten Umständen verantwortungsbewusst ihren Job verrichten! Die sollten mal unsere Diktatur hier mitkriegen? Dann wüßten sie was ein unmenschliches Dasein bedeutet!

Haha! Letztens meinte tatsächlich ein Türke genau das selbe zu mir: „Ihr solltet mal in der Türkei leben, dann wüsstet ihr, was es heißt, sich nicht mehr auf seine Grundrechte verlassen zu können. Spinnt ihr denn? Ihr kriegt zumindest Grundsicherung! Uns schickt der Präsident eine Iban aufs Handy mit der Bitte um eine Spende für den Staat!“.

Der ist ja lustig, oder?! So weit kommt’s noch, dass die sich in ihrem demokratischen Anspruch mit uns messen können! Ich hab so getan, als hätt‘ ich ihn nicht verstanden. Aber lachen musst ich schon!

Wie gesagt: völlig aus dem Ruder gelaufen die Situation auf dieser Welt. Bin ja gespannt, wo das alles noch hinführt?

Schmachtfetzen #12: Tanju Okan – Öyle sarhoş olsam ki

Jetzt mal ganz sachlich betrachtet: „Dieses Lied animiert zum Trinken“. Dafür wurde es auch geschrieben, und zwar von einem Komponisten namens Bülent Şençalar. Der Text stammt aus der Feder von Güzin Gürman.

Das Bezeichnende an diesem Lied ist, dass es vom Wunsch erzählt, so betrunken zu sein, dass man allen Liebesschmerz vergisst, was sich natürlich im Endeffekt immer als Trugschluss herausstellt. Denn der Suff verstärkt – wie allseits bekannt – lediglich den Schmerz umso mehr. Das Resultat: ein wunderschönes Lied, dass auf seinen Interpreten Tanju Okan wie massgeschneidert wirkt.

Auch er gehört zu den grossen Chansonstimmen, deren Lieder auch immer ein Stückweit die Realität ihres eigenes Lebens widerspiegeln. Er war ein grosser Interpret nostalgischer, herzzereissender Lieder, die die Musik der 60er  und 70er Jahre in er Türkei massgeblich prägten. In diesen beiden Jahrzehnten spielte sich auch im weitesten Sinne die Karriere Okan’s ab. In den 80ern brach jedoch mit dem aufkommenden Arabeskstil, der den tragischen Herzschmerz in eine neue Dimension trieb und den Mainstream Pop den Hörgewohnheiten der landflüchtenden neuen urbanen Bevölkerung aus dem Osten Anatoliens anpasste eine neue Ära an. Es war die Zeit der Depression und Umstrukturierung nach dem Militärputsch im September 1980.

Die Musik Tanju Okans verblich in der Nostalgie der guten alten Zeit, in der sich noch die Strandcafés entlang der Küstenstriche Istanbuls wie Perlen an einer Kette entlangzogen und in sternenklaren Sommernächten des Marmarameeres die Karrieren von grossen Stars wie Cem Karaca, Baris Manco, Kamuran Akkor, Nese Karaböcek und all den anderen beflügelten.

Die gute alte Zeit, in der auch dieses Lied entstand, war nun unwiederbringlich abgelaufen. Wahrscheinlich verfiel Tanju Okan auch deswegen mehr und mehr der Depression und das Schicksal erfüllte auf unheilvolle Weise die Prophezeihung seines 1975 entstandenen Hits: er starb an einer Leberzyrose.

Er gehört jedoch immer noch zu den meistgeliebten Stimmen des Landes und jedesmal, wenn die ersten Takte von „Öyle Sarhos olsam ki“ ansetzt, geht ein Raunen und Seufzen durch jede Meyhane und alle Stimmen an: „Ach wäre ich doch nur sooo betrunken…“

Öyle sarhoş olsam ki
Bir an seni unutsam
Unutsam bugünleri
Yarınları unutsam


Öyle sarhoş olsam ki
Bir daha ayılmasam
Herşey bir rüya olsa
Unutarak uyansam



Seni gördüğüm günü
Sevdiğimi unutsam
Bir başka dünya bulsam
İçinde sen olmasan

Wär ich doch nur so betrunken,
so dass ich dich plötzlich vergässe,
diese Tage einfach vergässe
und auch die zukünftigen.


Wär ich doch nur so betrunken
und würde nicht mehr zu mir kommen.
Wär doch alles nur ein Traum,
aus dem ich vergessend erwachte.


Ach würde ich nur den Tag vergessen,
an dem ich dich sah.
Würde ich nur eine andere Welt finden,
in der du nicht existierst.

Bill Gates hat’s schon lange gewusst!

Ich kenne keinen Markt, der sich jemals selbst reguliert hätte. Das neoliberale Kapital investiert in Forschung und die Ausbldung von qualifiziertem Fachpersonal auf allen systemrelevanten Ebenen. Deren Job ist es unter anderem, alle Risiken durchzuspielen, die dem global dominierenden Wirtschaftssystem zwischen die Beine geraten könnten. Deswegen wundere ich mich über all diejenigen, die sich darüber wundern, dass Bill Gates bereits vor 5 Jahren die Gefahr der Pandemie angesprochen hatte. Die Gefahr der Pandemie ist im Bereich der Katastrophenszenarien gängiger Standard. Alleine in den großen Rückversicherungsgesellschaften sitzen Armadas von Wahrscheinlichkeitsspezialisten, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als solche Szenarien durchzurechnen.

Das weiss ich, weil ich als Student mal einen Job in der Postabteilung einer solchen Firma hatte. Somit kam ich beim täglichen Rundlauf durch alle Abteilungen und tatsächlich auch in alle Arbeitszimmer und ich hörte mir jeden Tag an, worüber sich diese Menschen unterhielten.

Da diese Firmen einen Haufen Geld umsetzen, können sie sich einiges leisten. Ich bin jeden Tag an original Andy Wahrhol Siebdruckserien vorbeigelaufen – in jedem Stockwerk eine andere. Mal Marilyn, mal Neuschwanstein und so. Das Mittagessen ging auf’s Haus und es wurde im „Casino“ gespeist. Das hiess: eine vegetarische und eine fleischhaltige Variante (vegan gab’s damals noch nicht) eines 3-Gänge-Menüs standen zur Auswahl. Der Koch hatte Sterne – wieviele weiss ich nicht.

Die Chefetage lebte eine grossherzig-offene Firmenpolitik vor, was mit sich brachte, dass man sich mit jedem und jeder MitarbeiterIn unterhalten konnte, egal, welchen Rang und Status man selber besass. Somit hatte ich Gelegenheit, mich in jungen Jahren als Zaungast der neoliberalen Gedankenwelt des Rückversicherungs-Establishments zuzuwenden. Risikoberechnung war das täglich Brot dieser Menschen und sie berechneten tagein-tagaus alles, was man sich nur vorstellen kann: Vulkanausbrüche, Erdbeben, Konzern- und Staatsbankrotte, Angriffe aus dem All, Meteoren, whatever…

Dass das aktuelle Pandemie-Szenario schon lange existierte, ist ja durch einschlägige Hollywoodklassiker belegt. Als Mensch neigt man dazu, sie trotzdem zu relativieren. Als Risikomanager einer Rückversicherung hat man diesen Luxus nicht.

Insofern kann ich natürlich all diejenigen gut verstehen, die hinter der ganzen Coronasache nun abertausend Verschwörungen wittern. Ich selber trau den Geheimdiensten und der Pharmaindustrie auch alles zu. Nur eines nicht: das sich alle jetzt zusammengetan haben, um uns einfachen BürgerInnen eine Pandemie vorzugaukeln. Die Arschlöcher dieser Welt mögen gewieft sein, aber sie sind immer noch Arschlöcher und verhalten sich nicht solidarisch, auch (oder erst recht) anderen Arschlöchern gegenüber nicht. Ja, manchmal schon, aber das kann sich dann sehr schnell wieder ändern. Deswegen glaube ich nicht daran, dass die globale Macht- und Wirtschaftselite bei der letzten Bilderberg-Konferenz ein globales Pandemie-Schauspiel einstudiert hat. Wobei ich nicht bezweifeln will, dass einige unter denen das nicht mal albern finden würden.

Ich will jetzt auch gar nicht über die Hintergründe der Covid-19 Pandemie spekulieren und schon gar keine Plattform für eine solche Diskussion öffnen. Was ich jedoch nur allzu gerne kundtun will, ist eine heimliche Schadenfreude, die mich überkommt, wenn ich daran denke, wie es für mich wäre, wenn ich ein Wildtier in einem Urwald, oder ein Baum, oder ein Tiefseebewohner etc. wäre. Natürlich hinkt der Vergleich, weil ich als typischer Vertreter der Spezies Mensch davon ausgehe, dass Tiere und andere Lebewesen so denken und agieren könnten, wie Menschen – und das in dem tiefsten Bewusstsein, dass dem natürlich nicht so ist.

Wir Menschen haben erstaunliche Fähigkeiten: wir können denken, eine Meinung generieren, diese von uns selbst abstrahieren, sie hinterfragen und auch relativieren, oder sogar revidieren, aber trotzdem sehen wir alles ausschliesslich aus unserer „aktuellen“ Perspektive. Das heisst, wir beziehen uns nicht nur extrem auf uns selbst, sondern sind auch noch zeitlich ziemlich eingeschränkt: wir haben meist eine „aktuelle“ Meinung. Morgen kann alles vergessen sein. Kurzum: wir machen uns gerne wichtig.

Dabei sind wir eigentlich überhaupt nicht „so“ wichtig. Ok, wir haben viel vollbracht und erstaunliches geleistet, aber das alles auch nur auf unserer eigenen Werteskala. Also sind wir faktisch gesehen aus Sicht des Universums nicht unbedingt wichtiger und nützlicher, als alles andere was dieses in seinen unendlichen Weiten beinhaltet. Für das Universum sind also unsere Werte in keinster Weise „Systemrelevant“.

Nur für uns Menschen ist das natürlich anders. Wir denken, wir sind mordswichtig für das Universum, weil wir so einzigartig sind. Ja sind wir ja auch, aber ein Baum, oder ein Haifisch ist auch einzigartig und die führen sich nicht so krass auf, wie wir. Ok ein Haifisch kann auch schon mal übertreiben, aber nach einem blutigen Biss ist die Sache im wahrsten Sinne gegessen. Da wird nicht mehr lange rumtheoretisiert und schultergeklopft. Für einen Haifisch ist das, was er da macht keine besondere Leistung. Das ist halt sein Leben. Aus basta!

Das heisst: wir haben eigentlich niemanden, der uns mindestens auf gleicher Ebene Kontra bieten könnte. Deswegen wünschen wir uns ja nichts sehnlicher, als anderen Lebensformen zu begegnen, Orks, E.T., Aliens, Marsianer, Chew Baka, Vulkanier, etc. Denn ohne universelle Herausforderung wird uns schnell langweilig. Eigentlich tritt das, was wir uns herbeisehnen auch oft ein. Aber der Wunsch nach Aliens hat sich noch nicht – zumindest nicht eindeutig genug – erfüllt. Einer anderen Phantasie, die wir ebenfalls seit Urzeiten hegen, sind wir hingegen schon dicht auf den Spuren: der ultimativen Katastrophe. Und warum das ganze? Weil uns einfach langweilig ist! Ja, is so! Wir sind die geilsten Gestalten, die uns bekannt sind, sitzen auf dem geilsten Planeten des Universums und wir sind so sehr mit uns selber beschäftigt, dass uns langweilig ist. Deswegen sind wir ständig motzig drauf und würden am liebsten einen Laserkrieg gegen Feinde aus dem All führen.

Das ist wohl auch der Grund, warum wir so unzufrieden mit der aktuellen Pandemie sind: wir Menschen brauchen es hart! So eine schleichende Pandemie, deren Auswirkungen nur durch Zahlenspekulationen zu erahnen ist, ist wie inexistent für uns. Sie ist weder Fleisch, noch Fisch. Eine Pandemie muss uns sofort ordentlich den Arsch aufreissen, damit wir sie als solche auch akzeptieren.

Und das, was in Italien, Spanien passiert? Reicht das nicht?

Nein! Wir wollen unbedingt, dass im speziellen „uns“ selber der Arsch aufgerissen wird. Wir müssen das spüren, damit wir danach bestürzt sagen können: „Das hätte sich doch nun wirklich niemand denken können“. Natürlich wollen wir das nicht vordergründig und bewusst! Aber wenn wir nicht überrollt werden, nehmen wir den ganzen Mist nicht wirklich ernst. Jetzt mal ehrlich! Also natürlich halten wir uns an die Ausgangsbeschränkungen, aber keiner weiss wirklich was Konkretes. Es herrscht eine grosse Unsicherheit vor und das führt zu Skepsis, Gemaule und Gemotze.

Unsere freiheitlichen Rechte! Unsere zivilen Errungenschaften! Unsere Meinungsfreiheit! Unsere individuellen Bedürfnisse! Das alles ist nun bedroht. Das waren wir bisher gewohnt. Dafür haben wir hart gearbeitet. Natürlich werden wir jetzt ungehalten und machen uns Sorgen!

Und tatsächlich wird die Angst und die Gefahr gerade von diversen Despoten genutzt, um Notstandserlasse durchzusetzen (da ich nicht auf Promodiss stehe, nenne ich deren Namen hier nicht – weiss eh jeder, wer gemeint ist). Klar stellt das auch eine Gefahr dar! Wie gesagt: ich traue dem System Mensch alles zu – also nicht dem Menschen an sich, sondern dem „System Mensch“ – auch, dass es künstlich Notstände schafft, um damit Notregelungen zu legitimieren, in Kauf nehmend, dass es seine eigene „menschliche“ Existenz damit aufs Spiel setzt. Mitleweile liegt der britische Premier selber auf der Intensivstation, als Opfer seiner eigenen Ignoranz. Wir wünschen ihm trotzdem gute Besserung. Er ist schliesslich auch ein Mensch. Aber ihr versteht, worauf ich hinaus will.

Aus gewisser Sicht, finde ich die Pandemie und den Einbruch der Wirtschaft deswegen gut. Jetzt ist mal Schicht im Schacht! Ja wir leiden, wir erkranken tödlich und wir sterben, wir sind hilflos…aber das ist tagtägliche Realität für mehr als die Hälfte der Menschheit. Und das  schon seit Ewigkeiten. Das sind doch auch alles Menschen, also VertreterInnen unserer Spezies? Jetzt kann es alle treffen. Auch die Queen, oder Bill Gates!

Die Massen an Hungertoten jedes Jahr. Tausende Geflüchtete, die im Mittelmeer ersaufen, oder von korrupten Schleusern, Mafiosis, Grenzposten etc. bedroht, genötigt, erpresst und wenn es sein muss abgeschlachtet werden. Es waren doch Menschen, die zu 70igst in einem Kühlwagen an der deutsch-österreichischen Grenze jämmerlich erstickten? Es sind doch auch Menschen, die in einem für 3000 Menschen zugelassenen Flüchtlingscamp auf Lesbos zu 20.000’st voller Entsetzen den unvermeidlichen Corona-Einfall erwarten, ohne ausreichende medizinische, hygienische, nahrungstechnische und sanitäre Versorgung.

Das sind doch auch Menschen? Oder etwa nicht? Also dann müssten wir ja seit Ewigkeiten ständig empört sein? Nein! Wir sind erst dann empört und entsetzt, wenn das Dach von Notredame brennt, um innerhalb von Tagen Spenden in dreistelliger Millionenhöhe zu sammeln und die Sache nach 2 Wochen wieder komplett zu vergessen. Deswegen haben wir es anscheinend auch nicht anders verdient. Vielleicht müssen wir jetzt mal unfrei werden, damit wir endlich begreifen, dass alle Freiheit nichts nützt, wenn sie nur ein Privileg ist. Privilegien sind nicht nur auf besondere Menschengruppen begrenzt, sondern auch zeitlich – wie uns jetzt wieder schmerzhaft klar wird.

Wer das nicht kapiert, der muss halt in Karantäne. So schaut’s aus! Für diejenigen, die in der freien Marktwirtschaft ihre steuerfreien Kapitalgewinne erzielen: Ihr seid Loser! Ihr könnt jetzt, wo ihr die Zeit dazu hättet nicht mal wie Onkel Dagobert in Scheinen und Münzen schwimmen, weil Bargeld auch Viren übertragen kann und deswegen auch bald abgeschafft wird. So existiert euer Vermögen im digitalen Raum. Ihr könnt euch zwar vieles kaufen, aber momentan auch nicht viel damit anfangen. Nix könnt ihr machen, genauso wie wir. Das ist Gerechtigkeit!

Deswegen wünsche ich euch allen aber trotzdem Gesundheit, Durchhaltevermögen, wirtschaftliche Beruhigung, und den Übergang in die nächste humane Bewusstseinsebene. Heult nicht um euer Vermögen. Seid froh, dass es weg ist. Es bringt eh nix. Unterschreibt stattdessen lieber folgende Petition für Grundeinkommen. Die liegt gerade auf dem Tisch des Bundestags:

https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2020/_03/_14/Petition_108191.nc.html