Putsch in der Türkei – Verschwörungstheorie mit Ansage

Beinahe hätte ich meinen zweiten Putsch in der Türkei miterlebt. Beim letzten im September 1980 (Halleluja!) war ich gerade mal 11 Jahre alt. Ich kann mich noch genau erinnern. Mein Dad und ich waren mit dem geilen Alpha Romeo Giulia runtergefahren, den er damals gebraucht gekauft hatte. Der Klassiker mit dieser komischen Farbe auf der Karosserie – eine Mischung aus Taubenblau und Violett. Es war eine Wonne an Auto – äußerst sportlich! Mit dem konnte man mal ordentlich flitzen und das haben wir auch gemacht. Denn meine Oma war gestorben und wir mussten so schnell wie möglich runter an die westliche Schwarzmeerküste, wo sich unser Familiensitz immer noch befindet.
Ich war ein verträumtes Kind und realisierte relativ wenig von all dem Trauerzeremoniell um meine Oma. Die ganze Zeit war ich nur draussen mit meinen Cousins, bis mein Onkel mit der Nachricht vom Putsch ankam. Tatsächlich fuhren dann relativ bald auch die Jandarmen in ihren Jeeps vorbei, mit MG’s in den Händen.
In der Folge konnte ich aus bürokratischen Gründen nicht mit meinem Vater zurückreisen und musste einige Tage bei meinem Onkel in Istanbul verbringen. Das war trist! Denn die Straßen waren leer. Es bestand Ausgangssperre und ich sass oft auf dem Balkon und starrte in die leere Stadt.
Genau an diese Tristesse musste ich mich erinnern, als nun in der Nacht vom 15. auf den 16. Juli die Düsenjets mit einem ungeheueren Lärm die Schallmauer durchbrachen und über unsere Köpfe flogen. Mein Bruder und ich gingen auf Hamsterkauf und kamen uns ziemlich dämlich dabei vor. Dann die Bilder mit den Bombardements aus Ankara. Es war eine unwirkliche Szenerie, in der wir uns von einem Moment auf den anderen befanden. Vor ein paar Stunden schlenderte ich noch in angenehmer Gesellschaft über eine der Prinzeninseln: Heybeliada. Es war idyllisch und wunderschön. Nach dem Abendessen kehrten wir mit der Fähre zurück aufs asiatische Festland und plötzlich begann das Horrorszenario. Wir verbrachten fast die ganze Nacht vor dem Fernseher, betrachteten die bestürzenden Bilder und rechneten schon mit dem Bürgerkrieg, als es dann plötzlich Morgen wurde und alles vorbei war.

Die Gentrifizierungsbaustellen liefen wieder auf hochtouren, die Läden waren geöffnet, keine Ausgangssperre, wie von den Putschisten angekündigt, das beste Istanbuler Wetter. Vereinzelt knallten anscheinend noch Schüsse am Atatürk-Flughafen und in Ankara im Armeehauptquartier, die Putschisten, hohe Generäle und Offiziere, wurden einer nach dem anderen Festgenommen. Bald kursierten Vorher-Nachher-Bilder von ihnen, auf denen sie – gefoltert und misshandelt – kaum mehr wiederzuerkennen waren. Diese waren wohl zumindest noch in die Verantwortung zu ziehen für ein Vergehen, dass sie selber geplant und durchgeführt hatten. Die armen Rekruten der Panzerdivisionen jedoch – die einfache Soldaten waren, blutjung, unerfahren, einem bescheuerten Befehl blind gehorchend – wurden direkt vor laufenden Kameras misshandelt und gedemütigt. viele von ihnen wurden vom wild gewordenen Volksmob einfach gelyncht, denn Erdogan forderte alle Bürger dazu auf, auf die Strassen zu gehen und das Vaterland zu verteidigen. Er stilisierte die Gegenwehr gegen den Putsch zur Ehrensache und trieb seine Anhänger massenweise auf die Strasse, mitten unter die Bomben- Granaten und Kugelhagel.

Und diese waren dummdreist genug, um ihrem Führer folge zu leisten. unglaubliche Szenen spielten sich ab. Menschen legten sich unter Panzerketten und wurden auch getötet. Sie stellten sich – die türkische Fahne zu einer Art Superman-Umhang umfunktioniert – gegen die Läufe der Soldaten.

Aber all das schien die grosse Masse nicht mehr zu stören. Ganz im Gegenteil. Die Meute wurde nun angereichert durch Kinder, und Familienmitglieder und zog in Autokonvois hupend mit Fahnen durch die Strassen, um die Errettung der Demokratie zu feiern. Mir kams so vor, als wäre das die Kompensation für das frühe aus bei der Fussball-EM. Die fast 270 Toten und 1400 Verletzten juckten sie wohl nicht so sehr?

Noch immer bin ich Fassungslos über diese Eskalation der Gewalt und des Massenpopulismus. Noch erstaunter sind natürlich diejenigen, die in diesem Land nicht sozialisiert sind. Seitdem werde ich ständig um meine fachmännische Meinung gefragt. Die will ich euch hiermit nicht vorenthalten:

Also ich glaube tatsächlich, dass das ein paar hornochsige Generäle und Offiziere waren, die vermutlich sogar wirklich der Organisation des gemässigten Predigers Fethullah Gülen nahestanden, welcher sich ja bekanntlich seit Jahren in den USA – genauer gesagt in Pensylvania – befindet.
Ich nenne diese Generäle ganz bewußt „Hornochsen“, weil sie eigentlich hätten wissen müssen, dass ein Putschversuch in der jetzigen Zeit in der Türkei zum Scheitern verurteilt ist.

Warum? Weil nämlich:

1. Erdogan die Armee schon weitestgehend durch den Ergenekon-Prozess vor ein paar Jahren gestutzt und auf Linie gebracht hat.
2. Man schon zu dumm sein müsste, um davon auszugehen, dass unter diesen Umständen subversive Handlungen und Treffen in der Armee nicht auffallen würden.
3. Man schon ultradumm sein muss, wenn man glaubt, dass man in der heutigen Zeit in der Türkei sich noch auf die Solidarität der grossen Armeeverbände, wie die 1. Armee in Istanbul zum Beispiel, verlassen kann, ohne welche faktisch noch kein einziger der 3 bisherigen Putsche der Republiksgeschichte geglückt ist.

Und da kommen wir schon auch zu meiner Verschwörungstheorie:

Also ich glaube, dass man die Zelle schon lange ausgekundschaftet hatte und sie einfach machen liess, mit dem Plan, den Putsch kontrolliert eskalieren zu lassen, um ihn in Windeseile niederzuschlagen. Warum man sowas überhaupt machen wollte? Was das bringe?

Ganz einfach: Erdogan geht es ums Präsidialsystem. Er will alleine herrschen. Faktisch tut er das schon. Er will sich die Macht aber formell versiegeln lassen. Das ist ganz wichtig, wie man an den vorletzten Wahlen gesehen hat: ist die absolute Ḿehrheit weg, wackelt das ganze korrupte System wie Espenlaub. Also muss man es stabilisieren. Dies ist auch im Sinne einiger internationaler Kapitalkreise und für diese arbeiten nationale Geheimdienste.

Also wenn jetzt das bekannte Kürzel fällt, bitte nicht gleich die Augen verdrehen: ja ich sage CIA!!! Jetzt höre ich schon einige von euch sagen: „in der Not immer auf die Amis“. Aber diese Empörung trifft vorne und hinten nicht zu. Der CIA ist meiner Meinung nach losgelöst zu sehen von den Amis. Es gibt keine nationalen Interessen mehr! Also arbeitet der CIA auch nicht für die Amis. Hat er vielleicht zu frühen Nachkriegszeiten noch, aber ich denke, es geht hier um die internationale Mafia (haaaach wie schön verschwörerisch!) und ihre Interessen.

So wie lief die ganze Sache jetzt ab? Ich denke, dass die Idee bei den regelmässig stattfindenden geheimen Brainstorm-, bzw. Think-Tank-Treffen entwickelt wurde. Der türkische Geheimdienstchef steckte seinen Kopf zusammen mit den Kollegen vom CIA und man entwickelte etwas schönes. Erdogankritische Depechen aus dem Weissen Haus stören in der Zwischenzeit kaum, eignen sich wunderbar zum verdecken der Aktion.

Man heckte also den Plan aus, und behielt währenddessen die Putschisten über interne Spitzel im Augenwinkel. Ich denke der Termin wurde dann der organisation tatsächlich von besagten Spitzeln mehr oder weniger aufgedrängt. Ich denke, dass sie den inneren Kreis der Putschisten relativ früh unter ihre Kontrolle gebracht haben und nur noch auf den Knopf drücken musssten. Diese Spitzel kamen meiner Meinung nach aus dem türkischen Geheimdienst, wurden aber im Hintergrund ständig vom CIA gebrieft.

Der CIA war für die gezielte harte Arbeit zuständig. Ich denke die unbeleuchteten Cobra-Hubschrauber, die in völliger Dunkelheit über dem Dach des Parlamentsgebäudes rumgekurvt sind, waren besetzt mit mindestens jeweils einem Special Agent. Solche Stunt-Aktionen haben die Türken schon auch drauf, aber die Präzision lässt eher auf Hilfestellung von den starken Freunden schliessen.

Von dieser Infiltration haben die Putschisten wohl keinen Wind bekommen. Die waren eher mit den Standarts beschäftigt: Fernsehsender besetzen, Manifeste verlesen lassen, blutjunge ahnungslose Rekruten in ihr erbarmungsloses Verderben auf die Bosporusbrücke schicken, Generäle entführen etc.

Jetzt fragt ihr euch: warum das Ganze?

Frag ich mich auch!

Man kanns doch eigentlich so gechillt haben ey! Die Türkei Sonne, Mond und Sterne, Kebap, Bauchtanz und so…..

Die Türken sind halt bisschen unlocker, weisst. Die haben keinen Stock, sondern gleich nen ganzen Maibaum im Arsch. Den haben sie sich im 19. Jhd. von den Jungtürken verpassen lassen.

Und wie findet ihr meine Verschwörungstheorie?

4 Gedanken zu “Putsch in der Türkei – Verschwörungstheorie mit Ansage

  1. Hey Tuncay,

    bis auf die Beteiligung des CIA hatte ich ähnlich gedacht, dass Erdogan schon von dem Putschversuch wusste (bei seiner TV Anwesenheit wirkte er auffallend unaufgeregt) und aus den von dir genannten und einsichtigen Gründen hat er den Putsch auch als „Geschenk Gottes“ bezeichnet.

    Schade um das schöne Land mit seinen leibenswerten Leuten.

    Servus Michael

    • danke für deine resonanz genosse.

      die geteiligung des cia ist natürlich der klassiker unter den verschwörungstheorien. da ich aber so einige stories mit beteiligung des cia kenne, füge ich in solche stories diese drei buchstaben mitlerweile reflexartig ein – natürlich auch, um etwas zu provozieren. es ist eher eine humoristische „auf blöd“ einlage sozusagen.

      aber: wer weiss?

      ich glaube nicht, dass das eine alleinige angelegenheit der türkei und der regierung erdogan ist. das was jetzt dort vorgeht wird die weltpolitik und -wirtschaft entscheidend mitbeeinflussen. da können sich diverse institutionen es sich gar nicht erlauben passiv zu bleiben. wenn ein solche putschversuch zu einer solchen zeit stattfindet, dann „muss“ er entweder glücken oder er „muss“ misslingen. je nachdem welche absicht man damit bezweckt. das verantwortung eines irgendwie gearteten risikos wird man nicht alleinig der türkei überlassen.

      ausserdem: heute früh wurde die nato-militärbasis in incirlik von türkischen polizeieinheiten belagert. verdacht: amerikanischer putschversuch unterstützt durch deutsche tornados. ich glaub ich bin gar nicht so weit weg mit meinen vermutungen. da gärt noch einiges unter der oberfläche. wir können froh sein, wenn wir es in 10 jahren vielleicht mal erfahren.

      die normalo-menschen werden am meisten darunter leiden. das ist klar. momentan ist es sehr gefählich, auch nur einen finger zu regen. fatal!

  2. Ich wollte nur mal eins klar stellen. Du behauptest also, dass der Putchversuch von Erdogan selbst bewusst gestartet und geplant wurde und dies machst du dingfest anhand seines Auftrittes im Fernsehen vor dem Putsch wo er deiner Meinung nach sich auffälig nervös benommen hat? hahaha
    ah warte sorry und das der putschversuch von anfang kläglich zum scheitern verurteilt war und dass deiner Meinung nach niemand so dumm wäre so etwas zu starten. Aber warte ma drehen wir das ganze doch einmal um
    Wie stellst du dir das vor?
    Erdogan geht zur Armee und sagt denen: hey Leute ich will alleine über die türkei herrschen wollt ihr mir dabei helfen?
    und die armee denn: joa was springt fur uns raus?
    erdogan : eh ja ihr werdet landsverräter ihr werdet von allen gehasst eure familie wird schlecht behandelt weil sie in verbindumg mit euch standen und eh ja ihr werdet als schandfleck in der geschichte der türkei gesehen. Ich werde euch dann auch vermutlich noch einsperren lassen aber ja das macht ihr doch sicherlich für mich oder?
    hahahaha
    also ich kann deine Verschwörungstheorie nicht so ganz nachvollziehen sorry
    und deine Verbindung mit der CIA ist einfach nur dämlich und ebenfalls überhaupt nicht nachvollziehbar, aber jedem seine eigene theorie wollte dir nur zeigen das man auch genau andersrum denken kann. Spann den Wagen nicht nur von der einen Seite auf! Guck dir immer alles an.

    • danke für die resonanz, aber du hast leider nicht genau gelesen. genau so meinte ich das eben nicht. ich könnte mir vorstellen, dass der türkische geheimdienst (entweder mit hilfe eines ausländischen, oder eben alleine) den putschversuch zugelassen hat und die regierung durch die solidarität grösserer armeeverbände abgesichert hat. das muss gar nicht in mitwissenschaft erdogans passieren.

      geheimdienste agieren mitunter ziemlich selbständig und verfolgen auch meiner meinung nach nicht unbedingt nur nationale interessen.

      ich geb dir jetzt mal nen tip: die gegenmeinung, die du zitierst ist eine gängige, die sich gegen die argumentation wendet, die ein eigenszenario erdogans in dem putsch sieht. du hast sie im grunde kopiert und hier eingefügt, deswegen passt sie auch nicht zu meiner argumentation. denn ich glaube nicht, dass erdogan sich mit den putschisten geeinigt hätte. das ist überhaupt nicht meine meinung. deswegen ist deine antwort auch fehlplatziert, denn das, was du behauptest, dass ich behauptet haben soll, habe ich nie behauptet. das heisst du führst einen kampf gegen windmühlen. lies dir meinen text lieber nochmal durch und mach dir deine eigenen gedanken.

      ich schildere hier schliesslich auch meine eigene meinung und nicht die von hinz und kunz. und: meine meinung kann sich auch ändern.

      jetzt hat die regierung übrigens beef mit dem geheimdienstchef. erdogan will ihn absetzen lassen, weil er angeblich den putsch unterstützt hätte. er hat den armen mann meiner meinung nach falsch verstanden. der wollte ihn doch nur was gutes tun. natürlich nicht, ohne die interessen der internationalen kapitalsmafia zu berücksichtigen. ich denke hakan fidan hat die putschzelle observieren und kontrolliert gewähren lassen. aber er handelt meiner meinung nach nicht autonom und er wäre selber auch zu doof für so eine strategisch geschickt ausgeführte und riskante nummer. deswegen könnte ich mir vorstellen, dass er mit einem grossen ausländischen geheimdienst kooperiert hat. das hat er wohl, so wie es aussieht, ohne erdogans wissen gemacht und das regt den sultan eben jetzt auf.

      denn der weiss ganz genau: er wird irgendwann weg sein, aber er wird die plattform geboten haben für die etablierung eines systems. und nur darum geht es!

      da er merkt, dass er – trotz all seiner macht – die kontrolle über die beschaffenheit dieses systems allmählich verliert, schiesst er jetzt alles auch nur ansatzweise verdächtige einfach ab. auch hakan fidan.

      weiterdenken!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *