Schmachtfetzen #14: Geberiyorum – Ich krepiere

Hierbei handelt es sich um ein Gedicht des bekanntesten türkischen Dichter der Moderne „Nazim Hikmet Ran“, zu dessen wichtigsten Einflüssen Majakowski und Neruda zählten. Ich schätze, es wurde in der Zeit seines Exils in Rußland Ende 50’er geschrieben – also in der letzten Phase seines Lebens. Es ist ein schonungslos ehrliches, aber auch sehr naives Gedicht, in dem Nazim seine große Auswegslosigkeit auf bewegende Art zum Ausdruck bringt.

Nazim war ein unerschütterlicher Idealist und Sozialist. Nachdem er über 12 Jahre seines Lebens in der Türkei deswegen in Gefängnissen verbracht hatte und dort auch seine bedeutendsten Werke schrieb, entschied er sich schließlich für die Flucht ins Exil.

Was mich auf seltsame Art berührt ist sein Glaube an den Erfolg der Revolution: In diesem Lied beweint der Dichter nicht sein Schicksal und seine Einsamkeit. Er verspürt vielmehr eine große Wehmut, weil er als überzeugter Sozialist den Klassensieg in seiner Heimat und die danach folgenden idealen Zustände in seinem Land leider nicht mehr erleben werde. Es steckt ein unbändiger grundnaiver Glaube in diesem Text, die man einem Menschen, der so viele Jahre auf Grund seiner Überzeugungen eingesessen hat kaum abnehmen will. Man ginge eher von einer Ernüchterung und Abgeklärtheit aus, die oft die Opfer von jahrelanger politischer Verfolgung prägen. Wenn man sich noch dazu die Situation in der Türkei und auf der Welt heute besieht, gewinnt diese Wehmut noch zusätzlich an Dimension.

Der Text wurde in den 80’ern von dem Komponisten Ali Kocatepe in ein musikalisches Werk gefaßt und von Sadun Ersönmez arrangiert, der auch die Synthesizer auf dieser Aufnahme bedient. Levent Yüksel spielt die Cümbüs und gesungen hat die wundervolle Nükhet Duru. Die Besetzung des Hintergrundchores liest sich aber ebenfalls wie ein Gedicht: Sezen Aksu, Sertap Erener, Levent Yüksel u. v. m.

Die Umsetzung fand leider in den 80ern statt, was man auch an den poschen Synthiesounds und dem pathetischen Arrangement von Ersönmez hört. Mir gefällt daher der Remake des Ausnahmemusikers Ahmet Aslan besser, denn er fügt sich in die ursprüngliche Stimmung des Gedichtes besser ein – eine Wonne in melancholischen Zeiten.

Ich poste hier jedoch beide Versionen.

Der Originaltitel des Gedichtes, das hier vertont wurde, lautet übrigens „Günler“ („Tage“).

Geçip gitmiş günler gelin
rakı için sarhoş olun
ıslıkla bir şeyler çalın
geberiyorum kederden.

İlerdeki güzel günler
beni görmeyecek onlar
bari selam yollasınlar
geberiyorum kederden.

Başladığım bugünkü gün
yarıda kalabilirsin,
geceye varmadan yahut
çok büyük olabilirsin

Verblichene Tage, kommt
Trinkt Raki, besauft euch
Pfeift mir ein Lied
Ich krepiere an Wehmut.

Die nahenden schönen Tage
Sie werden mich nicht sehen
Grüßen könnten sie zumindest noch
Ich krepiere an Wehmut.

Tag, den ich heute frisch begann
Du kannst angebrochen bleiben
oder vielleicht auch noch sehr groß werden,
bis zum Eintritt der Nacht

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