Heimat Nr. ?

Melenagzi/Akcakoca

Heimat ist das Bedürfnis der Rückbesinnung auf die ursprünglichen Werte. Vor allem jetzt, in einer Zeit, in der die Postmoderne – die innere Entfremdung – ordentlich zugeschlagen haben und das Leben auch immer ein Stück Terror wird. Das Resultat? Wir sehnen uns zurück nach der ersten Kugel Eis unseres Lebens, nach dem Geschmack der Paprikawurscht von damals, als die Mama noch das Frühstück gemacht hat, nach unserem Nintendo, Atari, etc. Altes Vinyl ist zum Beispiel der König der ewigen Heimat. Wenn man nach dem Motto „Home is where the heart is“ geht, dann sollte die Frage nach der Heimat doch eigentlich sehr leicht zu beantworten sein! Nur: wo ist mein Herz denn gerade überall?

Wie auch immer: wenn die Heimat auftaucht, dann überfällt uns meist ein sehr tiefes Gefühl, das uns sogleich vom hier und jetzt entfernt und woanders eintauchen lässt, in eine andere Empfindungswelt, in einen alles mitsichreissenden Strom der ewigen Sehnsucht, dem man – auf kurz oder lang – völlig ausgeliefert ist. Soweit zumindest meine Erfahrung!

Wenn ich hier in München an einem sonnigen Frühlingstag aus dem Haus gehe und mir bläst eine frische Brise ins Gesicht, mit diesem spezifischen Geruch von klarer Kälte, dann ist das z.B. so ein Moment. Da denke ich dann….genau: an die westliche Schwarzmeerküste der Türkei, wo ich die ersten vier Jahre meines Lebens verbracht habe, an dieses kleine Fischerdorf direkt an der Mündung eines kleinen Flüßchens, wo damals das klapprige Holzhaus meiner Großeltern noch stand, auf einem kleinen Grundstück mit einem ungepflegen Garten, direkt an der Küstenstrasse, leicht erhoben über dem Sandstrand mit meterhoch schäumenden Wellen und wenn die Kühe nicht gewesen wären, die sich unter der Frühlingssonne auf dem Sand herumfläzten, dann hätte man sich in manchen Momenten fast auf Hawaii denken können, aber damals hatte ich ja noch keine Ahnung von Hawaii.

Dann gibt es noch die unmittelbare Heimat: das gute bayerische Bier, Brezn, den englischen Garten, hübsche Schickies, Frisbees, die Express Brass Band und so weiter. Das Olympiagelände und Milbertshofen, wo ich aufgewachsen bin. Das BMW-Werk in dem mein Papa und meine Mama jahrelang gearbeitet haben. Wie sie immer total geschafft von der Schicht heimkamen und sich über die Hackordnung am Fliessband und die blöden Sprüche der Vorarbeiter geärgert haben.

Heimat Nr. 3 ist die Musik, der Funk, der Rhythmus, Yoruba, das Spirituelle Ritual der handgemachten Musik, Jazz, Kraut, Embryo, die wahren Hippies, die nie aussterben werden und alles, was sie uns geschenkt haben.

Heimat Nr. 4 ist der urbane Dschungel, das „immer schneller“, die Beats, die dir um die Ohren pfeifen und sich mit dem Lärm der Großstadt mischen. Das universell urbane, dass überall gleich zu sein scheint und doch immer ganz anders ist, Istanbul – München.

Heimat Nr. 5 ist die ewige Opposition, Graffitti, Che Guevara, das immer dagegen sein, das gegen den Strom schwimmen, das sich die Unabhängigkeit bewahren, die Rebellion, das nicht schweigen.

Heimat Nr. 6 ist die Antike und auch der Neoklassizismus…

Heimat Nr. 7, Nr. 8, Nr. ?

Veröffentlicht im curt Magazin Nr. 78, Sommer 2014: http://www.curt.de/muenchen/curt-magazin-78-heimat/

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