Man wird das doch wohl noch sagen dürfen? – ein Résumée

Ja ich habe euch gesehen, wie ihr euch die Freiheit genommen habt, jeden Montag. Ihr habt euch die Freiheit genommen, eure Mäuler aufzureißen, soweit es nur ging. Ihr wart die wöchentlich regelmäßig zelebrierte kollektive deutsche Massenunzufriedenheit. Ihr wart die verkörperte Angst vor dem Krieg, vor Monsanto, vor den Politikern, vor Europa, vor dem Geld, und diese hat euch auf die Straße getrieben. Und ihr habt euch eure Läuse von den Lebern geredet. Einige von euch haben eine grundlegende Erfahrung gemacht: sie haben sich selbst erkundet, sie haben sich selbst sprechen hören und festgestellt, dass sie ja tatsächlich in der Lage sind, eine Meinung zu äußern, einen Gedanken zu formulieren! Sie haben gemerkt, dass sie ja gar nicht so klein und nichtssagend sind, wie sie sich immer empfunden haben.

 

Stinknormale Bürger

Stinknormale Bürger


Da war sie wieder: die Volksseele, die den dunklen Löchern des kleinbürgerlichen Daseins für einen Tag in der Woche entfloh. Jedes mal etwas lauter, etwas mutiger, etwas kraftvoller, so schien es. Es war gelebte Demokratie, nicht wahr? Ein Volk von bürgerlichen Angestellten, mittelständischen Unternehnmern, Arbeitern, Kommunisten, Sozialdemokraten, konservativen Eigenhaushälftenbesitzern, Kleinmechanikern, Studenten, Alternativen, Punks, Aktivisten, aber auch selbsternannten Leitkulturvertretern und Faschos, Neonazis therapierten sich selbst, redeten sich in Ekstase. Ein Volk von kleinen Seelen wurde endlich ein einziges großes Ding und alle waren dabei. Der ganze Querschnitt. Plöttzlich wart ihr wieder wer, ihr wart frei, nicht wahr? Verschwörungstheorien, Kriegsängste, Unzufriedenheit. Alles kulminierte feierlich am Montag und jeder durfte reden. Das war gelebte Freiheit! Das war doch so toll!

Aber soll ich euch was verraten, ihr naiven Montagstrottel? Einige wenige Bauernschlaue unter euch haben brav mitprotokolliert. Ja, Woche für Woche, all den Müll, der geredet wurde, all die guten Argumente, all die populären Worthülsen und Forderungen all eure so spontan und emotional geäußerten Ängste. All dies haben sie archiviert und festgehalten und fanden es sehr inspirierend und äußerst aufschlussreich, was das Volk so von sich gab. Wir leben im Informationszeitalter. Wer was erreichen will, muss Infos sammeln, wo es nur geht. Was sie protokollierten, gab ihnen einen Querschnitt eurer Gemütslage, eurer Befürchtungen, eurer Sorgen, eurer Hoffnungen. Ja das war ein realpolitischer Goldschatz, den im Prinzip nun derjenige heben konnte, der genau zugehört hatte.

Und nur nebenbei: ich verzichte völlig ungeniert auf das gendern meines Textes. Was kann ich dafür, wenn die deutsche Sprache so bescheuert aufgebaut ist, dass jedes verfickte Substantiv weiblich, männlich und sogar sachlich gekennzeichnet sein kann? Ausserdem: im Endeffekt sind es doch wieder nur zu 90 Prozent die Männer, die all die Scheiße anstellen. Also kann man sich in diesem Falle die weibliche Endung erst recht sparen.


Wie dem auch sei: Diese Protokoll-Listen mussten jetzt nur noch ausgewertet und geordnet werden und man hatte pures politisches Kapital in den Händen, das im Grunde jeder für sich werten könnte, der es nur darauf anlegte. Man musste nur schnell genug handeln. Und so geschah es, dass ein Dresdener kleinkrimineller Rechtspopulist einer von denen war, die diese Montagsslogans wohl als erster effektiv einsetzte. Ich kann es mir bildhaft vorstellen, wie er und seine Kumpels sich jeden Montag schön eifrig trafen und die Massentauglichkeit einzelner Argumente testeten, die seit Jahren schon auf besagten Veranstaltungen geäußert wurden – von Linken, von Rechten, von Konservativen, Liberalen, Alten, Jungen, Männern, Frauen, etc.. Denn das war ja das Gute an den Montagsdemos. Sie waren offen für  alle Ideologien, alle Überzeugungen, alle konnten kommen und ihr Maul aufreißen. Somit konnte man sich aus den Beiträgen eine schöne Schnittmenge von Positionen und Forderungen zusammenschustern, die einer breiten Masse der Bevölkerung aus dem Munde sprachen.

So – jetzt musste nur noch ein Titel her. In diesem zeigte sich nun glasklar, wer sich die Deutungshoheit über diese unsäglichen Montagsversammlungen gesichert hatte: „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Kurz: „PEGIDA“. Das hatte sich Ken Jebsen wohl anders vorgestellt! Hollaaaaaaaaaa! Jetzt mal ganz ehrlich: nach was klingt denn das? Nach Rassismus, Faschismus, ja sogar Nationalsozialismus? Nach allem zusammen? Alleine das Wort „Patrioten“ klingt in diesem Sinne so absurd militaristisch! Vor allem in Kombination mit dem Wort „Europäer“. So als ob Europa (schon) eine militärische Großstreitmacht wäre mit einer einheitlichen großeuropäischen Armee und wir alle wären treu dienende patriotische Soldaten.

Wenn einem nun dieser Titel sauer aufstieß, und man dies auch noch kund tat, dann wurde man auf ein „Positionspapier“ verwiesen – so nennt man die zusammengeschusterte Liste, die so wirkt als wäre sie eine Synthese von den Argumenten und Forderungen, von denen ich weiter oben sprach: „gegen TTIP“, gegen „Überwachung“, „gegen den Euro“, „gegen den Bankenwahnsinn“, „Für den Frieden“ etc. etc. etc. Diese im ersten Moment sehr legitim klingenden Forderungen wurden nun gemischt mit einigen diffus rassistischen, faschistoiden Argumenten und fertig war sie: die perfekte bürgerliche Tarnkappe für Faschodemos Landesweit. Das war dann auch offen zu sehen, an den Leuten, die an ihnen teilnahmen: Vertreter von gestandenen Naziorganisationen, gerissene Rechtspopulisten und dumpfbackige, gewaltbereite Hooligans. Neben ihnen natürlich auch jede Menge Menschen, die sich als „stinknormale Bürger“ bezeichneten. Letztere Bevölkerungsgruppe ist ja die gefährlichste, weil sie je nach Situation alles sein kann. Sie ist leicht zu manipulieren und auch populistisch sehr schnell umzudeuten. Ein leerer gesellschaftlicher Behälter, der auf Definition und Sinn wartet: „Schauen sie mich doch an, ich bin doch kein Nazi, ich bin ein stinknormaler Bürger und ich habe eigentlich nichts gegen Moslems, aber…“. Noch während er dies von sich gibt, gerät der Skinhead neben ihm ins Bild der Fernsehkamera und fertig ist der Deutungsmix: „Das sind keine Nazis. Das sind stinknormale Bürger. Der Glatzkopf mit der Reichsfahne ist auch stinknormal. Das konnte man sich lange Zeit in der Öffentlichkeit nicht erlauben, aber spätestens seitdem wir Weltmeister sind, darf man das jetzt wieder. Das ist stinknormal“. Dabei ist es meist irrelevant, was gesetzlich erlaubt ist. Eher von belang ist, was gesellschaftlich tragbar ist. Deswegen immer die Bekräftigung: „Das werde ich jetzt doch wohl mal sagen dürfen“.

Die fast schon anschuldigend geäußerte Verteidigungsformel hieß nun: „Bevor du voreilig urteilst, lies doch bitte unser POSITIONSPAPIER“. Das wundert im allgemeinen weniger, als die Tatsache, dass es relativ wenige Menschen gab, die sagten: „Nein, ich lese kein Positionspapier von Menschen, die sich als ‚Patriotische Europäer‘ bezeichnen“. Die meisten „gewissenhaften“ Demokraten lasen sich stattdessen tatsächlich brav die besagten Positionen durch und diskutierten ernsthaft mit psychopathischen Demagogen ganze Tage und Wochen lang in der virtuellen und realen Welt.

Genau diese Hornochsen waren dann so bemüht um die gleichberechtigte Gesprächsplattform, dass sie sich auf absurde Wortspiele einließen: So bekam man zu hören, dass man in der heutigen Zeit nicht mehr „Nazi“ sagen darf, sondern, wenn, dann nur von „Neonazis“ sprechen kann. Als ob Nazis eine ausgestorbene Spezies der Evolution wären, so wie die Dinosaurier. Einige waren felsenfest davon überzeugt, dass es in Deutschland keine genealogische Abfolge von Nazis bis in die heutige Zeit gibt. Er meinte also, dass Neonazis eine vollkommen neue Entwicklung der Jetztzeit seien und nichts mit den Nazis von damals zu tun hätten. So nach dem Motto: „Wir haben die Verbrechen von damals erfolgreich überwunden und verarbeitet. Jetzt sind wir freie Bürger der Bundesrepublik Deutschland und in der BRD gibt es keine Nazis mehr“. Eine Meinung, die man übrigens auch besonders gerne und oft von gestandenen Sozialdemokraten zu hören bekommt. Ein sehr beunruhigender Schritt im Sinne der Wahrung des eigenen kulturellen Selbstverständnisses!

Liebes Volk! Wir reden hier von Freiheit. Also nehmt euch die Freiheit, zu akzeptieren, dass Deutschland den Faschismus nicht mit Löffeln gefressen hat. Seid beruhigt! Faschos gibt es überall. Die Mehrzahl der Weltbevölkerung lebt in strukturell faschistischen und rassistischen Gesellschaften. Keine Angst, Deutschland ist nicht besonders schlimm, nur weil es den Krieg verloren hat. Aber akzeptiert eines: es gibt nach wie vor Nazis, gewaltbereite, straff organisierte Nazis und Nazis sind einfach Nazis. Und es gibt auch nach wie vor Nazipapas und -mammas und -omas und -opas in diesem Lande. Es gilt, das zu tun, was die Staatsmacht aus Befangenheitsgründen nicht in der Lage ist zu tun: den strategischen Druck aufrecht zu erhalten und ihre Handlungsspielräume zu reduzieren.

Leider habe ich nicht die Freiheit, zu sagen: „Lieber Staat, wenn deine Institutionen nicht in der Lage und auch offensichtlich nicht Willens sind, unsere Freiheit, unsere Leben, unsere Gesellschaft vor gefährlichen Faschisten zu schützen, dann kriegst du meinen Steueranteil nicht“. Nein, die Freiheit habe ich nicht. Aber ich habe die Freiheit (oder die Pflicht?) das Positionspapier der PEGIDA zu lesen und zu akzeptieren, dass das alles stinknormale Bürger sind, die nix gegen syrische Flüchtlinge haben, solange sie sich bald wieder verziehen, aber gegen Langzeitmigranten, wie Zigeuner und Afrikaner schon, bla bla bla bla.

Das ist schon so ne Sache mit der Freiheit!

Ahoi.

Veröffentlícht im Juni 2015 im Gaudiblatt Nr. 21
http://issuu.com/84ghz/docs/gaudiblatt-21/1?e=1387353/12808314

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