Die Königinnen und Könige von Palmyra

Ja, ja, die Sassaniden, das war ja so ein kriegerisches persisches Volk, das in der römisch-kaiserzeitlichen Antike den Römern ständig ärger machte. Im Jahr 260 n. Chr. nahmen sie sogar den römischen Kaiser Valerian als Geisel, töteten ihn, häuteten angeblich seine Haut und hängten sie – nachdem sie sie mit Zinnober gefärbt hatten – als Warnung in einem ihrer Tempel aus. Huiuiui!

Ruinen von Palmyra

Ruinen von Palmyra

Für die damaligen Verhältnisse war das mehr als spektakulär! Ihr Nachbar, König Odaenathus – seines Zeichens König von Palmyra – versuchte sich daraufhin den Sassaniden als Komplize anzubiedern, um sich an den von jenen eroberten Ländereien mitbereichern zu können. Die Sassaniden waren von ihrem alleinigen Herrschpotential jedoch anscheinend sehr überzeugt und lehnten dieses Gesuch kurzerhand ab.
Odaenathus erwies sich jedoch als ein hartnäckiger Geselle. Er wollte den Sassaniden partout nicht das Feld alleine überlassen. Ist ja auch klar: wer die Römer drangsaliert, macht irgendwann vor Palmyra auch nicht halt! Deswegen nahm er die einzige taktische Alternative in Anspruch, die ihm blieb: Er stellte sich auf die Seite der Römer. Das konnte er sich aber auch leisten, denn er hatte eine fette Armee, die er sich über die Jahre zusammengestellt hatte, denn Palmyra war zu der Zeit eine aufstrebende Handelsstadt, die als Oase und als Karawanenzentrum diente und mitten auf der Seidenstrasse Richtung Mesopotamien und Kleinasien lag. Das bedeutete natürlich einen Haufen Zaster, ist ja klar. Und diesen strategischen Vorteil wollte sich Odaenathus selbstredend vergolden lassen.

Also besiegte er kurzentschlossen die Sassaniden. Die Römer hingegen – wie von diesen miesen Halunken auch nicht anders zu erwarten – feierten ihn zunächst ab und überhäuften ihn mit Privilegien und Sonderrechten, Steuerbegünstigungen und puderten ihm noch ordentlich den Arsch, so dass der Mann vollkommen die Kontrolle über seine Hybris verlor und immer mehr und mehr forderte, was die Römer natürlich irgendwann zu nerven begann. Aber ich würde ihnen zutrauen, dass das auch ihre perfide Strategie war.

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Zenobia, Königin von Palmyra.

Ca. 10 Jahre lang hielten sie seine Faxen aus, aber dann war schicht im Schacht: Odaenathus verstarb aus „ungeklärten Gründen“ 267 n. Chr.. Aber die Römer hatten die Rechnung ohne seine Frau gemacht! Die liess nix anbrennen und übernahm quasi die Macht im Namen ihres unmündigen Sohnes und bot den Römern erst recht die Stirn. Sie schwang sich an die Spitze der Armee auf und eroberte ganz Mesopotamien und Teile von Kleinasien. Damit nicht genug: Sie ernannte sich zur Augusta und beanspruchte den Titel der oströmischen Kaiserin, als ebenbürtiger Konterpart zum weströmischen Kaiser. Sie war also noch ein Stück dreister, als einst ihr Mann und alle Sassaniden zusammen es vermocht hatten zu sein.

Mitlerweile war in Rom Kaiser Aurelian am Start und mit dem war auch nicht gerade gut Kirschenessen. Der Kaiser hatte schon die Goten, Juthungen, Markomannen und Vandalen in die Flucht geschlagen, dann kamen die Germanen wieder über die Alpen und führten sich auf, ne Revolte entsprang im Reich und er musste sich parallel noch gegen seine Gegenkaiser durchsetzen. Puuh! Ein Haufen Action! Aber Aurelian war wie gesagt ein harter Knochen und hat das alles ganz gut hingedeichselt.

Ja, und dann war’s 271 n. Chr. endgültig soweit. Mitlerweile war der Mann richtig heißgelaufen und knüpfte sich Zenobia und ihre Palmyrener vor. Die hat in der Folge zwar noch ein Jahr lang erfolgreich Gas gegeben und hat’s den Römern echt nicht leicht gemacht, aber im Endeffekt hat sie dann natürlich ordentlich eins auf die Mütze gekriegt, wurde einkassiert und nach Rom verschleppt. Was da aus ihr geworden ist, weiss leider keiner mehr genau. Das ist schade eigentlich. Es gibt nur Gerüchte: vom Tod im Kollosseum, bis hin zur Geliebten im Palast des Kaisers. Zenobia ging ein als eine der wenigen Frauen, die in der Antike als Herrscherin das Heft in die Hand genommen und die Römer zum schwitzen gebracht haben. Sie wird von der arabischen Intelligentia und von den Sekularisten als Symbolfigur der selbständigen arabischen Frau gefeiert. Für die Syrer – im besonderen für das Assad Regime – gilt sie als nationale Kultfigur.

Aber zurück zur Geschichte! Syrien wurde auf jeden Fall wieder römische Provinz. Die Bevölkerung machte dann noch ein paar Faxen, aber das hat auch nicht mehr viel geholfen. Eher brannten bei den Römern die Sicherungen nun erst recht durch und die Stadt wurde erstmal komplett zerstört.

Dann kamen irgendwann die Christen…dann die Moslems.

Hmmm. Na, ja!

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Max von Oppenheim zusammen mit einem Beduinenführer aus der Region um Tell Halaf (jetziger Irak).

Im 18. Jhd. entdeckten dann die europäischen Schöngeister die Ruinen und ab da war erstmal Holzschnitt- und Nobel-Tourismus angesagt. Die Moderne brachte dann den althistorischen und kulturwissenschaftlichen Anspruch und es wurde gegraben und gegraben und gegraben. Die gesamte arabische Halbinsel, Mesopotamien, Kleinasen – überall tummelten sich skurrile Gestalten, die im Auftrag ihrer Imperialmächte Archäologie und Spionage betrieben.

Die deutschen hatten ihren Max von Oppenheim, der das mesopotamische Tell Halaf entdeckte, deren teilweise monumentale Fundstücke dann im ersten Weltkrieg nach Berlin gebracht wurden, wo sie im 2. Weltkrieg dann zerstört wurden und deren Trümmer  in Kisten in einem Heizungsschacht vergessen wurden, bis sie dann nach der Wende tatsächlich wiederentdeckt wurden.

Gertrude Bell

Gertrude Bell

Die Briten beauftragten die Archäologin Gertrude Bell und T.E. Lawrence, in den Problemzonen Palästina, Jordanien, Syrien, Arabische Halbinsel irgendeine Form von Ordnung einzurichten. Die beiden ritten dann auf dem Kamelrücken durch die Wüste und richteten eine Menge Unfug an, dem wir heute noch fast sämtliche Unruhen in dieser Region Schulden.

Faisal und Lawrence

Prinz Faisal in Begleitung von britischen Offiziellen bei der Pariser Friedenskonferenz 1918. Gleich rechts hinter ihm: T.E. Lawrence.

Der ganze nahe Osten und der sogenannte Orient wurde damals immer interessanter, alleine aus strategischer Sicht, aber vor allem wegen der reichen Ölvorkommen. Die sozialen und gesellschaftlichen Strukturen waren aber alles andere als übersichtlich, denn es lebten dort viele kriegerische, rivalisierende – meist muslimische – Stämme, die schwer unter einen Hut zu bringen waren.

Das Ziel der Imperialen Mächte war es damals also, eine Lösung zu finden, mit der man die gesamte Region leichter kontrollieren konnte. Man brauchte einen mächtigen Partner, der natürlich auch Moslem sein musste und auf den in der Region „alle“ hörten. Mit Betonung auf „alle“, denn in der imperialen Phantasie waren all diese Völker trotz ihrer Diversitäten in ihrer „Fremdheit“ nämlich eine Einheit, also auch einheitlich zu beherrschen. Das war der imperiale Traum, der sich natürlich nie bewahrheitete und die Region in ein Trauma getrieben hat, das bis heute noch andauert.
Die deutschen kooperierten mit dem Osmanischen Reich und liessen den Dschihad gegen die Alliierten ausrufen. Die Engländer hingegen intrigierten geschickt und versuchten durch die Schlüsselfiguren Gertrude Bell und Lawrence ein neues gemeinschaftliches Identitätsbewusstsein unter den arabischen Stämmen zu etablieren, dass seine Kraft vor allem aus der Opposition gegen das verhasste Osmanische Reich nahm.

Sie versprachen dem haschamitischen Prinzen Faisal ein Königreich auf der saudischen Halbinsel, das die heiligen Stätten in Mekka, ganz Syrien und Palästina beinhaltete. Mit diesem Versprechen gewannen sie den Kampf um diesen hochbegehrten imperialen Günstling, um den sich schon seit längerem auch Max von Oppenheim im Auftrag der Deutschen bemühte. Während sie dies taten fand jedoch eine Geheimabmachung zwischen den Franzosen und den Engländern statt, die für den Fall der siegreichen Beendigung des 1 Weltkrieges eine ganz andere Aufteilung vorsah: nämlich ohne jegliche Beteiligung von lokalen muslimischen Stämmen. Max von Oppenheim hatte den Kampf um Faisal verloren, aber versuchte noch verzweifelt die Stämme in der Region gegen „die Feinde“ zu „revolutionieren“. Vergebens! Die Engländer waren einfach die besseren Taschenspieler.

Und so kam es dann, dass das besagte geheime Abkommen, mit dem Namen Sykes-Picot, 1916 vereinbart und nach dem Ende des Krieges mit der Pariser Friedenskonferenz abgesegnet wurde. In Syrien setzten die Franzosen ihre kolonialen Pläne durch und Prinz Faisal konnte sich die hohle Hand lecken. Die gute Gertrude Bell und Lawrence von Arabien waren brüskiert durch ihre eigene Imperialmacht.
Gertrude war aber fest entschlossen ihren Prinzen doch noch zu hohen Würden kommen zu lassen und schaffte es tatsächlich, den Staat Irak in Mesopotamien zu inszenieren und 1920 dann schlussendlich ihren sunnitischen Lieblingsprinzen Faisal in einem vorwiegend von Schiiten bewohnten Irak als König einzusetzen. Für alle, die das schon lange interessiert hat: Das ist der hauptsächliche Grund dafür, warum im Irak seitdem fast ein jahrhundert lang eine sunnitische Minderheit über eine schiitische Mehrheit geherrscht hat.

Gertrude Bell, Max von Oppenheim, Lawrence von Arabien wurden in der Zeit danach als große Helden des Orients gefeiert. Filme wurden gedreht, Bücher geschrieben. Gertrude ist in die Geschichte eingegangen als „Queen of the Desert“ und Lawrence’s Leben wurde ja bekanntlich mit Prominenter Besetzung verfilmt. Max von Oppenheim’s Popularität begrenzte sich da eher auf Deutschland, aber er hatte ja auch für die Verlierer gekämpft. Selber Schuld!

Khaled al-Asaad

Khaled al-Asaad

Aber kommen wir zurück zu Palmyra: Unter all den verschiedenen Archäologen bemühte sich einer besonders für die alte Metropole: Khaled Al Asaad. 40 Jahre lang war er Leiter der archäologischen Stätte, bis er dann im August 2015 von der DAESH gefoltert und dann geköpft wurde. Seinen Leichnam hängten diese Irren an eine zentrale Wegkreuzung im Ort und liessen ihn erstmal hängen. Angeblich hatte sich Asaad geweigert, die DAESH-Milizen zu vermeintlich noch begraben liegenden Schätzen zu führen.

Khaled al Asaad wurde in Palmyra geboren, verbrachte die meiste Zeit seines Lebens dort und starb auch an diesem Ort. Er rettete bis zum letzten Moment Kulturgüter und weigerte sich strikt, den Ort zu verlassen, obwohl er genau wußte, dass er unter Lebensgefahr stand. Vielleicht war er der wahre König von Palmyra?

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