Eigentlich ist jeder von uns mindestens zwei

#metwo?

Ja verdammt! Seit Jahrzehnten bin ich mindestens two. Seit ich mich kenne empfinde ich das eigentlich so. Two, three, four und auch mehr: Georgier, Türke, Deutscher, Bayer, Münchner, Milbertshofener, Europäer, Istanbuler, Asiate, Bosporus-Asiate, Musiker, Percussionist, Sänger, Straßenmensch, Künstler, Graffitiartist, Archäologe, Kulturaktivist, Küstenmensch, Fischer, und und und. Warum so viele? Weil ich mich schnell identifizieren kann mit einer neuen Lebensform, einer neuen Sprache, einem neuen Rhythmus, einer neuen Melodie, einem neuen Gefühl. Jedes sinnliche und geistige Element im Leben birgt eine Neue Identität in sich. Für mich ist das nichts Besonderes, auch nichts Neues. Im Grunde glaube ich, dass jeder Mensch so funktioniert.

Klar verstehen das viele nicht. Das ist im Wesentlichen aber nicht nur hier in Deutschland so, sondern leider im Großteil der Welt. Ich verweigere mich der Behauptung, dass ein Problemempfinden gegenüber Multi-Identitäten in der deutschen Bevölkerung besonders oft auftreten soll. Es fällt hier nur besonders stark ins Gewicht, denn man hat den Debattierraum dazu und vor allem den Vorteil, dass man sich von einer einengenden nationalen Identität eigentlich schon längst optimal weit weg bewegt hatte. Ja dies war und ist ja eigentlich noch ein Hort der DichterInnen und DenkerInnen, also welch Wunder auch! Die mentalen Freiräume, die man sich andernorts noch mühsam erarbeitet, sind hier auf Grund der geistigen Vorgeschichte, aber natürlich auch bedingt durch den Dämpfer der Nazikeule und ihrer Folgen im Grunde schon längst vorhanden. Wie schön eigentlich!

Nun erheben sich jedoch die Stimmen derer, laut denen eben diese Freiräume wieder künstlich eingeengt werden sollen, denn ohne Nationalempfinden fehlt uns Deutschen doch etwas! Wir wollen genauso unsere stumpfsinnigen nationalen Symbole feiern, wie alle Anderen auch, obwohl wir eigentlich aus Erfahrung zu gut wissen, das diese nur hohle Gebilde sind. Vielleicht liegt dem nur eine Art banaler Futterneid oder so etwas zu Grunde?

Das erinnert ein wenig an die Zeit während der Hochphase der globalen Kolonisation, als die Deutschen, auf Grund ihres allzu geringen Erfolges, die permanente Unzufriedenheit plagte. Sie hatten immer zu wenig von dem, was die anderen hatten und das was sie selber hatten – nämlich eine reiche Kultur-/Kunstlandschaft und geisteswissenschaftliche Tradition – war Ihnen nicht Mannhaft genug. An dieser Stelle kam bekanntlich Hitler ins Spiel und blies ihnen durch den gestutzten Schnauzbart etwas Mannhaftigkeit in den Arsch. Aber da er selber auch nur ein Ei hatte, konnte das Ganze ja nicht gut enden. Das Schlimme ist: Man kann nicht mal aufrichtigen Herzens „Schade“ sagen.

Nun jedoch zurück zur Kritik am nationalistischen Gedanken: In den meisten Ländern war und wäre so etwas nicht einmal im geringsten diskutierbar. In vielen Regionen der Welt greifen seit Jahrhunderten, religiöse, kulturelle, nationalistische, rassistische Formeln so stark in den Alltag ein, dass eine kritische Sicht auf spezifische gesellschaftliche Themen im Auge der Allgemeinheit sofort als ultrakrasser Affront gegen die Gemeinschaft gesehen und auf Anhieb bekämpft werden muss. Nicht nur in sogenannten „Schwellenstaaten“, sondern zum Beispiel auch in den USA. Dort ist der Begriff „unpatriotisch“ beispielsweise noch erstaunlich oft als negative Wertung im alltäglichen Diskurs präsent.

Was unpatriotisch ist, hat in den USA – vor allem auf politischer Ebene – keine Legitimation! Warum ich jetzt explizit nur die USA nenne? Weil ich gschert (bayrisch für arschig) bin und auch weiß, dass das auffallen wird. Es ist ein strategischer Griff, um euch bei der Stange zu halten. Die einen fühlen sich wahrscheinlich provoziert und die anderen bestätigt. Das tut der Aufmerksamkeitsquote dieses Artikels gut. Abgesehen davon könnte man an dieser Stelle natürlich ganz viele andere Staaten ebenfalls nennen.

Zurück zum Thema: Diese Selbstverständlichkeit, die in der amerikanischen Öffentlichkeit vorherrscht, hat man sich wohl auch hierzulande schon lange herbeigesehnt, und das wohl schon seit der dramatischen Verstummung der flammenden Patriotenseele im Sommer 1945. Jetzt ist es aber bald wieder soweit! Auch hierzulande nehmen nationalistische Wertungskriterien zunehmend überhand. Woanders sind es religiös, oder kulturhegemonial dominierte. Ist ja auch wurscht, Hauptsache Identität.

Deswegen werde ich bei meinem nächsten öffentlichen Auftritt die deutsche Nationalhymne singen. Und zwar genau deswegen, weil sie mir schnurzpiepegal ist, genauso wie die türkische übrigens auch. Nationalhymnen finde ich lächerlich. Auch nationale Identitäten bewegen mich nicht. Nationen hingenen können mir leider nicht egal sein, denn als Funktionsprinzipien bilden sie aktuell die Grundlage dieser Scheiß-Weltordnung. Im Grunde sind sie jedoch nur Scheingewebe, weil im Hintergrund steuerbefreite Megakonzerne ihre Budgets steuern, aber da wären wir schon wieder bei der Verschwörungstheorie angelangt. In ein paar Jahren tun zwar dann alle so, als hätten sie das schon immer gewusst und auch schon ganz früh so formuliert, die feigen Säcke! Jetzt gehört es jedoch noch zur intelligenten Mainstreamansicht, so zu tun, als ob Staatsoberhäupter und Premiers die Nationen dieser Welt regieren….ich denke tatsächlich, dass das Bullshit ist.

An dieser Stelle komme ich völlig zusammenhangslos zu einem wichtigen Bekenntniss: Ja, ich bin ein Passdeutscher und ich liebe dieses Gefühl, dass ich meinen Pass einfach nur als Vehikel nutze, um mir Vorteile zu verschaffen. Wenn ich einen türkischen Pass hätte, wäre ich übrigens auch Passtürke, aber der türkische Pass bringt gerade nicht viel Vorteile. Also bin ich lieber Passdeutscher. Passamerikaner würde ich hingegen nie und nimmer sein wollen. Weder Adler, noch Halbmond und Stern wecken in mir irgendwelche hochtrabenden Emotionen. Nationale Zugehörigkeit ist für mich ein rein funktionaler Akt. Mehr braucht man sich da auch echt nicht einzubilden.

So schauts aus! Das heißt ja nicht, dass man nirgends dazugehört. Ganz im Gegenteil! Ich gehöre dahin, wohin ich mich zugehörig fühle, mitnichten jedoch zu einem durch nationale Grenzen eingeengten Raum, in welchen mich mein Pass im wahrsten Sinne „einpassen“ soll.

In mir schlagen mehrere Herzen  bla bla. Es schlagen soooo viele Herzen in mir, dass sie in einem Pass gar nicht Platz finden würden, könnten und müssten bla.

In diesem Sinne gerne mindestens #metwo! Die rassistischen Anfeindungen bin ich natürlich auch gewohnt, ist klar! Ich kenne sie sehr gut sogar. Die bewusst und offen geäußerten sind meist harmloser, als die bewusst subtil getätigten Diskriminierungsversuche. Am allerbesten kenne ich jedoch die am häufigsten vorkommende und hinterhältigste Variante: die naiv, dumm und unbewusst dahergelaberte, die mit einem dämlichen Gekicher garnierte, auf die man oft mit einer üblen subtilen Gegendiskriminierung antwortet, welche aber wiederum nichts bringt, weil sie auf Grund der abgrundtiefen Dummheit deines Gegenübers im positiven Sinne missgedeutet und als Selbstbestätigung mit Heim genommen wird. In dem Falle bleibt dir nur noch das barsche Brüskieren, aber das würde nur emotionales Chaos mit unwürdigem Gejammer mit sich bringen und das willst du dir nicht antun, wirklich nicht! Zumal sie dich dann im Heulton auch noch zum Täter machen, diese dreckigen kleinen Aasgeier. Sowas kann dann sogar in subkutan agierender Aggression ausarten. Es kann sogar passieren, dass du zur Projektionsfläche eines narzistischen Selbsterfahrungstrips wirst. Im schlimmsten Falle wirst du gestalkt. Im allerschlimmsten von einem völlig abstrusen Netzwerk aus rechtsnationlistischen AktivistInnen, Verfassungschutz und V-Männern ermordet.

Na, ja. Immerhin entsteht ab und an mal ein guter Witz!

Der dauernde Kulturkampf mit der Mainstream-Mehrheit ist eine zähe Angelegenheit. Man muss sich eine Reihe von radikalen Schocktherapiemethoden aneignen und dabei stark darauf achten, dass man nicht zu viel Zeit und Energie in Einzelfälle investiert, außer, man sucht kurzfristige Erbauung, oder man hängt wirklich an ihnen. Deswegen wende ich diese Form der Therapie meist nur noch an, wenn ich gleich einen Haufen Mitmenschen vor mir habe. Dann lohnt es sich wenigstens ordentlich und das in vierfacher Hinsicht: die dummen fangen’s Grübeln an, die narzistischen Psychos fühlen sich entlarvt und suchen sich ein anderes Opfer, die schlauen amüsieren sich und ich amüsier mich gleich mit.

Das beste sind Konterroutinen, die man in solchen Fällen dann wie Maschinengewehrsalven rausballert. Den Oberflächlichkeitsanteil dieser bemesse ich dabei wiederum an der Oberflächlichkeit meines Gegenübers. Je mehr er oder sie bereit ist, zu geben, desto mehr Intensität und Tiefe gibt es auch von mir, was oft auch bedeuten kann, dass es schmerzhafter wird. Aber jeder Milimeter menschlicher Nähe ist es Wert. Glaubt es mir! Nimm den Schmerz, wandle ihn um in positive Energie und gib diese ungehemmt weiter. Es lohnt sich!

Am schönsten wär’s eh ganz ohne diesen bescheuerten Hick Hack.

Und wenns gar nicht klappt, dann kann man sich ja immer noch einfach in Ruhe lassen.

In diesem Sinne: #weatleasttwo!

2 Gedanken zu “Eigentlich ist jeder von uns mindestens zwei

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