Das Produkt im postneoliberalen Funktionssystem und seine Wirkung auf den Eigenwert des menschlichen Wesensprinzips

Das Produkt ist ja ein Begriff, der mit dem Beginn der industriellen Wirtschaft geprägt wurde und bezeichnet die manuelle oder serielle Herstellung eines Gegenstandes, der im Idealfalle einem Verbraucher bei der Bewältigung eines privaten oder beruflichen Vorganges dienlich ist. Das Produkt wird also vom Käufer im Austausch gegen einen monetären Betrag X bezogen und benutzt, nicht wahr? So einfach ist das.
Nun kam aber schon sehr früh das Produktdesign ins Spiel, das aus alltäglichen Gebrauchsgegenständen eigenständige Organismen macht und deren Gebräuchlichkeit immer mehr zu Gunsten einer überproportionierten Suggestion von Sinn und Wert in den Hintergrund rückt. Stattdessen entfaltet das Produkt mithilfe von Design und Marketing sein eigenes Universum, in das wir eintauchen können. Im Grunde haben wir aber die Option dazu schon lange nicht mehr, denn jede Generation wird mittlerweile in eine eigene Ära von Produktwelten geboren. Wobei man natürlich auf der einen Seite auch die Leistung des Produktdesigns dankbar anerkennen muss, denn sie hat Kulte erschaffen und viel Leben in den tristen Kapitalismus gebracht.
„Produkt“ ist ein sehr entscheidender Begriff im Leben eines postmodern verwurzelten Lebewesens. Ich sage ganz bewusst nicht „Mensch“, sondern „Lebewesen“, denn die Auswirkungen dieses Phänomens machen sich nicht nur im menschlichen Leben bemerkbar.
Der Mensch macht nämlich u. a. andere Lebewesen zu Produkten – im Wesentlichen schreckt er auch nicht davor zurück, sich selbst zum Produkt zu machen, während er genau das Gegenteil behauptet. Das göttliche in seinem Wesen wird somit einem marktorientierten Gedanken geopfert und gewinnt an normativen Wertzumessungen, je mehr es sich den Vorgaben des Marktes fügt.
Vermeintlich gibt es ja ein Funktionsprinzip „Markt“, der auch nach vermeintlich naturgesetzähnlichen Grundlagen funktioniert. Solange man ihn frei walten lässt – so die allgemeine Auffassung in der politischen und wirtschaftlichen Fachwelt – kann man sich auf die selbstregulierenden Prinzipien des Marktes verlassen, denn er ist ja ein weltweit freier. Also im Grunde könnte ja theoretisch und prinzipiell jeder Weltenbürger seine Produkte ohne Einschränkungen überall anbieten und auch einkaufen, wo er mag. Dies ist im Wesentlichen das neoliberale Prinzip, das man spätestens dann verinnerlicht hat, wenn man im Einkaufswagen der Mamma sitzend an der Kasse im Supermarkt nach dem Überraschungsei schreit. Dieses Prinzip bestimmt – mehr als je zuvor –die Entwicklung des menschlich dominierten Universums.
Soweit so gut. Die Realität sieht aber anders aus. Im Grunde ist das neoliberale Prinzip nämlich völlig für‘n Arsch (mal salopp ausgedrückt). Es lebt nämlich faktisch davon, dass eine Masse an Menschen versucht, zu der Minderheit zu gehören, die die anderen so dermaßen verhanepipelt, dass alles zu spät ist. Und darin liegt eben der entscheidende Knackpunkt: Eine Masse bedeutungsloser Versager versucht – rund um die Uhr überall auf der Welt -sich in die Minderheit der gewieften Superchecker zu hieven (was rein mathematisch zur Zufriedenheit aller Teilnehmenden schwierig durchzuführen sein sollte). Sehr viele nehmen dafür jedoch viel in Kauf: Essen schlechtes Essen, nehmen ungesunde Arzneimittel und sonstige Substanzen, lassen sich schlagen, missbrauchen, demütigen, bevormunden, psychisch und körperlich versklaven, benutzen und und und…
Wir alle kennen das – das muss man ja hier nicht detailliert ausführen, nicht wahr? Darum geht es mir auch gar nicht. Mir geht es um etwas ganz anderes. Ich behaupte, dass die Menschen die selbstlose Akzeptanz von all diesem Leid nur auf sich nehmen, weil sie im Eifer, ein dominanter Teil dieses Verarschungssystems zu werden, so menschliche Werte wie Verstand und Würde völlig über Bord werfen. Als Brandbeschleuniger naht auch schon die nächste Illusion – nämlich die, dass sich eben dieses Sklavenleben im Kreise der wenigen Gewinner besser ertragen lässt. Dies ist meiner Meinung nach ein fataler Irrtum! Ich bin mir z.B. sicher, dass Alfons Schuhbeck eine depressive Heulsuse ist (zumindest schmeckt das Essen in seinem Theatro danach).
Wie kann man es sonst erklären, dass Menschen vor I-Stores in China Ausschreitungen begehen, nur weil der Verkaufsstart des neuesten I-Phones verschoben wurde? Oder Kunden in den USA sich um den ersten käuflich erwerblichen neuen Nike Air Jordan prügeln? Instinktiv will man doch dem Produkt und damit den Gewinnern im System so nahe kommen wie möglich. Genauso wie Fans ihrem Popidol immer so nahe wie möglich sein wollen. Das erklärt auch den Grund, warum all diese (vor allem weibliche) Fans von Popstars so herzzerreißend weinen: sie sind ihnen zum Anfassen nahe und wissen gleichzeitig ganz genau, dass sie in der nächsten Sekunde wieder in der Vergessenheit versinken werden. Eigentlich weinen da Millionen Egos um den verlorenen Triumph. Jedoch werden sie in diesen Momenten auch ein Stück weit Erwachsen, aber gleichzeitig verdient ihr geliebter Star und seine Agentur in diesem Moment auch das meiste Geld mit der Verzweiflung. Der Popstar ist genauso ein Produkt wie jedes andere auch. Das Produkt ist somit kein gewöhnlicher Gebrauchsgegenstand, oder ein Vehikel zum Erfolg, sondern viel mehr: Es ist das Symbol des entmenschlichten Triumphes, nämlich des Triumphes eines ganzen Funktionssystems, in dem der Mensch nur noch als benutzbares Objekt Sinn macht. Der menschliche Sinn, oder die Sinne stehen dabei in zweiter Reihe bereit – als Marketingfaktoren, zu Diensten des eben genannten Prinzips (benennen wir es einfach mal als „postneoliberales System“), dass nicht mehr für die Menschen und schon gar nicht für die Menschlichkeit arbeitet, sondern – wenn die Menschen erst mal ihre Existenz an Androiden abgegeben haben – ohne sie genauso gut, wenn nicht sogar viel besser funktioniert.
Darauf läuft es doch hinaus. Im Endeffekt dient also das Produkt nicht dem Menschen, sondern der Mensch dem Produkt. Aus basta! Is ja auch nicht so wild – man muss es ja nur klar formulieren, weisste?

Erschienen in der 14. Ausgabe des „Gaudiblatt“ (Januar 2013)
www.gaudiblatt.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *