Offener Brief an das bayerischen Hochkultur

guten tag

mein name ist triptonious coltrane

meines zeichens musiker, künstler, kulturschaffender in münchen.

ich habe gerade diesen wirklich spannenden artikel gelesen:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/intendant-kusej-fuer-mehr-migranten-im-theater-leiden-und-lernen-1.1315414

dieser berührt ein thema, dass mir schon seit langem auf der seele brennt (vor allem als münchner), deswegen schreibe ich diese email. ich hoffe sie erreicht auch herrn kusej!

ich selber bin zwar kein theatermensch, aber ich kenne sehr viele – vor allem mit migrationsvordergrund

letztens habe ich mich zu einer anfrage für ein stadtprojekt der münchner kammerspiele öffentlich auf meinem blog (www.triptown.de) und über meinen newsletter geäussert, der immerhin knapp 700 leute fasst und auch meine über die jahre gesammelten pressekontakte beinhaltet

ich habe mich sehr impulsiv und auch rücksichtslos geäussert und damit auch sicher einige menschen verärgert, aber ich denke, es ist an der zeit, da mal was zu unternehmen. der ignoranz, der ich mich bisher besonders im deutschen kulturbetrieb ausgesetzt gefühlt habe, entgegne ich nun nach jahren der bescheidenen zurückhaltung auch einmal mit harschen worten. aber glauben sie mir: es ist nur gut gemeint. gut für uns alle. denn wenn keiner keinem weh tut, dann passiert nix und ich sags ganz ehrlich: mir machts gerade richtig spass!

ich kann mir nicht mehr mit ansehen, wie „bioeuropäische“ theatermacher ein stadtprojekt nach dem anderen im münchner bahnhofsviertel durchführen, sich ein stück nach dem anderen vom grossen förderkuchen im namen der integration und der brisanz der migrationsthematik abholen und diese projekte immer nur in zirkeln der hermetischen hochkultur kursieren und auch dort entwickelt werden. der fokus bleibt auf die perspektive dieser kreise gerichtet und dreht sich dort im kreis. die sicht aus der perspektive der „anderen“ kulturellen segmente der gesellschaft, die das stück ja eigentlich thematisiert, bleibt notgedrungen im hintertreffen.

auch empfinde ich immer dieses ungute gefühl des ewig fremden beobachters, wenn ich in münchen im theater sitze. ich habe nie das gefühl, ich bin ein teil dieser wundervollen kultur. genauso regt es mich auf, wenn biodeutsche mit der verhaltenheit des fremden durch das bahnhofsviertel laufen und eine gastfreundliche anleitung erwarten – so als ob sie hier nicht in ihrem eigenen land wären.

dieses gefühl des fremdseins kann man nur überwinden, wenn vertreter der jeweils „anderen“ kulturwelt platz im vermeintlich „unseren“ findet: als deutscher/e im bahnhofsviertel, oder als migrantischstämmiger im theater, in positionen von regisseurInnen, schauspielerInnen, dramatourgInnen und auch intendantInnen.

mir ist klar, dass man das nicht einfach so erwarten kann. ich will auch keine quote. ich und meinesgleichen wollen und müssen sich diese positionen erkämpfen, für all die talentierten menschen, die jetzt nur darauf warten, dass sie endlich mal auf grossen bühnen und mit odentlichem budget loslegen können, ohne ihre nachnamen elegant dem generellen kulturellen hochwohlempfinden anpassen zu müssen. diese diskussion wird auf uns alle zukommen und ist wichtiger denn je!

wir fordern deswegen wiederholt eine reihe von öffentlichen veranstaltungen, podiumsdiskussionen, theaterprojekten etc., in denen die vorhandenen kommunikationsmauern mal gesprengt werden und wir uns endlich frei von überheblichkeitsbarrieren und auf augenhöhe miteinander auseinandersetzen.

hier die links zu meinem blog, die dieses thema behandeln (bitte auch die kommentare lesen) :

http://blog.triptown.de/?p=566
http://blog.triptown.de/?p=582

den worten müssen nun taten folgen

wir – eine gruppe von münchner künstlern, regisseuren, schauspielern, philosophen etc. – arbeiten gerade an einem stadtprojekt.

mit dabei sind (nach dem aktuellen stand der dinge):
karnik gregorian
bülent kullukcu
emre akal
berivan kaya
tunay önder
sebahat ünal
kuros yalpani
simone egger
tuncay acar
federico sanchez

wir wollen eine öffentliche podiumsdiskussion zu der thematik, an der vertreter der grossen theaterhäuser in münchen teilnehmen und wir unser projekt vorstellen können, für das wir noch eine förderung suchen.

wir hoffen diese message erreicht diejenigen, die sie erreichen soll! deswegen: gerne weiterreichen!

gruss

triptonious

2 Gedanken zu “Offener Brief an das bayerischen Hochkultur

  1. Ich bin der Meinung dass, das wieder so ein versnobter Multikulti-Versteher, profilierungssüchtiger, selbstgerechter scheiß ist!
    Die Snobelite soll sich gefälligst was anderes suchen worauf sie sich einen runterholen kann!!!

  2. Danke Tuncay, Du sprichst mir mit Deinen kommentierenden Artikeln zur Münchner Kulturpolitik aus der Seele.

    Dieser Artikel (von der SZ) macht wieder genau das, was im Kern des Problems der sogenannten Migrationsdebatte steht: wer wird als „Migrant“ bzw Person mit Migrationshintergrund gesehen, dargestellt und behandelt.

    Nach der Definition eines Migrationshintergrunds, habe ich diesen ja auch offiziell- obwohl ich über 30 Jahre lang gut ohne einen solchen ausgekommen bin (für mich ist er das I-Tüpfelchen auf einen nun schriftlich bestätigten Markierung als „fremd (im eigenen Land)“). Diese schriftliche Festlegung dieses MIgrationshintergrunds hat bei mir den Effekt gehabt, dass die Diskussion dass ich doch eigentlich „Münchnerin“ bin, noch sicherer verloren ist. Denn das beste was ich erhoffen kann ist nun eine „mit Migrationshintergrund“ zu sein— im Gegensatz zu was? Einer „echten“?

    Wenn dann ein Österreicher in München sich für mehr Öffnung und Zusammenarbeit mit Migranten an Theatern in der SZ äussert – frag ich mich wer gemeint ist. Eindeutig wird das ja, wenn er irgendwie- und vielleicht auch nicht immer -als „Nicht-Migrant“ wahrgenommen wird. Dass es so ist zeigt ist aber sehr bezeichnend dafür, wie einseitig diese Identitätszuweisung wirkt.
    (Nix gegen Österreich, oder Österreicher, die an deutschen Bühnen arbeiten– wirklich nicht. Mir geht’s hier um einen automatisierten Gebrauch der Begriffe Migration/Migrationshintergrund, durch den sie exklusiver werden, als die offizielle Definition. Und dadurch leider ganz konkret definieren wie wir identifiziert werden )

    Und ich ärgere mich, dass ich dies so intus habe. Denn warum sollte ich mich als Münchnerin denn davon überhaupt angesprochen fühlen? Ach ja, da war doch was– der offensichtliche Migrationshintergrund einer kulturschaffenden Münchnerin, den ich leider nicht ablegen kann. Ich habe gelernt mich in dieser Position zu sehen- wenn auch widerwillig. Gleichzeitig verfolgt mich der Druck mich selbst in dieser Gesellschaft so zu sehen– (und implizit mich auch dementsprechend zu benehmen?) — seit ich das erste Mal als eigenständige Person mit einer deutschen Institution (ausserhalb der Familie) konfrontiert war (ich meine hier einen Münchner Kindergarten).

    Endlich auf Augenhöhe kommunizieren können, und nicht immer irgendwas fremden erklären oder übersetzen zu müssen, das wäre wirklich mal was!

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