Das gespaltene Volk

Also jetzt muß ich das schon mal bemerken: wie ich das mitkriege, sehnen sich viele momentan nach einer gewissen Einheit in der Bevölkerung. Das folgere ich daraus, dass ich oft das Bedauern zu hören kriege, „das Volk sei so gespalten“. Dies ist natürlich vor allem den heftigen Kontroversen im Zuge der aktuellen Sicherheits- und Abstands-Maßnahmen rund um die Pandemie geschuldet. Die Gemüter kochen hoch und die Frage nach dem richtigen Umgang mit dem Virus führt zu ungewohnten politischen Debatten auf gesamtgesellschaftlicher Ebene, an denen sich nun auch Menschen beteiligen, die sich bisher bei politischen Debatten meist in nobler Zurückhaltung geübt haben. „Das bringt ja eh nix“ war beispielsweise ein oft angebrachtes Argument, wenn es um politische Initiative ging. Das hat sich nun drastisch geändert. Eine breite Bevölkerungsschicht ist jetzt – wohl angeheizt durch die persönliche Betroffenheit – mitten im politischen Diskurs angekommen. So viele Antikapitalist*innen und Globalisierungsgegner*innen wie jetzt, waren bisher selten im Alltag anzufinden, wenn auch leider mit ziemlich unklaren politischen Hintergründen. Kein Wunder: woher soll die politische Bildung auch kommen, wenn man sich bisher nie mit komplexen Sachverhalten beschäftigt hat? Vielen kommt daher die politische Empörung in der Nußschale á la Querdenker und Verschwörer sehr gelegen. Denn die machen es einem endlich mal leicht und bedienen das niedrige Niveau-Bedürfnis mit Mundgerechten Mythen.

Die ersten male, als ich dieses Bedauern einer fehlenden Volkseinheit wahrnahm, legte es sich tatsächlich auch ganz subtil und automatisch auf mein Gemüt, obwohl ich noch nie viel mit dem Begriff der „nationalen Einheit“ anfangen konnte. Ich glaube, es geschah aus reiner Empathie und emotionaler Anfälligkeit. Aber die Tatsache, dass auch ich einige Freund*innen an halbgare Verschwörungsideologien verloren habe, hat wohl ebenfalls mein emotionales Zentrum im Gehirn getriggert.

Nach ein paar Wochen der Irritation, des Unveständnisses hat sich jedoch ein Sicherheitsventil eingeschaltet, auf das ich mich in solchen Situation immer verlassen kann: Wut und Trotz. Jetzt werden sich einige Vertreter*innen der altbewährten deutschen Sachlichkeit, beim Lesen dieser Zeile denken: „Mmmjoaaah…weiß ja nicht, ob Wut und Trotz so gute Berater sind? Mimimi…“. Aber ich kann euch versichern: Ja! Für mich sind sie es tatsächlich! Wenn wir hier schon von Emotionen reden und es auch um eine emotionale Sache geht, dann kann man sich auf die belebende Wirkung von Wut und Trotz schon verlassen, denn sie holen einen aus der Lethargie und ermöglichen Tatkraft und Initiative. Aber einen wichtigen Nachsatz muß ich dazu anfügen – und der ist entscheidend: „solange man sich ihnen nicht ergibt!“, denn das kann gerne mal ins Desaster führen!

Das ist eine sehr wichtige Relativierung. Denn man kann den Impuls des Wutes und des Trotzes wunderbar als eine Art Zündkerze nutzen, um sich selber zu empowern, zu motivieren, die Sinne zu schärfen und innerlich zu wappnen. In der Ausführung jedoch, regiert natürlich nicht die Rasierklinge, sondern immer noch die Merkel’sche Raute! Das ist klar!

Bevor man sich also von eine*m Schwurbler-Freund, oder -Freundin trennt, muß das nüchterne Argument auf Basis einer menschlichen Empathie abgefragt werden. Und genau so bin ich auch im Rahmen meiner Gedanken zu oben genanntem Thema zu einem Resultat mit mir selbst gekommen:

„Wir leben hier in einer verfassungsrechtlich verankerten Demokratie und in einer Demokratie darf es meiner Meinung nach keinen umfassenden und einheitlichen Konsens in politischen Fragen geben. Mit so einigen Gesinnungsträgern und Spiessgesellen in diesem Land werde ich mich  bis an mein Lebensende nicht einigen!. Das steht fest! Ich glaube auch nicht an eine völkische, kulturelle, nationale, oder auch sonstwie geartete Einheit, in die sich eine ganze Bevölkerung begibt.

Es wird hoffentlich nie eine einheitliche Gesinnung geben und wir werden uns hoffentlich immer gründlich streiten. Denn der Sinn und Zweck einer Demokratie ist es nicht, eine einheitlich gesinnte Gesellschaft zu schaffen. So etwas ist eher der Wunsch von Menschen, die einer Diktatur zugeneigt sind, denn so eine Einheit muß im Gegenschluß bedeuten, dass nur eine Gesinnung akzeptiert wird und alle anderen in der Tonne landen. In einer Demokratie hingegen muß es so viele unterschiedliche Meinungen geben, wie auch nur irgend möglich.

Nur ein Konsens ist grundsätzlich unverzichtbar und auch essentiell wichtig. Es ist vielleicht sogar der einzige Konsens, dem wirklich jeder Mensch, oder zumindest eine überdimensionale Mehrheit in einer demokratischen Gesellschaftsordnung zustimmen muß: das ist die Treue zu einer demokratischen Verfassung und Grundordnung. Da müssen wir uns alle treffen, auch wenn wir uns spinnefeind sind! Denn nur die garantiert uns die verfassungsrechtlich Verankerte Menschenwürde und Freiheit.

Die demokratische Verfassung steht außer Diskussion. Insofern ist das ganze Geheule von einer „fehlenden Einheit im Volke“ einer subtil indoktrinierten, völkisch tendierten, romantischen, pseudohistorischen Vorstellung geschuldet. Auch die deutsche Einheit hat es nie gegeben und es wird sie auch hoffentlich nie geben. Die Sehnsucht nach ihr führte dieses Land und die ganze Welt schon 2 mal in die größte nationale und globale Katastrophe.

Also: immer schön streiten und dabei konstruktiv bleiben. Die völkische Einheit ist ein emotionaler Trigger, mit dem populistische Demagogen auf Bauernfang gehen. Es ist kein gesellschaftliches Ideal, das uns als Menschheit wirklich weiterbringt. So seh ich das. Weiss nicht, was Ihr dazu meint?

Während ich das alles schreibe, höre ich übrigens Count Basie in Montreux 1977. Auf Vinyl versteht sich. Welch Luxus!

3 Gedanken zu “Das gespaltene Volk

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