Der erbarmungslose Triggerfinger

Sie nippte an ihrem Strohhalm. Die Augen hatten sich zu engen Schlitzen verschmälert. Sie lies ihre langen glatten und dunkelblonden Haare mit einer routiniert rhythmischen Bewegung hin- und herwogen, sah ihn zuerst fragend an und zögerte. Dann blickte sie in ihren Drink. Sie sinnierte kurz, blickte auf, legte ihren Kopf schrög und stiess seufzend aus:

„Ich bin so etwas ähnliches wie eine Androidin. Meine Identität setzt sich aus erweiterbaren Modulen zusammen. Ich habe im Laufe meines Lebens gelernt, all meine Alltags- und Sozialisationserfahrungen wie Bausteine nach Gusto aneinanderzufügen und daraus eine mir eigene komplexe Identität zu schaffen. Das hilft mir, den Ansprüchen zu genügen, die ein Leben zwischen den Kulturlandschaften mit sich bringt. Hätte ich mich für nur eine Identität entschieden, würde ich mit Sicherheit der einen oder der anderen Forderung nicht genügen. Ich würde als Defizitär eingestuft werden und dies würde dazu führen, dass ich in keinem gesellschaftlichen Kontext wirklich ankommen könnte.
Ich beherrsche nicht nur mehrere Sprachen, sondern lebe diese Sprachen auch in ihren jeweiligen Aktualitäten und unterschiedlichen Ausprägungen. Ich kenne die Lebensrealitäten mit welchen sie konnotiert und verbunden sind. Das rührt daher, dass ich mich Zeit meines Lebens einer Außenseiterinnenrolle, oder einer Position als Gast verweigert habe. Damit verweigerte ich mich natürlich auch gleichzeitig einer mir aufobtruhierten Passivität. Ich will in allen Wahrnehmungswelten, in denen ich mich befinde am Leben teil nehmen. Das kann anstrengend sein, aber das ist nunmal ‚mein‘ Anspruch, ‚meine‘ Forderung.
Dies führt soweit, dass man – egal, wo man sich in der Welt befindet – selten eine passive Position als Gast, oder gar als Touristin einnehmen möchte. Wenn ich auf Reisen bin, bin ich ungerne Touristin. Nicht selten reise ich reise ich deswegen mit einem Auftrag. Tourismus ist – meiner Meinung nach – in seiner herkömmlichen Form als Dienstleistungsware nicht mehr Legitim“.

Er hatte Schwierigkeiten, etwas dazu zu erwidern. Er stammelte stattdessen so etwas wie: „Aber deine Heimat ist schon Syrien, oder?“. Zumindest stammt dein Name aus dem arabischen?

Sie nippte wieder an ihrem Drink und antwortete: „Ist egal, wo der Name herkommt. Glaub’s mir. Aber es ist ein schöner Name“.

Er meinte daraufhin: „Ich weiss, das darf man ja nicht mehr fragen, aber ich meine das nicht rassistisch, wirklich. Wo kommt dein Name her“.

Fatima hatte sich währenddessen schon lächelnd abgewandt und meinte: „Ich weiss es nicht“. Daraufhin nahm sie ihren Drink und wandte sich wieder ihren Freund*innen zu, mit denen sie gekommen war.

Er lächelte verunsichert zurück und blickte ihr noch einige Sekunden hinterher.

Wir sind die Anderen

Wir sind Wir.
Wir sind die Anderen.
Wir tanzen zu ungeraden Takten, wie die Fische im salzigen Meerwasser.
Sonne gerbt unsere Haut.
Wenn wir sprechen, klingen die rauhen sanften Hände unserer Mütter.
Das Lachen ist eingemeißelt in unsere faltige Haut.

Unser Großmut lässt niemanden hungern.
Wir sind oft Männer.
Dumm, übermütig und selbstverliebt besingen wir unsere Frauen in Volksweisen, Liedern, Gedichten und Epen,
oder wir bewerfen uns gegenseitig mit ihren heiligen Körpern in unseren wildesten Flüchen.

Wir sind immer auserlesen.
Wir sind niemandem ähnlich.
Wir gleichen nur uns selbst.
Unsere Sprache ist von Gott gesandt.
Unsere Kultur ist die Wiege der Menschheit.

Wir sind voller Liebe,
voller Gottesfurcht.
Wir sind der Krieg.
Wir sind der Frieden.
Wir sind die Fruchtbarkeit.

Wir sind unmündig.
Töricht.
Ungerecht.
Grausam.

Und vor allem….vergesslich.

Nur eines vergessen wir nie:
Die Anderen.
…die Unmenschen…die Ungeheuer…
…die das Blut unserer Kinder tranken.
…die unsere jungen Frauen entweihten.
…die unsere tapferen Söhne mordeten.
…die keine Heiligkeit kannten und kein Gotteshaus.
…deren Seelen verdorben waren, und immer noch sind.

Sie werden wir nie vergessen!

Doch es regt sich immer diese leise Stimme in uns.
Sie ist uns nicht sehr genehm.
Deswegen begraben wir sie wieder heuchlerisch in unserem Gewissen.
Aber sie kriecht immer wieder hartnäckig empor in der Nacht
und versperrt unsere trockenen Kehlen.

Sie fragt:
…sind wir nicht auch die Anderen?
…sind nicht wir es, die unser Land verraten?
…unsere Menschen?
…entwürdigen wir sie nicht mit unserem Hass?

…ist die Geschichte nicht unser aller Eigentum?
…genau so wie unsere Sprache?
…ist es nicht unser aller Menschlichkeit?
…unsere endlose Liebe?
…sind es nicht unsere Lieder?
…gehören sie nicht uns allen?

…und die Opfer?
…sind sie nicht unser aller Opfer?
…und auch all diese Fragen?
…gehören sie nicht uns?
…haben wir sie nicht gezeugt in patriarchalem Wahn?

Diese leise Stimme ist die Stimme
unserer Seelen
unserer Ehrlichkeit
unserer Intelligenz
unseres Gewissens
unserer Verantwortung

Sie ist die Stimme unserer Kinder

Sie wird immer lauter und sagt:
Ja, „wir“ sind diejenigen, die all dies getan haben,
all dies geschaffen haben.
Auch die Symbole,
in deren Schatten wir voranschreiten.

Auch Gott haben wir selbst erschaffen,
nur um ihm die große Verantwortung aufzubürden,
die wir selber nicht willens sind zu tragen.

„Deswegen“ richten wir die Klage immer an die Anderen.

Dabei wissen wir nur allzu gut:

Wir sind Wir…
„Wir“ sind die Anderen…

(Textintro der musikalischen Lecture Performance „Biz – Wir – εμείς“ von Costas Gianacacos und Tuncay Acar.
Nächste Aufführungen im Werkraum der Münchner Kammerspiele s. hier!)

Dimitri

Es war kurz nach Mitternacht. Im Sommer scharten sich die Besucher*innen vor dem Laden und Dimitri war gerade dabei, mit einem Besen Glasscherben vor dem Eingang wegzukehren. Plötzlich stand da wieder so ein Gaffer. Dimitri kannte dieses Gefühl nur zu gut. Er hasste es, wenn er während der Nachtarbeit im Laden von wildfremden Menschen beobachtet wurde, aber das brachte der Job eben mit sich. Es war ein ungewöhnlicher Ort, den sie geschaffen hatten, in einem Viertel, von dem man eine solche Bühne nicht erwartete. Sie hatten die glorreiche Idee gehabt, aus einem ehemaligen palästinensichen Supermarkt einen Kultort zu erschaffen. Nach anfänglichem rumgenäsele rannten die Leute ihnen die Bude ein und ergötzten sich an der neuen Undergroundlocation im Hauptbahnhoftrash.
Dimitri war die eine Hälfte des Betreiberduos, dass sich keine Betriebsleitung leisten konnte. Also machten Dimitri und Ulrich alles selber. Sie waren von früh bis spät anzutreffen und liessen ganz unelitär alles auf die Bühne, was sich halbwegs zu benehmen wußte und das kam gut an.
Der Ort weckte Neugierde. Sie hatten aus einem leeren Supermarkt eine Weggehoase geschaffen, einen Kultort mitten im mehrheitsbürgerschaftlichen „Nichts“. Also waren sie fortan die Helden all dieser Menschen, die in dieser konservativen Stadt genau solche Orte mit dem Fernrohr suchten. Genau diese Menschen projezierten jedoch schon auch mal gerne ihre privaten Sehnsüchte in Personen, die ihnen dafür geeignet erschienen.
Und da kam es eben auch oft genug vor, dass man angegafft wurde. Aber dieser Typ hier war besonders hartnäckig. Er schlich um Dimitri herum und maß ihn von oben bis unten mit achtsamem Blick. Dabei wirkte er durchgehend, als würde eine erlösende Bemerkung oder Frage jeden Moment aus dem Mund purzeln. Es geschah aber nichts.
Irgendwann hielt Dimitri es nicht mehr aus, wandte sich seinem äußerst neugierigen Gast zu und fragte ihn höflich, ob er ihm behilflich sein könne. Der Gaffer musterte ihn zunächst mit einem überheblich stoischen Blick. Dann rundete er diesen in ein kindliches Lächeln ab und fragte nach kurzem zögern: „Betreibst du diesen Laden hier?“. Dimitri antwortete, dass er nicht alleine wäre, ein ganzes Kollektiv sich die Arbeit teilte und dass dies alles sonst niemals möglich geworden wäre.
Das war nichts weiter, als eine ehrliche Antwort auf eine ehrliche Frage. Bis dahin war noch nichts aussergewöhnliches passiert. Der mystische Gast baute die Fragerunde jedoch noch weiter aus. Er betrachtete Dimitri mit wohlwollendem Blick und ließ dann in einem gemäßigten Fernsehmoderatorenton diese Salve los: „Ich weiß mehr über dich, als du dir denken kannst“.
Dimitri war damals leicht reizbar. Das lag daran, dass er meist schon tagsüber ein enormes Arbeitspensum hinter sich brachte, bis es dann in die Nachtschicht ging. Eigentlich wollte er in aller Ruhe seine Arbeit fertig kriegen und hatte überhaupt gar keinen Nerv für genau diese Sorte von Schlaumeier. Der kam ihm in seiner völlig überzogenen Arroganz genau richtig. In solchen Fällen konnte der kräftig gebaute Grieche schon mal ekelhaft werden. Nun freute er sich aber regelrecht darauf, seine aufgestauten Energien auf diesen aufgeblasenen, ahnungslosen Schnösel loszulassen. „Ach interessant!“, erwiderte er nun, indem er mit dem ausgestreckten Arm seinen Besen am Stil festhielt, „dann bin ich aber mal gespannt. Was weisst du denn so über mich?“.
Ein Schmunzeln krümmte die Lippen seines Gegenübers, das nur so triefte vor Genugtuung und Selbstzufriedenheit. Er neigte sich zu Dimitri herüber, ergriff seine Schulter, als wäre er sein Geselle und wollte ihm gerade etwas ins Ohr flüstern, als dieser seine Hand von seinem Körper streifte und ihn bat, ihm seine Mitteilung ohne Körperkontakt zu machen. Das war nämlich ein weiterer Nachteil dieser Arbeit: Man war leicht zugänglich – auch körperlich. Die Hemmschwelle der Menschen sinkt zu fortgeschrittener Stunde sehr schnell, wenn sie meinen, eine emotionale Nähe  entwickeln zu müssen – vor allem, wenn Alkohol im Spiel ist. Deswegen war Dimitri auf solcherlei gut gemeinte Körperlichkeiten geeicht.
Die brüske Art liess die vermeintlich selbstsichere Fassade leicht bröckeln. Der Abgewiesene setzte leicht zurück, aber an seiner selbstgefälligen Haltung hatte sich nichts geändert. Nun schien er etwas empört, liess aber noch einmal Gnade walten und meinte in einem anerkennenden Tonfall: „Ich weiss es. Du bist ein Sozialist! Stimmts?“
Das überforderte den guten Dimitri im übermaß. Er war tatsächlich in einer linken Familie großgeworden. Sein Vater, der Zeit seines Lebens großen Einfluß auf ihn hatte,  war aber mit der Zeit von einem revolutionären Sozialisten zu einem konservativen Sozialdemokraten mutiert, was Dimitri aus Liebe zur Familie wohlgesinnt hingenommen und ihm längst verziehen hatte. Er war tatsächlich seit früher Kindheit auf Demonstrationen auf der Straße sozialisiert worden. Seine Eltern waren aktiv in linken Vereinen. Die Internationale war sein Wiegenlied gewesen. Er hegte der politischen Linken gebenüber zwar große Sympathien, aber im Zuge seiner persönlichen Entwicklung hatte er sich irgendwann einmal dafür entschieden, sich von politischen Dogmen fernzuhalten. Darüber redete er nur sehr ungerne – wenn, dann nur in engstem Kreise.
Dimitri hatte sich im Zuge seines Existenzkampfes in Deutschland ein halbwegs zufriedenstellendes Portfolio an schauspielerischen Fähigkeiten angeeignet und nutzte jetzt die Übertreibung als Stimittel, um seinem Gegenüber das affektierte Selbstbild wegzublasen: „Sozialist? Ich? Sag mal wie kommst du denn auf so einen Scheiß? Das was ich mache hat mit Sozialismus nichts zu tun. Wenn, dann könntest du mich eventuell einen Anarchisten nennen, aber das auch nur eventuell. Ich habe mit -ismen nichts am Hut, mach hier nur meinen selbstgeschaffenen Job, weil ich keine Lust habe irgendwo angestellt zu sein. Die Sozialisten können mir mal den Buckel runterrutschen!“.
Daraufhin verzog der neugierige Gaffer sein Gesicht und legte eine betroffene Miene auf. Scheinbar hatten Dimitris Worte ins Schwarze getroffen: er hatte einem Sozi-Romantiker die Illusion zerstört. Der im Kopf geschaffene Held hatte sich schon in der ersten Szene des Films selbst in die Luft gesprengt, ohne Spannungsbogen, ohne Nervenkitzel, ohne happy End – lediglich ein Showdown und der kam viel zu früh.
Mit klagendem Ton wimmerte er nun: „Ach komm. Sozialismus ist doch gut. Was willst du denn?“
Damit hatte er Dimitris Hutschnur endgültig zum reissen gebracht. Das machte ihn agil. Er lspiegelte nun das Verhalten seines Gegenübers, schritt seinerseits um diesen herum und beobachtete ihn aufmerksam von Kopfscheitel bis zur Fußsohle, fast schon wie ein Raubtier, das vor dem letzten Todesstoß noch einmal um sein Opfer kreist: „Ohoo, du bist ja richtig getroffen, wie es scheint? Ja bist du denn ein Sozialist? Siehst gar nicht aus, wie einer.“ Er betrachtete sein gegenüber jetzt ganz genau: Markenoutdoorklamotten, Systemtextilien…mitten im Sommer…der Typ sah aus, als wäre er direkt von einer Fernreisemesse gekommen. Sowas konnte sich nicht jeder leisten, schon gar keine idealistischen Sozialisten.
Dimitri schnorrte sich einen Drehtabak von jemandem um ihn und während er anfing, sich eine zu drehen setzte er zum Vergeltungsschlag an: „Jetzt werde ich dir mal etwas über dich erzählen, mein bester. Ich weiss nämlich auch mehr über dich, als dir recht ist“, blökte er ihm ins Gesicht.
„Wieso? Was weisst du denn über mich?“ fragte dieser überrascht.
Dimitri positionierte sich in aller Ruhe vor seinem Reizobjekt und nahm behäbig seinen Besenstil in die Schlaufe seines rechten Ellenbogens. In der Zwischenzeit hatten sich ein paar Passant*innen um sie gestellt und wunderten sich über diesen sonderbaren Schlagabtausch.
Dann, nach ein paar Sekunden, die zäh dahinflossen, wie geschmolzener Stahl, zog Dimitri an seiner selbstgedrehten Zigarette und fragte mit naiv interessiertem Blick und hämischer Stimme: „Du bist Maschineningenieur, stimmts? Und du arbeitest…bei BMW? Na?“
Es machte sich eine betretene Stille breit. Der Gesichtsausdruck des Gaffers war jetzt wie eingefroren, so erstaunt war er: „Ja, das stimmt. Woher weisst du das?“. Robin Hood hatte mit seiner Menschenkenntnis den im Schwarzen steckenden Pfeil seines Widersachers mit seinem eigenen gespalten.
„Du riechst förmlich danach“, erwiderte Dimitri mit einer ruhigen Stimme, deren triumphaler unterton nicht zu überhören war. Das sorgte für Lacher bei den umstehenden. Die Selbstgefälligkeit des Gaffers war somit umgehend dahin. Allen ernstes schien er sich – als glühender Sozialist, als den er sich wohl im tiefsten seines Wesens sah – für seinen guten Job zu schämen, denn er murmelte schwer verständlich vor sich hin und es klang so, als würde er versuchen, sich dafür zu rechtfertigen.
Das schrie nach einem Knock Out! Dimitri neigte seinen Kopf in die Schräge, legte einen tiefernsten Gesichtsausdruck an und fauchte: „Mein Lieber, du kannst gerne da reingehen und dich amüsieren, dich an unserem erlesenen Bühnenprogramm erfreuen, dein Geld an unserer gut ausgestatteten Bar ausgeben, alles, was du willst kannst du hier tun, solange du dich anständig benimmst. Du bist ein gutbezahlter Maschineningenieur bei BMW. Das ist sicher nicht der schlechteste Beruf. Steh zu ihm, aber erzähl mir hier bitte keine Märchen vom Sozialismus“.
Daraufhin nahm er seinen Besen und seine Mülltüte, verstaute sie hinter der Tür und verschwand in seiner kulturellen Zwischennutzung.

Lügen und Schlafen

Je mehr man lügt, desto wertvoller wird einem wohl der lückenlose Schlaf sein – schon alleine, um die Last der Lüge zu vergessen. Denn die Lüge hat im allgemeinen einen sehr schlechten Ruf, welcher sich wiederum auf das Gemüt des*r Wissenden auswirken kann. Ich betone: „kann“, denn es gibt sicherlich Ausnahmen. Nun ist die Frage, ob es etwas Verwerfliches sei, nach einer Lüge kein schlechtes Gewissen zu haben.
Das Problem wird im wesentlichen darin liegen, dass man selber selten die Macht hat, darüber entscheiden zu können, welchem Gefühl man unterliegt, ob man sogar in der Lage sein könnte, zwischen unterschiedlichen Gemütszuständen zu wählen?
Erleichtert wird einem der Genuß der Lüge, wenn ihre Legitimation bereitsteht, wie es zum Beispiel bei Gesellschaftsspielen, oder in der Politik der Fall ist. Aber auch da könnte es vorkommen, dass das schlechte Gewissen überwiegt.
Das einzige, was zumindest streckenweise helfen kann, ist eben der Schlaf, vorausgesetzt, er geschieht lückenlos und albtraumfrei. Dies ist für viele gegenwärtig sicher schwierig zu erlangen. Das ist der krisenbelasteten Phase geschuldet, in die wir gerade hineinschlittern. Die gewissensfreie, von Herzen geäusserte Lüge und der lückenlose Schlaf sind wertvolle Güter in solch schwierigen Zeiten – vor allem in Kombination miteinander.
Das fiel mir letztens ein, nachdem ich feststellte, dass mir das kreative Lügen bei einem Brettspiel unerwarteter Weise Freude bereitete. Ich hatte keinerelei schlechtes Gewissen und empfand auch kein Mitleid diejenigen Mitspieler*innen, denen dies nicht so gut gelang. Allerdings mußte ich feststellen, dass es tatsächlich Menschen gibt, die beim Gewinnen schlechtes Gewissen haben. Ob dies jetzt daran liegt, dass in diesem Falle der Sieg mit der Lüge in direkter Relation steht, oder ob es um die allgemeine Angst des Siegers oder der Siegerin vor der isolierenden Wirkung des Siegesaktes geht, konnte ich leider noch nicht genau nachvollziehen.
Ich denke beides spielt eine Rolle, aber der Sieg, der mit einer Lüge errungen wurde, lastet wohl mit Sicherheit schwerer auf dem Herzen. Man müßte erfolgreiche Politiker*innen fragen, welche Strategien sie entwickeln konnten, um der Isolationsgefahr nach einer erfolgreich platzierten Lüge zu begegnen.
Aber im Grunde kann man die Frage in viele Bereiche der Populärkultur übertragen. Da fällt mir gerade Diego Maradona und die Hand Gottes ein…hmm muß mal nachschauen, ob es ein Statement von ihm dazu gibt…

Popopfer Winnetou

Seit der Sache mit den Rastazöpfen von Bern und dem Winnetou-Eklat ist das Thema kulturelle Aneignung plötzlich wieder ganz weit oben in der Öffentlichkeit angelangt. Die kollektive Identität der Mehrheitsgesellschaft ist eine sehr diffuse und hochsensible Angelegenheit. Da Rastazöpfe mittlerweile auch schon zum europäischen Alternativkulturgut gehören und Winnetou unser aller Jugendzimmer geziert hat, fließen natürlich gleich Tränen, wenn plötzlich ihre Legitimität hinterfragt wird. Das ist so ähnlich, wie bei einem Kleinkind, dem das Spielzeug weggenommen wird: das Resultat ist im schlimmsten Falle himmeljauchzendes Geheule. Und dieses Geheule wirkt fast schon wie eine reaktionäre Gegenoffensive der Mehrheitsgesellschaft durch die Selbststilisierung als „das größere Opfer“. Eskortiert durch einschlägige deutsche Boulevardblätter erhält diese Perspektive natürlich prompt auch wesentlich mehr öffentliche Resonanz.

Natürlich kann ich es sehr wohl verstehen, dass man nun bemüht ist, das Thema herunter zu kochen und ihm das erdrückende Gewicht nehmen zu wollen….das klingt in meinen Ohren
jedoch immer nach gutgemeintem Trost. Dieser bringt mit Verlaub leider nichts, denn die Sache ist wesentlich komplexer, als der/die VertreterIn der Mehrheitsgesellschaft es gerne hätte. Ich rate ja eher dazu, sich von falschen Versöhnungszeremoniellen zu verabschieden. Wenn, dann versöhnen wir uns, nachdem wir uns aufrichtig – und vor allem fair – gestritten haben. Es ist an der Zeit!

Als Erstes möchte ich sagen, dass ich die Popkultur als gesellschaftliches Phänomen sehr ernst nehme, denn ich weiß um ihr zerstörerisches Potential. Auch halte ich es für schwierig, sie inflationär zur Legitimierung von gesellschaftlichen Konsensprozessen zu bemühen. Denn Popkultur ist keineswegs ein neutraler Spielplatz für alle. Sie ist extrem weiß-dominiert. Deswegen hat für mich die ekklektische Habgier der „Raubritter“ – wie sich z.B. die US-amerikanische Rockband Steely Dan mal selbst genannt haben – keine Priorität.

Die Popkultur muss nicht bedient werden. Sie nimmt sich eh alles, was sie kriegen kann. Relevant für mich ist die Frage: „Was kann man sich zurückholen?“


Ich war zu Fasching stets „Cowboy“. Für mich war es normal, dass Indigene in den von mir heißgeliebten Western immer die Verlierer waren und in Massen abgeknallt wurden. Bis ich irgendwann von dem fatalen Unrecht erfuhr, dem sie zum Opfer gefallen waren. Danach waren Cowboys im Fasching für mich gegessen.

Als Kulturphänomen ist Karl May aus der deutschen Literatur leider nicht wegzudenken. Ich würde ihn trotzdem unseren Kindern nicht unkommentiert antun wollen, denn er spiegelt ein Weltbild wieder, dessen Problematik darin begründet liegt, dass wir mittlerweile – im Gegensatz zu ihm damals – die tragische Geschichte des Wilden Westens sehr gut kennen. So schön Pierre Briece auch war: Winnetou ist gesellschaftlich nicht tragbar.


Als eines der beliebten Anschauungsbeispiele zu dieser Debatte wird gerne Bob Marley herangezogen: sein Song Punky Reggae Party sei als Aufruf zum Stilmix zu verstehen, somit also auch als Legitimation für weisse Rastas. Vor allem ging es ihm aber eher um die Solidarität zwischen zwei marginalisierten Gruppen in einer postkolonialen Weltordnung. Auch hat keiner von The Clash jemals Dreadlocks getragen, denn sie waren eben Punks und sich dessen auch bewusst.


Die ideale Welt, in der wir alle gleich zu sein scheinen und gleichberechtigt kulturelle Elemente munter untereinander austauschen.
Sie hätte da vielleicht beginnen können. Aber die globale Entwicklung bis heute zeigt leider in die genau entgegengesetzte Richtung. Diese Friede, Freude, Eierkuchen-Welt ist eine Illusion geblieben, denn sie funktionierte nur für die „weltoffenen“ Whiteys. Als Drittweltmensch kannst du noch so weltoffen sein, du kriegst dafür nicht mal ein Visum.

Stattdessen hast du es mit einem Monster an ungeklärtem postkolonialen Erbe und mit äußerst rassistischen Strukturen zu tun. Und das wird noch sehr lange so anhalten. Face it! Deswegen werden Gegenforderungen jetzt direkter, härter und kompromissloser gestellt. Das heißt nicht, dass es sie vorher nicht gab. Es interessiert nur niemanden, wenn man sie nicht vehement genug einfordert.

Dass das für die VertreterInnen der Mehrheitsgesellschaft unangenehm ist, kann ich verstehen. Aber das Leben ist eben keine Schimmelrevue.

Ich würde mir nie anmaßen, weißen Dreadlocks die Bühne zu verweigern, aber ich bin auch nicht betroffen. Ich bin nicht Schwarz und habe mit Rasta-Kultur nichts zu tun. Was ich allerdings durchaus kann ist: „Empathie zu entwickeln“ und es durchaus zu verstehen, wenn Menschen die Ausschlachtung, Aneignung und Umformulierung ihrer hart erarbeiteten Gegenkultur mächtig auf den Senkel geht. Denn diese wird von der heiligen Popkultur seit jeher in leckere Donuts verarbeitet und um sie dann den unbedarften Kids einer Luxusgesellschaft feilzubieten. Die Wut, die das erzeugt, kann ich gut verstehen. Sie entspringt nicht der puren Lust an der schlechten Laune, sondern ist das Resultat von jahrhundertealtem Schmerz.

Mein Resümee ist: es wird nichts diffamiert, oder verboten. Dazu hat keiner die Macht, wir marginalisierten Gruppen der Gesellschaft schon gar nicht. Euren Winnetou nimmt euch auch so schnell niemand weg, auch wenn die Springer Presse davon überzeugt ist. Es wird lediglich versucht, auf Perspektiven der Unterprivilegierten hin zu weisen und eine Debatte anzuschieben, die von hoher gesellschaftlicher Relevanz ist. Verschobene Machtverhältnisse nur zu benennen und mit dem Finger darauf zu weisen, hilft alleine nicht. Um sie effektiv angreifen zu können braucht es mehr Solidarität und auch Demut. Wir alle müssen das weiß-dominierte Grundkonzept der Popkultur wahrnehmen und begreifen. Statt zu heulen und zu lamentieren, sollte man den „Anderen“ zuhören und sie ernst nehmen. Nur so wird Popkultur sexier für uns alle, nicht nur für euch!

Dieser Text wurde in einer etwas vereinfachteren Form am 20.09.22 als Beitrag von Tuncay Acar für den Zündfunk / Bayern 2 verfasst und gesendet. Er war als Gegenmeinung zu folgendem Beitrag des Zündfunk Redakteurs Michael Bartle verfasst worden: https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/kulturelle-aneignung-in-der-musik-100.html.

Ident Code

Du sagst: „Kein Krieg in Europa!“
Ich sag: „Kein Krieg nirgendwo!“
Du heulst der Queen hinterher und romantisierst den europäischen Adel als wichtiges Regulativ und als stärkende, identitätsstiftende Instanz an der Seite der Demokratie.
Ich denke an „Your Queen is a reptile“ von „Sons Of Kemet“:

Du sagst: „Dreadlocks, bedeutet nicht immer Rasta. Das ist der Trugschluss“.
Ich sag: „Das ist dein Trugschluss“.
Du sagst: „Winnetou darf nicht sterben“.
Ich sage: „Ich fänds super, aber dieses Monster kriegt man eh nicht tot, auch wenn Springer dir einredet, man wolle ihn verbieten“.
Du sagst: „Karl May ist deutsches Kulturgut und Winnetou ist der Held meiner Kindheit“.
Ich sage: „Karl May’s Werke sind angesichts der in ihr enthaltenen rassistischen Stereotype in der heutigen Zeit als Jugendliteratur nicht zu verantworten und müssten zumindest kommentiert werden. Ausserdem: frag mal die Apachen, wie heldenhaft sie es finden, dass du einen Apachen heldenhaft findest, von dem sie nie etwas gehört haben“.
Du sagst: „Aber das ist doch alles nur Fiktion“.
Ich sag: „Ja. Schwarze Elben sind auch Fiktion, aber die findest du nicht so cool“.
Du sagst zum zigtausendsten mal: „Ach Mensch, wo führt das ganze denn noch hin?“
Ich sag: „Es führt dich heraus aus einer verkrusteten postkolonialen Identität mitten hinein in dieses Jahrtausend“.
Du sagst: „Das ist mir alles zu woke“.
Ich sag: „Ja, anscheinend“.
Du sagst: „Schau doch in deine eigene Heimat“.
Ich sag: „Welche von all denen?“
Du sagst: „Das ist ja wie bei den Nazis damals“.
Ich sag: „Ja stimmt, es ist genauso wie bei den Nazis damals. Bei einigen hat sich leider mental und seelisch nicht viel geändert“.
Du sagst: „Seh ich aus wie ein Nazi?“
Ich sag: „Keine Ahnung? Frag nicht mich, sondern deine Eltern, oder Großeltern. Die wissen, wie Nazis aussehen“.
Du sagst: „…das du immer so persönlich werden musst“.
Ich sag: „Ich muss es nicht. Ich bin es aus Liebe zu meinem Volk“.

Loveparade

Kurz angebunden. Keine Zeit. Kurz, knackig, schnell verständlich. Wenig Worte. Stattdessen die große Geste. Einsilbige Vokabeln. Zack Zack.

Hechel, hechel. Ein stressiger Idiot zu sein und gleichzeitig extrem lässig rüberzukommen. Wer das im Griff hat, ohne einen Medienskandal zu erzeugen, der oder die hat gewonnen. Den analogen Raum nutzen für die maximale „Quality Time“ in Dubai. Sozusagen Sahnehäubchen.

Gas ist aus der Mode jetzt. „Have no fear from Atomic Energy, ‚cause non o dem can stoppa da time!“, sang schon Bob Marley. Ja! Bob Marley war Atomkraftbefürworter. Ich weiß gar nicht, warum das die FDP nicht auf dem Schirm hat? Das wär doch „der“ Marketingbrüller?

Es gibt eh nur eine Konstante im Leben: „Der Markt reguliert sich selbst“, die Politik eigentlich auch. Alles andere ist streng reglementiert und vergänglich! Aktivismus sollte immer in der Gründung eines Startups enden, denn wir haben keine Zeit mehr zu verlieren! Egal was wir machen wollen, wir brauchen die Mittel dazu. Unsere Steuern zahlen wir an globale Konzerne, also wo soll das Geld dann herkommen? Ja denk mal nach! Was bleibt denn, außer wieder die Taschen der dummen Wahlsubstanz?

Das nennt man dann Capital Venture. Das klingt nach großem Unternehmertum. Ist aber eigentlich lediglich sowas wie „Sondersteuererhebung“. Solange unter dem Radar segeln, bis der große Plan aufgeht und dann zuschnappen, wie ein Krokodil in einer Restwasserlake in der Serengeti. Schnipp Schnapp. So denkt mitlerweile nicht nur der*die Investmentbanker*in, sondern auch der*die Klimaaktivist*in

Wenn’s dann soweit ist, kannst du natürlich hergehen und ungezwungen auflabern:

Soziale Gerechtigkeit
Nachhaltigkeit
Intelligente Urbanität
Politische Bildung

So macht das Diskutieren spass. Ja, da fängt die Diskussion erst an. Bis dahin ist Maloche angesagt, oder Alltagshedonismus, oder pures Elend. Du musst dich entscheiden 3 Felder sind frei. Plopp!

Aber sieh‘ das jetzt bitte nicht als Einladung zur Loveparade nach Berlin. Dort hat diese schon lange nichts mehr zu suchen. Wir sollten sie endlich nach München holen!

https://groove.de/2022/07/11/dr-motte-eklat-bei-erfolgreicher-parade/

Die Gegenwart ist felsenfest überzeugt

Das Produkt ist darauf ausgelegt, uns zu konsumieren. Es verwertet uns auf multiplen Ebenen und macht uns selbst zu Produkten, welche wiederum ebenfalls darauf ausgelegt sind, organisches Leben zu konsumieren und die Reste als digitale Nebenprodukte auszuscheiden.

Jedes System steht und fällt mit dem Backup!

Während dessen irrt die Gegenwart felsenfest überzeugt durchs Universum.

Solange wir auf keine andere Lebensform dort draußen treffen, die wir auch nur annähernd als solche zu akzeptieren genötigt sind, sind wir He-Man. Wer den nicht kennt, der sollte ihn kennenlernen!

Denn er kommt uns gerade teuer zu stehen.

Da bin ich felsenfest überzeugt…

Deswegen muß man auch mal radikal sein können, anstrengende Menschen aus seinem Leben streichen, stattdessen Platz machen für NFT’s und Grundstücke im Digitalen. Nur dort können wir unendlich lange existieren, denn dort spielt der Tod keine Rolle…solange die grenzenlose Energiezufuhr geregelt ist.

Auch wenn man es nicht glauben mag, so reift doch aktuell in uns allen die felsenfeste Überzeugung, dass diese Problematik keine allzu lange Halbwertszeit mehr besitzt.

Die Energie, die nötig ist, um dein digitales Leben zu erhalten, kann bald aus der Zersetzung deiner organischen Biomasse generiert werden.

Man kann sich jetzt natürlich dieser Entwicklung komplett widersetzen, aber darin liegt die Zukunft, da bin ich felsenfest überzeugt.

Das Produkt ist uns hartnäckig auf den Fersen. Bald hat es uns alle zu Produktionselementen umgewandelt. Die Zukunft ist erbarmungslos unfassbar und die Gegenwart hingegen ist felsenfest überzeugt.

Titel, Thesen, Temperamente

Die Diskussion nimmt einen unglücklichen Verlauf und alle fallen aus allen Wolken, denn das können sie nun wirklich überhaupt gar nicht verstehen. Kein Wunder: verstehen kommt ja auch von Verstand. Wer nichts verstehen will, verliert irgendwann einmal den Verstand und landet immer in der selben Suppe.

Tut mir leid Schatzipatzi, da musst du jetzt selber raussurfen. Nein, ich werde den Löffel nicht anpusten, vergiss es. Sauerstoffreserven sind gerade knapp. Aber keine Sorge, igendwann kommt schon der nächste Sturm, der reisst dich dann mit und du erfährst dich wieder ganz neu! Du fängst an, Marathon zu trainieren, oder Riesensprünge auf dem Basketballplatz, oder Pilates, Yoga oder whatever.

Hauptsache ich habe meine Ruhe dann.

Rohkostsalat.

Wohlfühlbowl.

Podcast über die Seelenruhe der Skeptiker.

Die Welt liegt dir zu Füssen, nimm, was dir zusteht!

„Nein! Ich bin ein modester, aufrichtiger, nerdiger, rauchender, biertrinkender, nihilistischer Hip Hop Head mit IT-Skillz“.

Erzähl mir nichts!
Greif zu du kleiner selbstgefälliger Aasgeier.
Nutze deine Privilegien, sonst übernehm ich sie und dann wird wieder geheult…